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Kommentar : Abschied vom Stadtwerk

Die 60.000 Erdgaskunden im Landkreis Bergstraße, die bisher ausschließlich von ihrem traditionellen Versorger beliefert werden, sollen bald auch von der HSE Südhessische Energie AG umworben werden.

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          Frankfurt ist gern Avantgarde, aber diesmal spielt die Musik anderswo in der Region. An ihrem äußersten südlichen Rand, im Landkreis Bergstraße, sieht sich das alteingesessene Energieunternehmen GGEW AG unverhofft mit Konkurrenz konfrontiert: Die 60.000 Erdgaskunden im Kreis, die bisher ausschließlich von ihrem traditionellen Versorger beliefert werden, sollen bald auch von einem anderen Unternehmen umworben werden - dem benachbarten Darmstädter Energieversorger, der etwas sperrig als HSE Südhessische Energie AG firmiert.

          Wahlfreiheit beim Erdgas hat es in Deutschland für Privatkunden noch nie gegeben. Was die Kundschaft im südlichen Südhessen mit Freude erfüllen dürfte, bedeutet einen weiteren Schritt beim Abschied vom Stadtwerk alter Prägung. Nach der Öffnung der Strommärkte und des Bahn- und Busverkehrs ist nun offenbar das Erdgas dran - lediglich bei der Wasserversorgung dauern die alten Monopolzeiten noch fort. Das Zögern anderer Energieversorger, dem Beispiel der Darmstädter zu folgen, zeigt allerdings auch, wie schwierig der Übergang vom Monopol zum Markt ist, was sich auch anderswo, beim Telefon, bei der Post, der Bahn, erkennen läßt.

          Wettbewerb im Gasmarkt

          Frühere Generationen haben Unternehmen, die derlei Infrastruktur bereithalten, wie selbstverständlich als Monopolisten gesehen, weil es unsinnig wäre, mehrere Leitungsnetze oder auch Schienenstrecken nebeneinander zu verlegen. Nur langsam setzt sich die Sichtweise durch, ein Monopol beim Netz bedeute nicht zwangsläufig ein Monopol im Betrieb oder Vertrieb - ja, eigentlich gehörte beides getrennt, und es könnten sich mehrere Unternehmen in Konkurrenz zueinander gemeinsam der Schienen oder Leitungen bedienen. In Supermärkten nutzen schließlich auch verschiedene Lebensmittelproduzenten die gleichen Regale.

          Ganz so einfach wie im Einzelhandel ist es freilich nicht, im Energiemarkt Wettbewerb zu schaffen, weil es beim Monopol der Netze bleibt und diese leider noch den traditionellen örtlichen Anbietern gehören, die geneigt sein könnten, durch hohe Netznutzungsgebühren Konkurrenz fernzuhalten. Hier hilft einstweilen nur die Regulierung der Preise, die für die Nutzung fremder Netze zu zahlen sind, durch neutrale Behörden. Im Moment warten alle auf deren Bescheide, und so erscheint das Zögern der Energieversorger schlüssig.

          Ob es danach zu einem harten Wettbewerb beim Erdgas kommt? Manches spricht dagegen, vor allem die geringe Zahl der Förderländer und der Importeure, die sich nicht gegenseitig die Preise kaputtmachen werden. Schon gar nicht sollten Erdgaskunden hoffen, der Trend fortdauernder Preissteigerungen kehre sich dadurch um - damit ist, solange weltweit die Nachfrage nach Energie wegen des Aufschwungs in Asien steigt, am allerwenigsten zu rechnen. Im Idealfall werden die Preise aber zumindest langsamer steigen. Und das ist ja auch schon etwas.

          Manfred Köhler
          (mak.), Rhein-Main-Zeitung

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