https://www.faz.net/-gzg-vx1v

Kommentar : Autonomie für alle

  • -Aktualisiert am

Kein Festakt, nur eine Dienstbesprechung und ein Umtrunk für die unmittelbar Beteiligten: In aller Stille vollzieht sich an der Frankfurter Universität zum Jahreswechsel die bedeutendste Veränderung ihrer jüngeren Geschichte.

          1 Min.

          Kein Festakt, nur eine Dienstbesprechung und ein Umtrunk für die unmittelbar Beteiligten: In aller Stille vollzieht sich an der Frankfurter Universität zum Jahreswechsel die bedeutendste Veränderung ihrer jüngeren Geschichte - der Übergang von einer Landesanstalt im Range einer nachgeordneten Behörde zu einer weitestgehend selbständigen Stiftung. Vielleicht bietet sich in vier Jahren, wenn die Amtszeit von Universitätspräsident Rudolf Steinberg zu Ende geht, Anlass, das Erreichte zu würdigen. Denn in der Natur der jetzt eingeleiteten Reform liegt es, dass ihre Auswirkungen erst nach geraumer Zeit sichtbar werden - im Guten wie im Schlechten.

          Günstigenfalls mehrt die Goethe-Universität ihr Ansehen durch kluge Nutzung der Freiheiten, die ihr nun gewährt werden. Sie beruft in allen Fachbereichen hervorragende Wissenschaftler, macht durch wegweisende Forschungsergebnisse von sich reden und gewinnt auf diese Weise weitere vermögende Gönner. In den Ranglisten zieht Hessens größte Hochschule dann mit europäischen Elite-Unis gleich, lockt noch mehr exzellente Forscher und begabte Studenten an.

          Ohne Rendite der Kampf um wissenschaftliche Existenz?

          Denkbar ist aber auch ein anderes Szenario. Der Aufschwung, den die Universität in den vergangenen Jahren genommen hat, geht weiter - doch er konzentriert sich auf jene Disziplinen, die aufgrund des zu erwartenden „Nutzwerts“ großzügige Förderung von privater Seite erfahren. Wissenschaftler, deren Tun keine schnell messbare Rendite verheißt, müssen dagegen um ihre akademische Existenz kämpfen. Studenten von Massenfächern lernen zwar in schönen neuen Räumen auf dem Campus Westend, doch die sind ebenso überfüllt, wie es die alten in Bockenheim waren. Und wer die Kühnheit hatte, ein Orchideenfach zu wählen, muss fürchten, dass es irgendwann einer neuen Runde der „Schwerpunktbildung“ zum Opfer fällt.

          Die bloße Möglichkeit, dass sich die Dinge ungünstig entwickeln, ist aber kein Grund, auf die Chancen zu verzichten, die der Autonomiegewinn eröffnet. Steinbergs Entschluss, diesen Weg zu gehen, war richtig, mag man auch über das von ihm vorgelegte Tempo streiten. Jetzt kommt es darauf an, alle Gruppen der Universität mitzunehmen. Nur wenn Professoren, Mitarbeiter und Studenten gleichermaßen vom Stiftungsmodell profitieren, gibt es in einigen Jahren wirklich Grund zum Feiern.

          Sascha Zoske
          (zos.), Rhein-Main-Zeitung

          Weitere Themen

          Der einsame Tod

          FAZ Plus Artikel: Sterben in der Pandemie : Der einsame Tod

          In der Pandemie sterben viele Menschen ohne jede Begleitung, bei den Begräbnissen muss auf manch tröstendes Ritual verzichtet werden. Verändert Corona die Art, wie wir mit dem Sterben umgehen?

          Topmeldungen

          Nicht alle zahlen hohe Steuern: Passanten gehen auf der Bahnhofstraße durch die Innenstadt von Hannover.

          IW-Studie : Wer trägt welche Steuerlast?

          Allen Steuertarifkorrekturen zum Trotz: Auf die unteren 70 Prozent entfallen 21 Prozent der Einkommensteuer – wie schon 1998. Damit zahlen 30 Prozent aller Haushalte in Deutschland fast 80 Prozent dieser Abgabe.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.