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Klinikübernahme durch Fresenius : Mahnungen, Warnungen nach Fresenius-Coup

Chef außer Haus: Eduard Fresenius, Gründer der Hirsch-Apotheke an der Frankfurter Zeil, ist auf diesem Bild aus den Anfangsjahren nicht zu sehen. 1912 baute er sie zu einem kleinen Produktionsbetrieb aus. Bild: obs

Der Bad Homburger Konzern kauft überraschend 43 Kliniken von der Rhön AG. Die Aktien steigen und Verdi sorgt sich um die Beschäftigten.

          Die in der Nacht zum Freitag veröffentlichten Pläne des Fresenius-Konzerns aus Bad Homburg, den größten Krankenhaus-Konzern Europas zu schmieden, haben in der Region unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. Während die Aktie der Rhön-Klinikum AG um zwölf Prozent nach oben sprang und jene von Fresenius um vier Prozent, äußerte die Gewerkschaft Verdi deutlich ihre Sorgen. „Das Klinik-Monopoly bedroht die Interessen von Patienten und Beschäftigten“, sagte Sylvia Bühler, die im Verdi-Bundesvorstand für Gesundheitspolitik zuständig ist. Es sei zu befürchten, dass der Kaufpreis von 3,07 Milliarden Euro vornehmlich von den Beschäftigten erwirtschaftet werden müsse. Das bedeutete eine höhere Arbeitsverdichtung und mehr Druck auf die Löhne. Dabei beruhe doch der Erfolg beider Klinikketten maßgeblich auf dem engagierten Personal, fügte die Gewerkschafterin hinzu.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Der Fresenius-Konzern hatte in der Nacht überraschend mitgeteilt, sich mit der Rhön-Kliniken AG in Bad Neustadt an der Saale auf die Übernahme von 43Kliniken aus deren Portfolio verständigt zu haben. Dazu zählen auch drei Standorte in Wiesbaden: die Deutsche Klinik für Diagnostik, die Aukammklinik für Orthopädie und der Anteil an den Horst-Schmidt-Kliniken. Außerdem die Kliniken Miltenberg-Erlenbach am Rande des Rhein-Main-Gebiets. Nicht im Paket enthalten ist hingegen der Anteil am Universitätsklinikum Gießen-Marburg. Diese 95-Prozent-Beteiligung verbleibt bei Rhön. Innerhalb des Fresenius-Konzerns übernimmt der Krankenhausbetreiber Helios, der seinen Sitz in Berlin hat, die Kliniken. Helios ist im Rhein-Main-Gebiet weitaus stärker vertreten als Rhön, besitzt aber eher kleine Krankenhäuser.

          Bundeskartellamt muss noch zustimmen

          Es ist der zweite Anlauf des Fresenius-Vorstandsvorsitzenden Ulf Schneider zur Übernahme von Rhön. Der erste war im vergangenen Jahr gescheitert, weil es ihm nicht gelungen war, genügend Aktien zu übernehmen. Die hohen rechtlichen Hürden einer Übernahme der Aktiengesellschaft wurden nun umschifft, indem Fresenius die einzelnen Kliniken übernimmt und nicht den Konzern als solches. Insofern handelt es sich nicht um eine feindliche Übernahme. Die Rhön-Klinikum AG teilte denn auch gestern mit, man gehe mit dem Verkauf eines Großteils seiner Krankenhäuser geschäftlich in die Offensive, indem man sich auf Einrichtungen konzentriere, die in der Vollversorgung Spitzenmedizin böten. Die Gesellschaft behält außer dem Universitätsklinikum in Mittelhessen die Krankenhäuser an ihrem Sitz in Bad Neustadt sowie in Bad Berka und in Frankfurt an der Oder.

          Der Übernahme muss noch das Bundeskartellamt zustimmen. Sollte sie gelingen, entstünde nach Angaben von Fresenius mit 117 Kliniken und 5,5 Milliarden Euro Umsatz der größte Krankenhaus-Konzern Europas. „In Zukunft wird die Mehrheit der Menschen in Deutschland binnen einer Stunde eine Helios-Klinik erreichen können“, teilte Fresenius gestern mit.

          SPD: Landesregierung wurde ausgetrickst

          Ob die Übernahme speziell im Falle der Horst-Schmidt-Kliniken in Wiesbaden gelingt, an der Rhön eine Minderheitsbeteiligung von 49 Prozent hält, während 51 Prozent bei der Stadt liegen, steht dahin. Der Konsortialvertrag zwischen der Stadt und Rhön sieht vor, dass einem Verkauf von Geschäftsanteilen alle Gesellschafter zustimmen müssen. Nach Angaben des Wiesbadener Oberbürgermeisters Sven Gerich (SPD) besteht darüber zwischen Rhön, Fresenius und Stadt auch Einigkeit. Jetzt werde die Verwaltung aber zunächst prüfen, welches Gremium die Entscheidung fällen müsse. Gesundheitsdezernent Axel Imholz (SPD) kündigte eine Sondersitzung des Aufsichtsrates der Trägergesellschaft des Krankenhauses an. Er hob hervor, dass betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2015 ausgeschlossen seien.

          Die Teilprivatisierung der überschuldeten Klinik war von der großen Koalition im Wiesbadener Rathaus zu Beginn des vergangenen Jahres gegen den Widerstand der Opposition durchgesetzt worden. Wie berichtet, hatte Rhön sich in einem Bieterwettkampf durchgesetzt, an dem sich auch Helios beteiligt hatte. Für seine Minderheitsbeteiligung zahlte der Konzern rund 250 Millionen Euro. Anscheinend seien die Horst-Schmidt-Kliniken jetzt zum Spielball von Großkonzernen geworden, sagte gestern Christiane Hinninger, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Rathaus. „Jetzt landen sie genau bei der Gesellschaft, an die die Stadt nicht verkaufen wollte.“

          Kritik kam auch von der Opposition im Wiesbadener Landtag. Die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Kordula Schulz-Asche, äußerte Zweifel, ob der „Rest“ der Rhön-Klinikum AG noch in der Lage sei, das Universitätsklinikum Gießen-Marburg zu führen. Aus der SPD hieß es, die Landesregierung sei ausgetrickst worden. Die Privatisierung des Universitätsklinikums in Mittelhessen sei endgültig gescheitert.

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