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Regio-Museum : Nur ein Koffer mit Bettwäsche erinnert an Sara Schloss

Lange Zeit vergessen: Auf dem Walterschen Hof haben die Handarbeiten im Koffer Jahrzehnte überdauert. Bild: Rainer Wohlfahrt

Vor ihrer Deportation nach Theresienstadt übergab eine jüdische Bürgerin aus Seligenstadt ihre Habe einer Freundin. Jetzt wird der Behälter im Regio-Museum ausgestellt.

          Die römischen Ursprünge von Seligenstadt, das Wirken von Einhard, der nicht nur Berater und Biograph Karls des Großen war, sondern auch das Benediktinerkloster gründete und die Einhardbasilika errichten ließ, religiöse Kunst, das Geleitswesen und der Löffeltrunk: Das vom Kreis Offenbach getragene Regio-Museum in der ehemaligen Benediktinerabtei Seligenstadt beschäftigt sich mit unterschiedlichen Aspekten der Stadt- und Regionalgeschichte. Ihm angegliedert ist das Kreismuseum der Heimatvertriebenen. Die Geschichte der Seligenstädter Juden war bisher allerdings ein weißer Fleck.

          Eberhard Schwarz

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Kreis Offenbach.

          Seit wenigen Tagen ist im Regio-Museum nun ein Koffer zu sehen, den eine jüdische Einwohnerin kurz vor ihrer Deportation nach Theresienstadt einer Freundin zur Aufbewahrung übergab. In Seligenstadt hätten einst viele Juden gelebt, sagte Museumsleiterin Angela Beike. Mit dem Koffer verfüge das Museum über das erste und einzige Objekt dazu. Die promovierte Kunsthistorikerin Beike, die auch den Fachbereich Kultur der Kreisvolkshochschule leitet, wäre an weiteren Ausstellungsstücken zur jüdischen Geschichte der Stadt interessiert.

          Judenverfolgung auch in Seligenstadt spürbar

          „Sara Schloss, Seligenstadt, Kennort: Landkreis Offenbach a/M., Kennummer A00991“ steht auf dem unscheinbaren braunen Pappkoffer. Die Besitzerin wurde am 18. Oktober 1868 in Dudenhofen, heute ein Stadtteil von Rodgau, geboren. Gemeinsam mit ihrer zehn Jahre älteren Schwester Helene lebte sie in Seligenstadt im Haus Wallstraße 14. Beide Frauen, deren Nachname in anderen Unterlagen auch „Schloß“ geschrieben wird, blieben unverheiratet. Sie arbeiteten als Näherinnen und Stickerinnen hochwertiger Kleidung. In der Seligenstädter Judenkartei, Stand 1935, wurde „ohne Beruf“ vermerkt. Helene und Sara Schloss waren mit der Familie Anton Walter befreundet, die damals einen Bauernhof an der Emmastraße betrieb. Eleonore Walter, die ledige Schwester von Anton Walter, arbeitete auf dem Hof mit.

          Auch in Seligenstadt war die nach 1933 einsetzende Judenverfolgung durch die Nationalsozialisten spürbar. Die 1872 eröffnete Synagoge an der Frankfurter Straße ging am 10. November 1938 in Flammen auf. Beamte und Angestellte der örtlichen Justizverwaltung setzten das Gebäude gemeinsam mit SA-Männern in Brand. Der vor neun Jahren neugestaltete Synagogenplatz erinnert an das Geschehen. Als es für Juden praktisch unmöglich wurde, etwas zu essen zu kaufen, zeigte „Lore“ Walter, wie sie genannt wurde, Courage und Mitmenschlichkeit: Sie versteckte Lebensmittel in einer Mauernische zwischen ihrem Haus und der Brauerei Fecher. Die vorgeschriebene Verdunkelung ermöglichte es den Schwestern Schloss, die Gaben heimlich abzuholen. Auf diese Weise wurden sie mit dem Nötigsten versorgt.

          Vor Deportation den Koffer übergeben

          Sie selbst, aber auch Eleonore Walter, gingen damit ein großes Risiko ein: Denunzianten gab es überall. Wer Juden unterstützte und dabei ertappt wurde, musste mit einer mehrmonatigen Gefängnisstrafe oder weit Schlimmerem rechnen.

          Helene Schloss starb 1940 oder 1941. Ihre Schwester Sara wurde am 11. September 1942 von Seligenstadt deportiert. Den Koffer mit von ihr selbst angefertigter feingestickter und gehäkelter Bettwäsche, darunter sogenannte Paradekissen, übergab Sara Schloss kurz zuvor Eleonore Walter mit den Worten: „Wenn ich zurückkomme, habe ich ein bisschen Wäsche.“

          In dem 1986 vom Magistrat herausgegebenen Buch „Zur Geschichte der Seligenstädter Juden“ beschrieb der damalige Stadtarchivar Marcellin Spahn den Ablauf der Deportation: „Am 11. September 1942 rollten LKWs vor die vier ‚Judenhäuser‘ in der Gartenstraße, Kleinen Maingasse, Schafgasse und Steinheimer Straße. Die Aktion der Gestapo erfolgte zu einer Zeit, in der die meisten Menschen zur Arbeit, die Kinder in der Schule waren. Trotzdem beobachteten Passanten das ‚Verladen der Reichsfeinde‘. Eine Frau machte die Bemerkung: ‚Wie kann man das mit den Menschen nur anstellen!’ ‚Halten Sie den Mund, sonst kommen Sie gleich mit‘, zischte ihr ein Gestapomann entgegen. Widerstandslos bestiegen die Juden die LKWs, manche schreiend und weinend, andere tief traurig und verängstigt.“

          Entdeckung erst vor wenigen Jahren

          Sara Schloss kehrte nicht zurück. „Deportiert nach Theresienstadt“ steht in der Judenkartei hinter ihrem Namen. Der Koffer wurde in einem Nebengebäude des Walterschen Hofs aufbewahrt und geriet in Vergessenheit. Erst vor wenigen Jahren entdeckten ihn Familienmitglieder von Eleonore Walter beim Aufräumen. Sie übergaben ihn Gudrun Binsack, die dem Seligenstädter Verein Klatschmohn angehört. Er veranstaltet alle zwei Jahre im Mai einen Zunft- und Handwerkermarkt in der ehemaligen Benediktinerabtei. Die Bettwäsche im Koffer erschien geeignet, bei dem historischen Markt gezeigt zu werden, um die Schönheit von Handarbeiten aus früheren Zeiten zu demonstrieren. Binsack erkannte, dass er jüdischen Ursprungs war, begann zu recherchieren und wandte sich schließlich an Beike. So fand der Koffer den Weg ins Museum.

          Für Landrat Oliver Quilling (CDU) ist er „ein Erinnerungsstück, das durch seine Geschichte den Alltag der Nazizeit und die ganze Grausamkeit des Holocaust eindrucksvoll vor Augen führt und für sich spricht“. Derartige Gegenstände würden immer wichtiger, zumal immer weniger Zeitzeugen des Holocaust noch lebten und von ihrem Schicksal berichten könnten.

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