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Klinikum Offenbach : „Offenbachs Politiker müssen Autisten sein“

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Fast hätte den Mitarbeitern kein Gehalt mehr gezahlt werden können: das Klinikum Offenbach. Bild: Wresch, Jonas

Klinikum-Betriebsratschef Holger Renke zeigt sich erleichtert darüber, dass die Insolvenz des Klinikums abgewendet werden konnte.

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          Holger Renke, Betriebsratsvorsitzender am Offenbacher Klinikum, hat sich gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erleichtert darüber geäußert, dass die Insolvenz des seit langem chronisch defizitären Krankenhauses abgewendet wurde: „Ich bin darüber heilfroh, auch wenn es erst auf den letzten Drücker geschehen ist.“ Es habe die Gefahr bestanden, dass den Mitarbeitern kurz vor Weihnachten nicht mehr das Gehalt hätte gezahlt werden können.

          Die Idee, das Klinikum in die Insolvenz gehen zu lassen - die Stadt bürgt gegenwärtig mit 241 Millionen Euro für die Investitionen des Krakenhauses -, bezeichnete Renke als „grenzwertig“ und fern der Realität: „Von heute auf morgen wären viele Fachkräfte weg gewesen. Wir hätten wichtige Funktionen gar nicht mehr aufrechterhalten können.“ Im Klinikum, das als Krankenhaus der Maximalversorgung mehr als 800 Betten vorhält und im Besitz der Stadt ist, sind gegenwärtig zirka 2300 Mitarbeiter beschäftigt. Das Klinikum versorgt nach eigenen Angaben im Jahr etwa 34 000 Patienten stationär und 70 000 Patienten ambulant. Etwa 60 Prozent der Patienten kommen aus dem Kreis Offenbach. Für dieses Jahr soll der Gesamterlös 163,5 Millionen Euro betragen. Gleichwohl dürfte sich das Defizit für den Klinikbetrieb, die Kosten des mittlerweile auf 180 Millionen Euro veranschlagten Neubaus ausgenommen, auf mehr als zehn Millionen belaufen.

          „Wir werden versuchen, das Beste für die Belegschaft herauszuholen“

          Die zwischen dem Land und der Stadt vorgestern geschlossene Vereinbarung, die Liquidität des Klinikums mit Hilfe von Kassenkrediten zu gewährleisten, gibt nach Ansicht von Renke dem Krankenhaus und seinen Mitarbeitern für die nächsten Monate Sicherheit. Renke bedauert zwar, dass das Klinikum verkauft werden müsse, wie es in der Vereinbarung vorgesehen ist, beginne doch unter der neuen Geschäftsführerin Franziska Mecke die Sanierung zu greifen. Doch es beruhige ihn, dass mit der Leitung des bis zum 31. März 2013 befristeten Verkaufsverfahrens für das Klinikum der Mediziner Friedrich Grimminger beauftragt werde. Grimminger kenne das Offenbacher Klinikum aus dem Effeff ( Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 20. November). Weiter sagte Renke, er sehe dem Verkaufsverfahren gelassen entgegen, auch wenn er mit Blick auf die Zahl der Arbeitsplätze Befürchtungen habe: „Wir werden versuchen, das Beste für die Belegschaft herauszuholen.“ Renke warnte abermals vor dem Bürgerbegehren, das der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) gegen den Klinikverkauf initiiert hat, da diese Initiative die Insolvenz des Klinikums herbeiführen werde.

          Renke kritisierte zudem die Offenbacher Parteien, vor allem Oberbürgermeister Horst Schneider (SPD), der seit langem Mitglied im Aufsichtsrat der Klinikum Offenbach GmbH ist. Dass Schneider, wie er in der Stadtverordnetensitzung am 8.November sagte, erst im Frühjahr vorigen Jahres in der Lage gewesen sein will, zu erkennen, was alles in der Klinikum-Bilanz stecke, empört den Betriebsratsvorsitzenden: „Die Offenbacher Politiker müssen Autisten sein. Das kann ich nicht fassen. Wäre ein solcher Oberbürgermeister fähig, die Stadt zu führen? Nein, definitiv kann er das nicht.“

          Renke verweist darauf, dass seit mehreren Jahren die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat dem jeweiligen Wirtschaftsplan nicht zugestimmt, sondern diesen nur zur Kenntnis genommen hätten: „Das waren Wirtschaftspläne, die auf tönernen Füßen standen.“ Hinsichtlich der vom hessischen Gesundheitsminister Stefan Grüttner (CDU) angeregten Gründung einer Holding kommunaler Kliniken sagte Renke, diese Initiative hätte viel früher kommen müssen. Dann wäre der Verkauf des Offenbacher Klinikums nicht zum Thema geworden.

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