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Kobelt-Zoo in Frankfurt : Wo ein Spanferkel alt werden kann

Alles andere als bockig: Karlchen lässt sich gerne streicheln. Bild: Etienne Lehnen

Für den Kobelt-Zoo hätten die strengen Auflagen der Behörden fast das Ende bedeutet. Doch jetzt beginnt im kleinen Schwanheimer Tiergarten die neue Saison.

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          Wolfgang musste abnehmen. Wegen der Gelenke. Dabei ist er mit seiner sportlichen Taille, den dunklen Borsten und dem rosigen Rüssel ein durchaus attraktives Schwein - das man so ausgewachsen selten zu sehen bekommt. Kaum ein Mastschwein wird älter als sechs Monate. Wolfgang hingegen lebt schon sechs Jahre im Kobelt-Zoo: Fressen, schlafen und sich am Zaun wetzen - was für ein Leben. Wenn der Tiergarten am 1. Mai wieder für Besucher öffnet, freut sich auch Wolfgang über den Trubel, so darf man zumindest annehmen.

          Livia Gerster
          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Seit 100 Jahren gibt es den kleinen Zoo in Schwanheim, der auf den Naturforscher Wilhelm Kobelt zurückgeht. Und dass der Verein dieses Jubiläum feiern kann, war noch vor Kurzem ungewiss. Wegen teurer Umbauten, die die Naturschutzbehörde forderte, stand der Tiergarten, der am Rand des Stadtwalds liegt, kurz vor der Schließung.

          Strenge Auflagen von Forstamt und Naturschutzbehörde

          Doch nun sind die meisten Auflagen erfüllt, und vieles ist schick und neu: Im Streichelzoo können Kinder Ziegen und Schafen jetzt ganz nah kommen. Wenn es den Tieren zu viel wird, erholen sie sich in einer neu eingerichteten Ruhezone. Streicheln lässt sich auch das „Karlsche“, ein Schafsbock mit Kringelhörnern, „Charme und liebem Gesicht“, wie Geschäftsführerin Elke Diefenhardt schwärmt. Zwölf Jahre ist er schon alt. Weil niemand einen so alten Bock wollte, verschenkte ihn der Züchter. „Hier kann er jetzt seinen Lebensabend verbringen“, sagt Diefenhardt mit liebevollem Blick, den Karlchen sehnsuchtsvoll erwidert - was am Futter in Diefenhardts Hand liegen könnte.

          Eine Massage bitte: Hausschwein Wolfgang wetzt sich gern am Zaun.
          Eine Massage bitte: Hausschwein Wolfgang wetzt sich gern am Zaun. : Bild: Etienne Lehnen

          Die strengen Auflagen von Forstamt und Unterer Naturschutzbehörde trafen den kleinen Kobelt-Verein vor zwei Jahren wie ein Schlag. Beton gehöre nicht in den Wald, hieß es. Und Pflaster nicht auf den Boden. Doch die meisten Bauten stammen noch aus den fünfziger Jahren. „Das war halt eine andere Zeit“, sagt Monika Greitzke vom Vereinsvorstand. Sie findet es ungerecht, den Verein für alle Fehler der Vergangenheit verantwortlich zu machen.

          Aus ihrer Amtszeit stammt zwar das gepflasterte Pony-Gehege, doch das hatte seinen Grund: Pony John-Boy fraß immerzu Sand und litt daher an Koliken. Auf den Drainagesteinen kam er nicht in Versuchung, außerdem fanden die Ponys den Boden für ihre Hufe angenehm. Sunnys Hufe entzünden sich nämlich immer wieder, er kann dann schlecht auf Sand stehen. Denn mit verfaulten Hufen und fast verhungert wurde er vor einigen Jahren aus einem dunklen Stall gerettet und mühsam aufgepäppelt.

          Der Eber Wolfgang ist auf Diät

          Wie es das Forstamt verlangte, leben die Ponys aber nun wieder auf Sand - und John-Boy muss einen Maulkorb tragen, den er nicht ausstehen kann. Die anderen Ponys helfen ihm immer wieder das Ding von der Schnauze zu kriegen - mit der Konsequenz, dass er dann wieder Sand frisst und Koliken bekommt.

          Elke Diefenhardt  (links) und Monika Greitzke kümmern sich seit 25 Jahren um die Tiere.
          Elke Diefenhardt (links) und Monika Greitzke kümmern sich seit 25 Jahren um die Tiere. : Bild: Etienne Lehnen

          Warum die Ämter es dem kleinen Zoo so schwer machten, verstehen die Vorstandsfrauen Diefenhardt und Greitzke bis heute nicht. Um dem Zoo am Schwanheimer Waldrand „Waldcharakter“ zu geben, mussten sie alle Tierhäuser mit Holz verkleiden und das Festzelt durch ein massives Gartenhaus ersetzen. Allein das Holzhaus kostete 20.000 Euro - viel Geld für einen kleinen Verein von Ehrenamtlichen, die für den Zoobesuch keinen Eintritt verlangen. „Es soll ja jeder die Möglichkeit haben hierherzukommen“, sagt Greitzke.

          Diese Einstellung danken die Schwanheimer und auch viele Frankfurter aus anderen Stadtteilen dem Verein. Sie haben gespendet und dem Zoo geholfen, die Auflagen zu erfüllen. Nun sind zwar alle Genehmigungen da, aber es gibt noch viel zu tun - und vor allem zu bezahlen. Deshalb sind Spenden weiterhin willkommen, auch über altes Obst und Gemüse freut sich der Verein - und natürlich der schlanke Eber Wolfgang.

          Einäugige Rhesus-Äffchen und Problem-Ponys

          Diät hält er übrigens nicht freiwillig, seine Pflegerin verordnet sie ihm. Denn obwohl ausgesprochen klug, leuchtet ihm das mit den Gelenken nicht ein. Seiner Klugheit hat er vor allem zu verdanken, dass er nicht schon vor Jahren auf dem Grill gelandet ist. Ein illegaler Schweinezüchter hatte ihn als Spanferkel an Privatleute verkauft. Vorübergehend im Garten versteckt, erkannte Wolfgang seine Chance und machte einen solchen Lärm, dass ihn das Veterinäramt entdeckte und in den Zoo brachte. Hier, im Schwanheimer Kobelt-Zoo, erholt er sich nun zusammen mit Kängurus, Waschbären und Papageien von den Strapazen des Tierlebens.

          Doch selbst im sicheren Refugium des Kobelt-Zoos können die Tiere noch Schicksalsschläge ereilen: Rhesus-Äffchen Bingo verlor gerade seine Gefährtin an die Altersschwäche. Nachdem er im Pfungstädter Zoo wegen seines blinden Auges von den anderen Affen gemobbt worden war, hat er in Schwanheim sein Glück gefunden und sich mit einem Leierkastenäffchen angefreundet. Die traumatisierte Affendame und der einäugige Bingo waren sich jahrelang treu ergeben.

          Doch der Tod gehört im Kobelt-Zoo dazu, ist er doch so etwas wie eine Altersresidenz für benachteiligte und geschundene Tiere: Einäugige Rhesus-Äffchen, autoaggressive Problem-Ponys und senile Schafsböcke wohnen hier Gehege an Gehege und altern in Frieden und Würde.

          Was aus ihnen geworden wäre, hätte der Zoo schließen müssen? Monika Greitzke möchte sich das nicht ausmalen. An dem Zoo hängen so viele Lebenswerke und ein großes Stück Schwanheimer Geschichte, sagt sie. Übrigens hätten nicht nur die Ehrenamtlichen, sondern auch die Tiere einiges mitgemacht in den letzten Jahren. Die hätten jedenfalls keinerlei Verständnis gezeigt, wenn Greitzke ihnen sagte: „Ich muss jetzt aufs Amt.“

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