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Kommentar : Arm an Geld, reich an Talent

Weil viele Zeitgenossen in unseliger Tradition weiterhin Geld und Judentum gleichsetzen, folgern sie, dass nicht nur Juden an sich, sondern auch ihre Gemeinden reich seien. Sind sie aber nicht, im Gegenteil. Selbst die Gemeinde im wohlhabenden Frankfurt stellt keine Ausnahme dar.

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          Juden sind reich: Diese Vorstellung zählt zu jenen Vorurteilen, die offenbar von höchster Haltbarkeit sind. Weil viele Zeitgenossen in unseliger Tradition weiterhin Geld und Judentum gleichsetzen, folgern sie, dass nicht nur Juden an sich, sondern auch ihre Gemeinden reich seien. Sind sie aber nicht, im Gegenteil, die meisten muss man als bettelarm bezeichnen. Selbst die Gemeinde im wohlhabenden Frankfurt stellt keine Ausnahme dar. Früher, ja, da ist die Frankfurter Jüdische Gemeinde in der Tat reich gewesen - bis ihr in den Jahren nach 1933 und endgültig nach der Reichspogromnacht 1938 ihre Besitztümer und Immobilien geraubt wurden.

          Die neue Jüdische Gemeinde, die nach dem Krieg vorwiegend von versprengten Holocaust-Überlebenden aus Polen und anderen osteuropäischen Ländern gegründet wurde, hatte immer mit größten Finanzproblemen zu kämpfen. Als eine der ersten deutschen Kommunen hat sich Frankfurt 1990 verpflichtet, die hiesige Jüdische Gemeinde kontinuierlich finanziell zu unterstützen. Das war einerseits ein Akt der Wiedergutmachung, aber auch eine deutliche Bekundung der Stadtoberen, dass sie jüdisches Leben als unverzichtbaren Bestandteil Frankfurts ansahen.

          Seit der Einwanderungswelle aus den ehemaligen kommunistischen Ländern nach 1989 hat sich die finanzielle Situation der jüdischen Gemeinden noch verschärft. Der Bund und die meisten Länder haben darauf mit Staatsverträgen reagiert, in denen sie sich zu Finanzhilfen verpflichteten. Hessen ist dabei Vorreiter gewesen und hat mit der jetzt in Kraft tretenden Erhöhung der Zuwendungen wieder den Spitzenplatz eingenommen. Die Stärkung der jüdischen Gemeinden ist erklärtes politisches Ziel nicht nur der Landesregierung und der Frankfurter Stadtregierung, sondern auch aller demokratischen Parteien. Und das ist gut so.

          Denn die jüdische Einwanderung lag und liegt im deutschen Interesse. Unter den Söhnen und Töchtern dieser Einwanderer sind so viele Talente zu finden, die ein Land in demographischer Schieflage dringend benötigt. Diese jüdischen Kinder stammen in aller Regel nicht wie viele andere Einwandererkinder aus bildungsfernen Elternhäusern, sie lernen oft schon sehr früh Lesen und Schreiben, schaffen in den meisten Fällen höhere Bildungsabschlüsse und streben Zukunftsberufe an. Insofern kann man sagen: Juden sind in der Tat häufig reich. Nicht reich an Geld, sondern an Bildungsstreben.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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