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66 Jahre Klingspor-Museum : Buchkunst mit Holzlettern und Gänsekielen

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Hausherr: „Wir sind ein ästhetisches, kein historisches, auch kein Technikmuseum“, sagt Museumsleiter Stefan Soltek. Bild: Francois Klein

Vor 66 Jahren öffnete das Klingspor-Museum in Offenbach erstmals seine Türen. Nun gibt eine Dauerausstellung einen Überblick über die Sammlung – eine Premiere.

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          Auch mein Reich sind die Bleistifte.“ Das notierte der achtundachtzigjährige Literaturnobelpreisträger Elias Canetti 1993, ein Jahr vor seinem Tod. Auf Canettis Schreibtisch lagen Tag für Tag 48 gespitzte Bleistifte, mit denen der Schriftsteller und Mythologe, Denker und Anthropologe, der 1924 an der Frankfurter Wöhlerschule sein Abitur ablegte, von Hand aufschrieb, was er sah und hörte, was ihm widerfuhr und worüber er nachdachte. In einer Zeit, da die Handschrift in Verruf geraten ist, scheint dieser mit der Hand schreibende Weltautor („Die Blendung“, „Masse und Macht“, „Die gerettete Zunge“), der, wie er in jener Notiz bekannte, die „spitzen“ Sätze liebte, als aus der Zeit gefallen. Ein solch „spitzer“ Satz Canettis, 1992 niedergeschrieben, spricht vom Computer: „Nur zögerndes Wissen zählt. Das ist es, was Computern am meisten abgeht: Zögern.“

          Zu einer ausgedehnten, einer langsamen Zeitreise in eine Welt, in der Buchstabe und Wort, Schrift und Illustration noch von Hand gestaltet wurden, bisweilen allerdings von Druckmaschinen unterstützt, lädt die erste je präsentierte Dauerausstellung in dem 1953 im Südflügel des Büsing-Palais an der Herrnstraße eröffneten Offenbacher Klingspor-Museum den Besucher ein, und zwar auf analogen wie auf digitalen Wegen.

          Die Dauerausstellung erstreckt sich über drei Etagen des Klingspor-Museums, wie dessen Leiter Stefan Soltek erläutert, und schöpft aus der Sammlung des Museums, die längst weit über den Nachlass des einstigen Schriftgießereibesitzers Karl Klingspor (1868-1950), welche den Grundstock des Museums bildet, hinausgeht. Der Besucher kann sich an den von Corinna Krebber fixierten roten Strichen orientieren, die gestalterisch die früheren Auszeichnungslinien der Schriftgießerei zitieren und an den Wänden des Museums zu sehen sind. Das Klingspor-Museum versteht sich als ein Haus für moderne Buch- und Schriftkunst, vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart, wobei für Soltek die Betonung auf dem Begriff „Kunst“ liegt. „Wir sind ein ästhetisches, kein historisches Museum, auch kein Technikmuseum“, sagt Soltek.

          Nie die Zeitgeschichte aus dem Blick verloren

          Gleichwohl: Das Klingspor-Museum hat bislang mitnichten die Zeitgeschichte aus dem Blick verloren. In zahlreichen Wechselausstellungen, welche als Gestaltungselement seit fast sieben Jahrzehnten das Museum prägten, war das Zeitgeschehen immer wieder gegenwärtig. Das trifft etwa auf die Ausstellung der kraftvollen, aufwühlenden Blätter des expressionistischen belgischen Künstlers Frans Masareels zu, eines leidenschaftlichen Pazifisten, der die Schrecken des Ersten Weltkriegs in Bild und Schrift fasste, mit Stefan Zweig, Hermann Hesse, Thomas Mann und Bert Brecht befreundet war, ebenso wie auf die Präsentation der Exponate aus der Sammlung Guggenheim.

          Der jüdische Rechtsanwalt Siegfried Guggenheim, in Worms geboren, seit 1900 Sozius in der Offenbacher Kanzlei des Otto von Brentano di Tremezzo, dem nachmaligen Justiz- und Innenminister des Volksstaates Hessen, war mit dem protestantischen Schriftkünstler Rudolf Koch, der seit 1906 für die Gebrüder Klingspor arbeitete und mehr als dreißig Schriften entwarf, eng befreundet. Guggenheim, letzter Vorsitzender der traditionsreichen liberalen israelitischen Religionsgemeinde Offenbach vor deren Zerschlagung durch die Nationalsozialisten, trat als Kunstmäzen hervor, förderte Koch und dessen Künstlerkreis, ließ etwa unter der Obhut von Max Dorn, dem seinerzeitigen Leiter der Hausdruckerei in der Schriftgießerei Gebr. Klingspor, 1927 die bibliophile Ausgabe der hebräisch-deutschen „Offenbacher Haggadah“ von Koch und seinen Meisterschülern Fritz Kredel und Berthold Wolpe gestalten. Ein singuläres Zeugnis jüdisch-christlicher Weggemeinschaft vor der Schoa. Schrift- und Buchkunst sind mithin stets auch ein Spiegel ihrer Zeit.

          Die Kuratorin der Dauerausstellung im Klingspor-Museum, die 32 Jahre alte Kunsthistorikerin Monika Jäger, die zudem Kunstpädagogin und Buchkünstlerin ist, hat die erste Station dieser Schau in einem intimen Raum, dem „Kabinett“, eingerichtet. Eine wandgroße, atmosphärisch dichte Fotografie beherrscht den kleinen Museumssaal. Zu sehen sind auf der Fotografie an der Stirnwand die Setzer in der Holzdruckwerkstatt der Schriftgießerei Gebr. Klingspor, die sich in der Ludwigstraße 140 befand, mithin in einem Arbeiterviertel, dem „Nordend“. Im Vordergrund der Fotografie liegen gut sichtbar große Lettern aus Holz. In welchem Jahr diese zeittypische Fotografie entstand, auf der neben acht Männern auch eine Frau bei der Arbeit zu sehen ist, ist unbekannt. Auf einem Lageplan, der den Standort der Schriftgießerei verzeichnet und erläutert, wie man zu Fuß oder mit der Tram („Straßenbahn Nr. 27“) dorthin gelangt, wird noch 1927 erwähnt, dass eine „Holzschriftenfabrik“ zur Firma gehörte. Holzlettern wurden vor allem für den Druck großer Formate und von Plakaten verwendet.

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