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Ambulanz mit Defiziten : „Kassen übernehmen die Kosten nicht“

  • -Aktualisiert am

Kur gegen die roten Zahlen: Bis 2020 will die Stadt Frankfurt die Fehlbeträge des Krankenhauses übernehmen. Bild: Fiechter, Fabian

Die Stadt Frankfurt will das Defizit der Notfallambulanz ihres Klinikums ausgleichen. Das Problem bisher: Die Pauschale der Krankenkassen seien für die Notaufnahme viel zu gering. Die Stadt will, dass sich das ändert.

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          Um das städtische Klinikum Höchst ohne Defizit in die Dachgesellschaft mit den Main-Taunus-Kliniken führen zu können, will die Stadt Frankfurt, wie berichtet, bis 2020 die Fehlbeträge des Krankenhauses übernehmen. Klinik-Geschäftsführer Thomas Steinmüller kommentierte das mit den Worten, er sei „sehr dankbar, dass die Stadt ihrem Klinikum im Rahmen ihrer rechtlichen Möglichkeiten“ Beihilfen gewähre.

          Ingrid Karb
          Blattmacherin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Aus wettbewerblichen Gründen will die Stadt nur für Sonderaufgaben zahlen, die das Klinikum für die Kommune übernimmt, dazu gehört die Notfallversorgung. Sie sei Teil der Daseinsfürsorge, die die Stadt als soziales Angebot finanzieren könne, sagte Steinmüller. „Selbstverständlich entbindet uns dies nicht von wirtschaftlichem Handeln.“

          Mehrkosten trage sonst die Klinik

          Im vergangenen Jahr haben etwa 46.000 Patienten die zentrale Notaufnahme des Klinikums Höchst aufgesucht, in diesem Jahr werden es vermutlich 50.000 sein. Zwei Drittel der Patienten konnten 2013 ambulant versorgt werden. Eben das trägt zu einem Defizit bei: Die Kosten der Behandlung ambulanter Patienten werden den Krankenhäusern nicht vollständig erstattet, wie Peter-Friedrich Petersen berichtet. Der Chefarzt der Zentralen Notaufnahme in Höchst ist im Vorstand der Fachgesellschaft der Notfallmediziner. Im Durchschnitt koste jede Behandlung mehr als 140 Euro, gezahlt werde aber nur eine Pauschale von weniger als 30 Euro. Auf den Mehrkosten bleibe die Klinik sitzen, ebenso wie auf Ausgaben für viele Untersuchungen. Und Vorhaltekosten, die entstünden, weil die Abteilung an allen Tagen des Jahres rund um die Uhr besetzt sei, würden auch nicht von den Krankenkassen übernommen. Insgesamt summiere sich das in Höchst zu einem Defizit von drei Millionen Euro im Jahr, so Petersen.

          Das Klinikum bemühe sich um die Erstattung aller Kosten der Notfallversorgung, sagte Steinmüller. Während die Behandlung für stationär aufgenommene Patienten aus dem Krankenkassen-Budget bezahlt werde, komme das Geld für die übrigen aus dem Budget der Kassenärztlichen Vereinigung. Die zahle jedoch nur eine Fallpauschale, die den durchschnittlichen Behandlungskosten in einer Arztpraxis entspreche. Für höhere Ausgaben fordere sie eine ausführliche Begründung.

          Krankenkassen sollen ran

          Wenn die Ärzte jeden Laborwert, den sie erheben ließen, zum Beispiel zu Entzündungswerten, schriftlich begründen würden, seien bei 30.000 Einzelfällen die Personalkosten höher als die Erstattung, rechnet Petersen vor. Außerdem kritisiere die Vereinigung, dass nur bei zehn Prozent der ambulanten Patienten die Notfallbehandlung gerechtfertigt sei. Tatsächlich könnten die Beschwerden vieler Ratsuchender auch in Arztpraxen behandelt werden, stimmt Petersen zu. Wegen der schlechten ärztlichen Versorgungssituation im Frankfurter Westen weise man jedoch niemanden ab. Das Klinikum habe den Kassenärzten vielmehr vorgeschlagen, im Haus eine Bereitschaftszentrale zu eröffnen, berichtet Steinmüller. Dann könnten weniger schwere Fälle dorthin verwiesen werden, was die Notaufnahme entlasten würde. Doch die Kassenärzte hätten dies abgelehnt, weil sie zurzeit die Zentralen verringern wollten.

          „Wir können Menschen in Notlagen nicht wegschicken“, sagt auch die Frankfurter Gesundheitsdezernentin Rosemarie Heilig (Die Grünen). Da die Stadt die Kosten für die Notfallversorgung jedoch nicht dauerhaft übernehmen wolle, müsse die Vergütung dringend neu geregelt werden. Die Krankenkassen müssten die Notaufnahmen „auskömmlich finanzieren“, für eine entsprechende Regelung sei der Bund gefordert. Schließlich hätten alle Kliniken „das gleiche strukturelle Problem“.

          „Alle Notaufnahmen sind defizitär“, bestätigt der Verwaltungsdirektor des Markus-Krankenhauses, Roland Strasheim. Wie der ärztliche Direktor des Hospitals zum Heiligen Geist, Rainer Duchmann, hält er die Notfallversorgung jedoch für eine wichtige Aufgabe eines Krankenhauses, die aus anderen Einnahmen mitfinanziert werden müsse. „Ich sehe das als Eintrittspforte für die stationäre Aufnahme.“

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