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„Körperwelten“ : Hagens: Keine Hingerichteten in Frankfurter Ausstellung

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"In dieser Ausstellung gibt es keine Plastinate von Hingerichteten aus China." Ob die gestrige Stellungnahme Gunther von Hagens' in der Fechenheimer Ausstellungshalle der "Körperwelten" dem entspricht, ...

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          "In dieser Ausstellung gibt es keine Plastinate von Hingerichteten aus China." Ob die gestrige Stellungnahme Gunther von Hagens' in der Fechenheimer Ausstellungshalle der "Körperwelten" dem entspricht, was Politiker des Frankfurter Römerbündnisses als "zweifelsfreie Klärung" der Herkunft seiner Exponate gefordert haben, ist allerdings fraglich. "Der Spiegel" hatte berichtet, in Hagens' Unternehmen im chinesischen Dalian würden große Mengen menschlicher Leichen, darunter auch Hingerichtete, zu Plastinaten verarbeitet. Am Donnerstag nahm Hagens inmitten seiner Kreationen zu den Vorwürfen Stellung: wie immer mit Hut, wie immer begleitet von Gattin Angelina Whalley, die ebenso im Hintergrund wachte wie Leibjurist und Leibphilosoph des Heidelberger Plastinators.

          Auch er selbst, so Hagens, habe niemals Hinrichtungsopfer zu Präparaten verarbeitet. In seiner chinesischen "Wirkungsstätte", die er als seinen Beitrag zur Demokratisierung des Landes bezeichnete, lagern derzeit fast 650 Leichen, die er nach seinen Angaben mit dem Einverständnis der Behörden erhält. Angesprochen auf zwei im "Spiegel" erwähnte Hingerichtete, die 2001 in Dalian angeliefert wurden, sagte Hagens: "Das ist eine ganz andere Kultur."

          Gerade jenen Fragern, die sich notorisch des Wortes "Leiche" für seine mit Hut, Basketball oder der eigenen Haut dekorierten Plastinate bedienten, versuchte auch Hagens eine andere Kultur nahezubringen: "Ehemalige Menschen" seien die aufgeklappten oder in ihre Einzelteile zerlegten Exponate. Im Gegensatz zu "Verwesungsleichen", die "Objekte der Trauer" seien, handele es sich um "irreversibel anonymisierte, fixierte Präparate", hinter deren Beschaffung er stehe - auch gegen Geld. Zahlreiche Besucher, die seinen Ausführungen lauschten, scheinen sich dieser feinen Unterscheidung Hagens' angeschlossen zu haben. Als "Kunstwerk" titulierten sie etwa den mit aufgeklappten Muskeln präsentierten "Flügelmann"; Hagens selbst sei, wie viele geniale Künstler, nunmehr geächtet, werde aber gewiß gefeiert, wenn er dereinst tot und sein Werk anerkannt sei.

          Hagens selbst nahm jedoch nicht als Künstler zu den Vorwürfen Stellung, die vollends abzustreiten er ohne genauere Klärung nicht für opportun hielt: "Ich bin Wissenschaftler, ich denke nun mal ganz genau." So könne er nicht ausschließen, daß seinen chinesischen Mitarbeitern Hingerichtete untergeschoben worden sein könnten. Hagens' Erklärung, in der Frankfurter Ausstellung "Körperwelten" befänden sich keine Hingerichteten, bezog sich allerdings lediglich auf die sogenannten Ganzkörperplastinate, nicht auf jene zahlreichen einzelnen Organe, die in Vitrinen ausgestellt sind und den Betrachtern laut Hagens "Körperstolz" und den Unterschied zwischen gesund und krank vermitteln sollen. Über sie sprach Hagens nicht, der seine Schau ebenfalls als einen Schritt zur Demokratisierung, nämlich jener der Anatomie, verstanden sehen will. An deren Ende soll unter anderem die Versorgung von Schulklassen mit plastinierten Leichen stehen. Gerade über die Wirkung auf Kinder und Jugendliche jedoch, die auch am Donnerstag wieder die Ausstellung besuchten, gibt es unterschiedliche Meinungen: Der hessische Verband Bildung und Erziehung unterstützt "Körperwelten", während der Präsident der Landesärztekammer Hessen, Alfred Möhrle, gefordert hatte, Kindern unter 14 Jahren den Besuch der Ausstellung zu untersagen.

          Die Einwilligung der "Körperspender" in ihre Plastination liege für jeden der in der Ausstellung gezeigten "Ganzkörperplastinate" vor, sagte Hagens. Zeigen werde er die Ausweise jedoch ebensowenig wie in München, um die Anonymität der Spender zu wahren. Ansonsten beginne eine "Schicksalsanatomie", so Hagens. Er erwäge aber mittlerweile, die Lebensläufe der Plastinierten zu präsentieren und kündigte eine weitere Stellungnahme an, die Konsequenzen für seine "Unternehmungen" in aller Welt habe. In München wie jetzt in Frankfurt hatte Hagens eidesstattlich versichert, daß ihm die Einwilligungen der "Körperspender" vorliegen. Dem Frankfurter Ordnungsamt hatte dies genügt, um die Ausstellung als Ausnahme vom hessischen Bestattungsgesetz zu genehmigen.

          Nicht nur die während Hagens' Erklärungen draußen, weit vor der Halle, mit Sarg, Kränzen und Kerzen protestierende Deutsche Hospiz Stiftung fordert mittlerweile eine Schließung der "Körperwelten"-Schau - doch dazu bedarf es eines konkreten Anlasses. Wenn die derzeit ermittelnde Staatsanwaltschaft Heidelberg in China Erkenntnisse gewinne, die auch die Frankfurter Ausstellung beträfen, werde die Entscheidung, diese zu genehmigen, überprüft, sagte Klaus Diekmann, Abteilungsleiter für Ordnungsangelegenheiten im Ordnungsamt am Donnerstag. (emm.)

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