https://www.faz.net/-gzg-7a14l

Koblenz : Seilbahn könnte Welterbestatus gefährden

Schwebezustand: Der Welterbestatus des Rheintals könnte der Seilbahn am Deutschen Eck in Koblenz zum Opfer fallen. Bild: dpa

Denkmalpfleger halten die Koblenzer Touristenattraktion für unvereinbar mit dem Titel. Derzeit tagt das Unesco-Komitee. Dem Rheintal droht ein Ultimatum.

          Der Welterbedezernent des Rheingau-Taunus-Kreises, Karl Ottes (FWG), hofft, dass es nicht zum Äußersten, zum Ultimatum kommt: Abriss der Seilbahn bis zum nächsten Frühjahr oder Verlust des Welterbestatus? Der erfahrene Kommunalpolitiker, der den kleinen hessischen Teil des 67Kilometer langen Unesco-Welterbegebietes Oberes Mittelrheintal im gleichnamigen Zweckverband vertritt, blickt in dieser Woche mit Spannung nach Phnom Penh. Dort beschließt das Unesco-Komitee auf seinem jährlichen Treffen nicht nur über die Aufnahme neuer Kultur- und Naturstätten in die Welterbeliste, für die Deutschland die Wasserspiele und die Herkules-Statue im Bergpark Wilhelmshöhe nominiert hat. Das Komitee, das seit gestern und noch bis zum 27.Juni in Kambodscha tagt, berät auch Erfahrungsberichte aus den Welterbe-Regionen.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Diese Berichte erstellt der Internationale Rat für Denkmalpflege (Icomos). Dessen Inspektoren hatten Mitte Dezember das Mittelrheintal besucht und die Entwicklung begutachtet. Fast 30Seiten ist der als vertraulich eingestufte Bericht lang. Außer dem Tadel, dass zum damaligen Zeitpunkt der - inzwischen fertiggestellte - Masterplan für das Tal noch immer nicht vorlag, enthält er vor allem einen Angriff auf die spektakuläre Seilbahn, die die Koblenzer Rheinpromenade direkt mit der Festung Ehrenbreitstein verbindet und ihr viele Besucher zuführt.

          Unvereinbar mit den Richtlinien

          Die zwölf Millionen Euro teure Seilbahn war als Attraktion zur Bundesgartenschau 2011 geplant und im Juni vor drei Jahren in Betrieb genommen worden. Ende dieses Jahres sollte eigentlich Schluss sein und die Bahn wieder abgerissen werden. Doch nicht nur eine Bürgerinitiative kämpft für den Erhalt. Auch die Stadt Koblenz würde die Bahn gerne bis 2026 bewahren, die technische Lebensdauer der Seilbahn liegt bei etwa 20Jahren. Als Segen hat sich die Seilbahn für den Tourismus und für das mit viel Geld sanierte Kulturdenkmal Festung Ehrenbreitstein erwiesen, dessen Besucherzahlen sich stark erhöht haben.

          Die Chancen für die Bahn stehen aber nicht gut. Im Bericht von Icomos, der erst vor einigen Tagen in Koblenz bekannt wurde und der seither im Rheintal für Gesprächsstoff sorgt, steht zusammenfassend: Die Seilbahn verletze Authentizität und Integrität des Rheintals und sei mit den Richtlinien für das Welterbe unvereinbar. Vor allem die Nähe der großen Talstation zur bedeutenden Basilika St.Kastor sei problematisch. Zudem unterbrächen die Seilbahnmasten die visuelle Integrität des Tals.

          Bürger demonstrieren

          Icomos erinnert daran, dass das Land Rheinland-Pfalz 2008 der Unesco zugesagt hatte, der Abriss werde im Herbst dieses Jahres beginnen und im Frühjahr 2014 abgeschlossen sein. Die Landesregierung hält deshalb eine Verlängerung des Betriebes nur für denkbar, wenn es eine Einigung mit der Unesco gibt.

          In Koblenz jedenfalls kochen seit Bekanntwerden der Icomos-Empfehlungen die Emotionen hoch. „Lieber auf Welterbe-Titel pfeifen als unter weltfremdes Joch begeben“, kommentierte die Rhein-Zeitung gegen eine aus ihrer Sicht weltfremde Kulturpolitik. Am Samstag demonstrierten 3500 Bürger für den Erhalt der Seilbahn, 100.000 haben eine Petition mit dieser Forderung unterzeichnet.

          Koblenz hofft auf eine Vertagung

          Statt eines „entweder oder“ kämpft Koblenz für ein „sowohl als auch“. Am südlichen Ende des Welterbegebiets wird die Lage nüchterner beurteilt. Auch Rheingau-Taunus-Dezernent Ottes würde die Seilbahn, die ganz am nördlichen Rand des Welterbegebietes errichtet worden sei, gerne stehen lassen. Ottes lässt aber durchblicken, dass die Sache ganz einfach sei, wenn dem Rheintal analog zur Dresdner Waldschlösschenbrücke die Pistole auf die Brust gesetzt werde: Seilbahn oder Welterbestatus? In diesem Fall werde der Zweckverband dem Erhalt des Welterbestatus den Vorzug geben wie dies auch im Fall der Rheinbrückenpläne geschehen wäre, analysiert Ottes die Stimmungslage im Rheintal.

          Ob es zu dieser Zuspitzung kommt, muss sich erst zeigen. Koblenz jedenfalls hofft auf eine Vertagung, um zwei Jahre Zeit zu gewinnen für weitere Verhandlungen. Es hat der Unesco einen Umbau der als störend empfundenen Talstation angeboten, für den es sogar schon Pläne gibt.

          Bahnlärm stört auch

          Denkbar ist auch eine Ablehnung mit Tolerierung. Auch in einem zweiten Fall, der Sommerrodelbahn an der Loreley, war Icomos strikt ablehnend. Die Argumente waren die gleichen. Allerdings wurde nach einer gerichtlichen Auseinandersetzung die Bahn dennoch gebaut und im vergangenen März eröffnet. Dass das Rheintal dafür seinen Welterbestatus verlieren wird, ist jedoch kaum wahrscheinlich.

          Icomos kann sich zudem mit seinen Empfehlungen längst nicht immer durchsetzen. Das Gremium sprach sich auch entschieden gegen den Bau einer Rheinbrücke nördlich der Loreley aus, fand damit aber in der Unesco aber keine Zustimmung. Eine Brücke wurde von der Unesco grundsätzlich und unter bestimmten Bedingungen für machbar erklärt. Dass sie vorerst nicht weiterverfolgt wird, liegt allein an der rheinland-pfälzischen SPD, die sich den Verzicht von den Grünen für den Abschluss einer Koalitionsvereinbarung hatte abhandeln lassen.

          Aber nicht immer stoßen die Icomos-Empfehlungen auf Widerstände, beispielsweise beim Bahnlärm. Icomos hält die bisherigen Initiativen zur Begrenzung des Bahnlärms für nicht ausreichend und rät langfristig zur Ausweisung einer neuen Güterzugtrasse außerhalb des Rheintals. Genau das, was sich auch Dezernent Ottes wünscht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Trotz Reform : Viele Sparer müssen weiter Soli zahlen

          Für die meisten Bundesbürger soll der Solidaritätszuschlag ab 2021 entfallen, sagt Finanzminister Scholz. Was er verschweigt: Für den Großteil der Sparer und Anleger gilt das nicht – und das sind nicht nur Großverdiener.
          Disqualifiziert: Charlotte Dujardin.

          Blut am Pferd bei der EM : „Ich bin total niedergeschmettert“

          Charlotte Dujardin übertreibt bei der Dressur-EM den Sporen-Einsatz und ist selbst erschüttert. Im Fell ihrer Stute zeigt sich eine Wunde, die Reiterin wird disqualifiziert. Nun stellt sich vor allem eine Frage.

          Auch Mazda steigt aus : Carsharing fährt gegen die Wand

          Es soll eine Lösung für urbane Mobilität sein: Doch Carsharing rechnet sich nicht. Und nicht nur das: Die Autos kämen oft auch verdreckt oder beschädigt zurück, klagen die Anbieter. Jetzt gibt auch Mazda auf.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.