https://www.faz.net/-gzg-9bddh

Kloster Engelthal : Prosperität, Niedergang, Zerstörung und Wiederaufbau

Offenes Haus: Das Kloster Engelthal ist keine abgeschottete Ordensgemeinschaft mehr. Bild: Cornelia Sick

Vor 750 Jahren wurde Kloster Engelthal in der Wetterau gegründet. Nach wechselvoller Geschichte leben dort heute 15 Schwestern und eine Novizin.

          Eine schmale Straße, die kaum mehr als Schritttempo erlaubt, führt hinab in eine Senke, windet sich vorbei an Wiesen und Feldern und endet schließlich vor einer Mauer. Dahinter befindet sich eine Reihe stattlicher Bauten mit herausgeputzten Fassaden und Dächern. Auf den ersten Blick scheint das ein Gutshof zu sein. Was so ganz falsch nicht ist, denn um Landbau geht es auf diesem Anwesen auch. Eine Kirche mit kleinem Dachreiter im Zentrum der Anlage, dessen Konturen sich erst beim zweiten Hinsehen abzeichnen, führt aber vor Augen, dass im Mittelpunkt dieses Ortes geistliches Leben steht. Nicht weit vom Wirtschaftszentrum Rhein-Main entfernt und doch abgeschieden, umgeben von stillen Wäldern, liegt Kloster Engelthal in der östlichen Wetterau.

          Wolfram Ahlers

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für Mittelhessen und die Wetterau.

          Seit rund fünfeinhalb Jahrzehnten ist Engelthal Heimat einer Benediktinerinnenabtei. Gegründet wurde das Kloster freilich von Zisterzienserinnen vor sehr viel längerer Zeit. Genauer: vor 750 Jahren. Womit Engelthal zu den ältesten noch oder wieder bestehenden Klöstern in diesem Teil des Landes zählt. Gewürdigt wurde und wird das Jubiläum unter anderem mit einem Gottesdienst des Mainzer Bischofs Peter Kohlgraf, einer Diskussionsveranstaltung über die Relevanz von Klöstern in unserer Gesellschaft, einem Bibelnachmittag in Zusammenarbeit mit dem Bistum Mainz sowie den Engelthaler Musik- und Kulturtagen.

          Objekt von Erbstreitigkeiten

          Es ist eine wechselvolle Geschichte, die Kloster Engelthal kennzeichnet, mit Prosperität und Niedergang, Zerstörung und Wiederaufbau. Die 1268 von den Wetterauer Rittern von Buches ausgestellte Stiftungsurkunde fiel in die Blütezeit des Zisterzienserordens. Die ersten Ordensfrauen, die sich in Engelthal niederließen, stammten vermutlich aus dem nördlichen Taunus. Unter dem Patronat des angesehenen und einflussreichen Klosters Arnsburg bei Lich, von den Stiftern reich dotiert, blühte das Kloster zunächst rasch auf.

          Schon bald jedoch wurde die Abtei zum Objekt von Erbstreitigkeiten der Stifter-Nachfahren. Die Ordensgemeinschaft entzog sich schließlich dem Zwist, indem es ihr gelang, sich kaiserlichen Schutz zu sichern. Während der Reformation wurde Engelthal abermals zum Zankapfel, nur mit Mühe vermochte es die Abtei, als katholische Enklave zu überleben. Den Wirren des Dreißigjährigen Krieges fiel das Kloster dann aber zum Opfer. Die Bewohner flohen 1622 vor schwedischen Truppen nach Aschaffenburg, die Landsknechte brandschatzten das Kloster und zerstörten die Gebäude bis auf die Grundmauern.

          Wechselhafte Vergangenheit

          Gleichwohl, die meisten Schwestern kehrten zurück und machten sich mit großer Energie ans Werk, ihr darniederliegendes Anwesen wieder aufzubauen. Dennoch war erst nach rund drei Jahrzehnten „unter viel Armut und Entsagungen“ der Ostflügel der Anlage als erstes Wohngebäude wiederhergestellt. Der Gesamtaufbau dauerte sogar bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts.

          Kaum wiederentstanden, wurde Engelthal 1803 durch den Reichsdeputationshauptschluss aufgehoben, der Besitz säkularisiert. Ausgestattet mit mageren finanziellen Abfindungen, verließen rund zwei Dutzend Schwestern und mehrere Novizinnen ihre Abtei in alle Richtungen. Danach wechselte das Anwesen mehrfach den Besitzer, nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm die Oberhessische Siedlungsgesellschaft Klostergebäude und -gelände. Schließlich erwarb die Mainzer Kirchenverwaltung das Anwesen, verbunden mit dem Wunsch des damaligen Bischofs Albert Stohr, es seiner ursprünglichen Bestimmung zurückzugeben.

          Viele Baumaßnahmen an der Kirche vollzogen

          Tatsächlich fanden sich 20 Schwestern der westfälischen Benediktinerinnenabtei Herstelle für eine Neugründung, und sie zogen am 1. Mai 1962 mit einer Prozession „unter Anteilnahme vieler Geistlicher und der Bevölkerung“, wie es ein Chronist vermerkte, in Engelthal ein. Drei Jahre später wurde Engelthal wieder zur Abtei erhoben. In den Stab ließ sich die neue Vorsteherin die Losung gravieren: „Das Holz hat Hoffnung, wenn es einmal abgeschnitten ist, grünt es wieder.“ Seither hat sich dort tatsächlich viel getan. Neue Wohngebäude für die wachsende Gemeinschaft entstanden, die historischen Gebäude aus dem Barock ließ das Bistum sanieren und modernisieren,

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Länger leben : Kerle, macht’s wie die Frauen

          Von der Gleichstellung der Geschlechter profitieren auch Männer – sie sind gesünder und leben länger. Die regionalen Unterschiede, die in einer Studie sichtbar werden, überraschen.
          Viele Fragen an den Präsidenten in der Whistleblower-Affäre: Donald Trump beantwortet Reporterfragen vor dem Weißen Haus.

          Telefonat mit Selenskyj : Trumps Erpressung

          Für Donald Trump ist das Telefonat mit dem ukrainischen Präsidenten nicht verwerflich. Er sieht nichts Schlimmes darin, seine Macht zu nutzen, um politischen Konkurrenten wie Joe Biden zu schaden. Dabei beginnt der Skandal schon an anderer Stelle.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.