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Kloster Ilbenstadt : „Solidarisches Leben“ in alten Gemäuern

Wohnen und Werken: Die ehemalige Staatsdomäne in Ilbenstadt soll wiederbelebt werden. Bild: Cornelia Sick

Viele Jahre stand der Gutshof des ehemaligen Klosters Ilbenstadt leer. Nun entsteht dort ein ungewöhnliches Wohnprojekt.

          An manchen Stellen des stattlichen Gebäudekomplexes bröckelt der Putz, etliche Balken der Bretterwand des gedrungenen Bauwerks gleich daneben sind morsch, auf den Dachziegeln hat sich Moos ausgebreitet. Der Gutshof des ehemaligen Klosters Ilbenstadt mit seinen Wohn- und Wirtschaftsbauten sowie Stallungen inmitten des Niddataler Ortsteils ist seit rund zwei Jahrzehnten verwaist. In den neunziger Jahren hatte der Pächter der Staatsdomäne das über Jahrhunderte hinweg landwirtschaftlich genutzte Anwesen aufgegeben. Die Anlage ließ sich mit den Anforderungen an moderne Tier- und Vorratshaltung nicht mehr vereinbaren. Wohnraum, wie er in den Gebäuden für die früher zahlreichen Beschäftigten des Hofs geschaffen wurde, braucht in diesem Umfang heute kein Landwirt mehr. Die Folge: Die Hessische Landgesellschaft als Domänenverwaltung des Landes und auch die Stadt mühten sich vergeblich, einen Betriebsnachfolger zu finden.

          Wolfram Ahlers

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für Mittelhessen und die Wetterau.

          So wurde aus dem florierenden Gutshof ein Problemfall und eine „Belastung für die Ortsentwicklung“, wie Bürgermeister Bernhard Hertel (parteilos) sagt. Schließlich stellte die Stadt in Abstimmung mit der Landgesellschaft einen neuen Bebauungsplan auf, um auch eine andere Nutzung zu ermöglichen. Weil es aber nicht irgendeine Lösung sein sollte, sondern eine mit Perspektive für den Ort, tat sich weitere Jahre nichts. Jetzt aber ist die Grundlage geschaffen, dass in den Komplex wieder Leben einzieht: Die Landgesellschaft hat die denkmalgeschützte Anlage mit einer Fläche von fast zwei Hektar verkauft. Einen Teil davon – das ehemalige Kutscherhaus sowie das frühere Pächterwohnhaus samt umliegender Grundstücke – hat die Genossenschaft Oekogeno erworben. Auf der anderen Straßenseite sind Nicole Weyrauch und Alexander Czempin neue Besitzer des früheren Wirtschaftshofs. Auch die Stadt hat sich eingekauft, sie ist nunmehr Eigentümerin einer an den Gutshof angrenzenden Freifläche, die zum Standort eines neuen Kindergartens werden soll.

          Größte Bürgerbeteiligungs-Genossenschaft in Deutschland

          Bei Oekogeno mit Sitz in Freiburg handelt es sich nach eigenen Angaben um eine der größten Bürgerbeteiligungs-Genossenschaften in Deutschland. Sie zählt mehr als 15.000 Mitglieder und hat sich auf Wohnprojekte spezialisiert, die den Grundsätzen des solidarischen Miteinanders und des Bauens nach ökologischen Kriterien verpflichtet sind. Wer in eine Oekogeno-Wohnung einzieht, muss eine Einlage an die Genossenschaft zahlen und kann sich dort dann zum Selbstkostenbeitrag einrichten, seinen Bedürfnissen und finanziellen Möglichkeiten entsprechend. Wobei Zuschnitt und Ausstattung in Absprache mit den Mietern festgelegt werden.

          Die Genossenschaft betreibt nach ihren Angaben Domizile, die jedermann offenstehen und in denen junge Familien, Paare, Singles, alte Menschen und nicht zuletzt Behinderte unter einem Dach leben. Es gehe, wie Oekogeno-Sprecher Thomas Bauer erläutert, nicht darum, Profit zu erzielen, sondern „bezahlbaren Lebens- und Wohnraum“ zu schaffen.

          Guten Anbindung ans Rhein-Main-Gebiet

          Auch der Erhalt alter Bauwerke ist Teil des Konzepts. Was für das Engagement in der ehemaligen Ilbenstädter Klosteranlage spreche. Auch die Lage des Anwesens inmitten der „Dorfgemeinschaft“ spreche dafür. Die gute Anbindung Ilbenstadts ans Rhein-Main-Gebiet komme hinzu.

          Die Genossenschaft plant, die früheren Stall- und Vorratsgebäude, die Mitte des 20. Jahrhundert errichtet wurden und nicht unter Denkmalschutz stehen, durch einen Neubau zu ersetzen, der sich architektonisch an den alten Gebäuden orientiert. Konzipiert ist dieses Gebäude für etwa 30 Wohnungen. Kutscherhaus sowie Pächterhaus sollen in Zusammenarbeit mit der Wetterauer Denkmalpflege saniert und umgebaut werden.

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