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„Überm Teich“ : Affe im Untergrund

  • -Aktualisiert am

In der Subway in New York toleriert man fast jeden Irrsinn. Bild: AP

Sechs Millionen Menschen nutzen täglich die Subway in New York. Da gibt es eigentlich einiges zu sehen. Doch selbst Verrückte ziehen keine Blicke mehr auf sich.

          Keine Frage: In Amerika gelten New Yorker gemeinhin als hochnäsig und unhöflich. Ich glaube, das beruht auf einem Missverständnis. New Yorker sind einfach nur ungeduldig. Vor einigen Jahren hat man die Gehgeschwindigkeiten der Menschen in unterschiedlichen Städten untersucht und herausgefunden, dass New Yorker fast doppelt so schnell unterwegs sind wie die Einwohner von Bern. Aber meine Odenwälder Heimat unterbietet alles. Wenn man dort pro Stunde ein Foto von Fußgängern aufnimmt und daraus ein Daumenkino bastelt, dann laufen die Leute in normaler Geschwindigkeit.

          New York ist eine extrem schnelle Stadt. Wer Krieg für gefährlich hält, kennt den Straßenverkehr in Manhattan nicht. Früher waren die New Yorker Ampeln mit „Walk“ und „Don’t Walk“ beschriftet. Wobei „Don’t Walk“ für den typischen New Yorker nicht bedeutete, stehen zu bleiben, sondern eher: „Don’t walk... RUN!“ Und zwar so schnell du kannst! Heute gibt es, wie bei uns, nur noch Farbsignale. Doch während der Deutsche beim Ignorieren einer Rotphase am liebsten den Weltsicherheitsrat anruft, haben Fußgängerampeln in Manhattan eine eher ästhetische Funktion. In Deutschland drohen 15 Euro Strafe, im Big Apple werden Sie auch gern mal überfahren. Doch dieses Risiko trägt der New Yorker gelassen, wenn er dafür nur nicht in seinem Gehfluss gestoppt wird.

          Der Typ schob sich die blaugefärbte Ratte in den Mund

          Wer in dieser Stadt schnell und sicher vorankommen möchte, nimmt ohnehin die Subway. Mit 380 Streckenkilometern und 472 Stationen gehört sie zu den längsten und komplexesten Streckennetzen der Welt. Fast sechs Millionen Menschen benutzen sie täglich. Und zwar unabhängig von Einkommen, sozialer Schicht oder geistiger Gesundheit. Bei einer einzigen Fahrt bekommen Sie mehr Freaks zu Gesicht als in einem Jahr U-Bahn-Fahren in Frankfurt.

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          Neulich stieg in der 42. Straße ein Typ mit einer blaugefärbten Ratte auf seiner Schulter ein. Er schaute mich an, nahm das Tier in die Hand und schob es sich mit dem Kopf zuerst in den Mund. Nach etwa zehn Sekunden zog er die Ratte wieder heraus und setzte sie zurück auf seine Schulter. Dann nahm er sein Handy und begann seelenruhig ein Spiel zu daddeln. Während ich diese Szene wie paralysiert beobachtete, schien keiner der restlichen Fahrgäste auch nur Notiz davon zu nehmen. Jeder sah zwar, was da gerade vor sich ging, aber es schien, als ob sich alle sagen würden: „Ach ja, da ist eben wieder mal ein Typ, der sich sein blaugefärbtes Haustier in den Mund schiebt …“

          In der Subway toleriert man fast jeden Irrsinn. Aber eben nur fast. Ein glattrasierter Schimpanse mit einer Windel, der im Express Train nach Queens einen Platz beansprucht? Kein Problem. Ein glattrasierter Schimpanse mit einer Windel, der sich im Express-Train so hinsetzt, dass er dabei ZWEI Plätze beansprucht? No way. Dieser Affe würde von den Fahrgästen sofort verbal zurechtgewiesen werden. Denn in der New Yorker Subway gilt die unumstößliche Regel: Nur ein Sitz pro Primat.

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