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Klinik-Seelsorger : Christen, Buddhisten und Muslime bilden gemeinsam aus

  • Aktualisiert am

Vorbild: Der Grüne Halbmond hat Zina Abouayad (links) zur muslimischen Seelsorgerin ausgebildet und dafür mit den christlichen Kirchen kooperiert Bild: Michael Kretzer

Zumindest hessenweit gilt das Vorhaben als einmalig, das nun in Frankfurt vorgestellt worden ist. Christen, Buddhisten und Muslime wollen gemeinsam Krankenhaus-Seelsorger ausbilden.

          Christen, Muslime und Buddhisten im Großraum Frankfurt haben sich auf gemeinsame Standards für die Seelsorge in Krankenhäusern geeinigt. Sie arbeiten auch bei der Ausbildung Ehrenamtlicher zusammen. Am Montag stellten Vertreter der Religionen das Konzept vor, das nach ihren Angaben zumindest hessenweit einmalig ist.

          Es handele sich um eine „sehr praxisbezogene interreligiöse Kooperation“, sagte Pfarrer Winfried Hess, einer der Veranstalter. Die Zusammenarbeit der drei Glaubensgemeinschaften komme nicht von ungefähr: „In allen drei Traditionen hat eine uneigennützige Sorge für Mitmenschen in Not und Krise eine hohe Bedeutung.“

          So arbeiten in Frankfurt mittlerweile auch muslimische Seelsorgerinnen in Krankenhäusern. Als erste Frau ist Zina Abouayad vom Grünen Halbmond für diese Aufgabe im Hospital zum Heiligen Geist ausgebildet worden. Der Grüne Halbmond widmet sich als Verein der Pflege- und Sozialarbeit für Muslime. Er hat bei der Ausbildung der Seelsorger eng mit der evangelischen und katholischen Kirche zusammengearbeitet.

          „Es geht um Menschen“

          Abouayad hat Nachahmer gefunden: Rabia Bechari ist gelernte Bankerin. Eigentlich hat sie aber andere Talente, der Umgang mit Menschen liegt ihr besonders. Im vergangenen Jahr stieg sie aus ihrem Beruf aus und ist seitdem Tagesmutter - zusätzlich zu ihren eigenen drei Kindern betreut sie nun noch drei andere. „Es ist eine ganz andere Welt - und ich vermisse nichts“, sagt die 38 Jahre alte Frankfurterin mit marokkanischen Wurzeln. Die Ausbildung zur ehrenamtlichen Krankenhaus-Seelsorgerin absolvierte sie 2011, seitdem besucht sie muslimische Patienten in Krankenhäusern.

          Seelsorger: Rabia Bechari (links), die katholische Notfallseelsorgerin Sabine Bruder und Buddhist Dagobert Ossa

          Dass sie Muslima ist, helfe den Patienten, auch wenn die Religion nie im Vordergrund stehe. „Es geht um Menschen und nicht in erster Linie um die Religion“, sagt Bechari. Aber den Kranken tue es gut, wenn ihnen jemand zuhöre, der mit ihrer Kultur vertraut ist. Das schaffe ein Gefühl von Heimat. Als Seelsorgerin habe sie vor allem gelernt, einfach zuzuhören. „Ich muss keine Lösung finden.“ Im Gespräch mit der Seelsorgerin könnten sich Menschen auch zu Schwächen bekennen. Eine iranische Frau habe ihr mal gesagt: „Ich bin froh, dass ich mich mal fallen lassen kann.“

          „Es geht um Nächstenlieb“

          Buddhist Dagobert Ossa wünscht sich ein Netzwerk aus Ehrenamtlichen für die Betreuung buddhistischer Patienten in Krankenhäusern. Der 73 Jahre alte Ossa selbst ist seit rund zehn Jahren Buddhist, er gehört gleichzeitig der evangelischen Kirche an. Im Tibetisch Buddhistischen Zentrum Sakya Kalden Ling in Frankfurt arbeitet er als Laie.

          Buddhist sei er, weil der Buddhismus keine Dogmen kenne, sondern die Gläubigen selbst entscheiden, was vernünftig und vertretbar ist. Ossa sieht einen Trend zur Vereinsamung in der älter werdenden Gesellschaft - nicht nur in Kliniken, sondern auch in der Altenpflege oder in anderen Bereichen. Da dürfe man sich nicht auf den Staat verlassen, sondern müsse aus Nächstenliebe helfen.

          In Frankfurt würden häufig Menschen buddhistischen Glaubens aus aller Herren Länder behandelt, oft seien sie allein. Die ehrenamtlichen Seelsorger sollten ihre Sprache sprechen und mitfühlend sein. „Der Patient soll sich geborgen fühlen, es geht  um Nächstenliebe“, sagt Ossa, der bei der Frankfurter interreligiösen Initiative zur Ausbildung von Seelsorgern in Krankenhäusern und sozialen Einrichtungen die Buddhisten vertritt.

          „Einfach ein Gegenüber sein“

          Sabine Bruder ist ausgebildete Krankenpflegerin und Theologin. Seelsorge im Krankenhaus ist für die 50 Jahre alte Katholikin intensive Begleitung von Menschen und ein wichtiger Dienst der Kirche. „Ich mache das mit Freude“, sagt sie. In der Frankfurter Uni-Klinik werde sie oft vom Personal zu einsamen Patienten geholt, die keinen Besuch bekommen, oder zu Menschen, die um Angehörige trauern. Viele Kranke stellten sich Fragen wie „Woraus schöpfe ich Kraft?“ oder „Was gibt mir Halt?“.

          Dann sei es nötig, sich Zeit für jeden einzelnen zu nehmen, zu
          bleiben und zuzuhören. „Manche denken, dass wir etwas von  ihnen wollen, aber das ist nicht so - wir wollen einfach ein Gegenüber sein“, sagt Bruder, die beim Bistum Limburg als Pastoralreferentin angestellt ist und sich auch um die Ausbildung ehrenamtlicher Seelsorger kümmert. Ein bestimmtes Fachstudium sei für die Arbeit in den Kliniken nicht nötig, wohl aber Lebenserfahrung, Offenheit und auch Belastbarkeit.

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