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Kommentar : Aus Respekt vor der Landschaft

Maß der Dinge: Auch der Kirchturm von Hallgarten wird nicht von Windrädern überragt werden Bild: Sick, Cornelia

Der hessenweit erste gültige Bürgerentscheid gegen die Aufstellung von Windrädern verdient Beachtung. Die vielen Stellungnahmen aus der Landespolitik belegen, dass das Rheingauer Votum über die Region hinaus bedeutend ist.

          Es liegt in der Natur der Politiker, politisch unliebsame Entscheidungen in ihrer Bedeutung herunterzuspielen und die Tragweite willkommener Beschlüsse zu überhöhen. Insofern verwundert die reflexhafte Bagatellisierung des Bürgerentscheids im Rheingau durch die SPD-Landtagsfraktion nicht. Doch der hessenweit erste gültige Bürgerentscheid gegen die Aufstellung von Windrädern verdient durchaus Beachtung. Die vielen Stellungnahmen aus der Landespolitik sind ein unzweifelhafter Beleg dafür, dass das klare Votum der Bürger im Rheingau über die Weinregion hinaus von einiger Bedeutung ist.

          Die Energiewende hat für viele Bürger bislang einen eher abstrakten Charakter, sieht man von steigenden Abschlagszahlungen auf den monatlichen Stromrechnungen einmal ab. Wer im Zinstief nicht nach einer renditeträchtigen Anlageform sucht, der vermag nicht so recht zu erkennen, welchen Nutzen die Energiewende für ihn persönlich eigentlich entfaltet. Es hat aber durchaus eine abschreckende Wirkung, wenn eine Landschaft mit 200 Meter hohen Rotoren zugestellt wird. Mit dem großen Rheinhessen haben die Rheingauer Bürger ein Weinanbaugebiet unmittelbar vor Augen, wo ein scheinbar zügelloser Ausbau bei der Nutzung der Windenergie das Landschaftsbild radikal veränderte.

          Von der Unesco geschützt

          In einer vor Kulturschätzen nur so strotzenden Region wie dem Rheingau muss es aber erlaubt sein, eine solch weitreichende Veränderung des Landschaftsbildes abzulehnen. Insofern sollte der Rheingau mindestens ebenso frei von Rotoren bleiben wie das unmittelbar angrenzende, als Welterbegebiet von der Unesco geschützte Mittelrheintal. Das Landesdenkmalamt verdient bei dieser Einschätzung Rückhalt. Das Brentanohaus in Winkel und der Osteinsche Park bei Rüdesheim können in den nächsten Jahren nur deshalb vom Land zu einer „Achse der Romantik“ entwickelt werden, weil die Landschaft vor 200 Jahren genauso wie heute einen unvergleichlichen Reiz ausübt. Das Brentanohaus in Oestrich-Winkel heute als einzigartigen Hort der Romantik zu kaufen, für Millionen Euro Steuergelder zu sanieren und gleichzeitig in der zugehörigen und umgebenden Landschaft radikale Veränderungen zuzulassen, das ist ein Widerspruch, auf den in der Landespolitik bislang offenbar niemand einen Gedanken verschwendet.

          Befürworter der Nutzung der Windenergie haben recht: Rotoren sind für eine Energiewende unerlässlich. Dass sie deshalb überall dort stehen sollen, wo im schwachwindigen Binnenland ein wenig stärkere Lüftchen wehen wie im Rheingaugebirge und auf dem Taunuskamm, das will aus Respekt vor der Kulturlandschaft wirklich gut überlegt sein. Die Grenzen der Energiewende in Hessen liegen nicht nur bei der numerischen Schwelle jener zwei Prozent der Landesfläche, auf denen Rotoren stehen dürfen. Es gibt auch eine Verpflichtung, landschaftliche Schönheit und kulturelle Integrität zu respektieren. Auch das ist eine Lehre aus dem Rheingau.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

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