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66 Jahre Klingspor-Museum : Buchkunst mit Holzlettern und Gänsekielen

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Zeitgenössische Künstler gestalten mit

Der Gießener Fabrikant Karl Klingspor – nach ihm ist das Museum benannt – übernahm 1892 die Rudhard’sche Gießerei in Offenbach. 1894 trat sein Bruder Wilhelm in die Firma ein. Seit 1906 war das Unternehmen unter dem Namen „Schriftgießerei Gebr. Klingspor“ bekannt. Karl Klingspor gelang es bald schon, zeitgenössische Künstler an die Schriftgießerei zu binden, neue Schriften und Zierat gestalten zu lassen, etwa die Schrift von Otto Eckmann, der den Jugendstil mitprägte, Schriften des Architekten Peter Behrens, den Buchschmuck des Jugendstil-Künstlers Heinrich Vogeler aus Worpswede, die Schriften von Rudolf Koch, der die „Deutsche Schrift“ erneuerte („Koch-Fraktur“).

Im Museumskabinett sind jetzt Kostproben solcher Werke zu sehen, etwa die „Fette Eckmann“ von 1902, eine „Mediaeval„-Schrift, 1909 von Walter Tiemann entworfen, ferner eine Handschrift von Koch, „Der Gesang des heiligen Franziskus von den Geschöpfen“, die der Schriftkünstler seinem „lieben Freund Guggenheim“ 1919 zu dessen fünfzigsten Geburtstag widmete. Jenseits der knapp gehaltenen Schrifttafeln kann sich der Museumsbesucher anhand von Faltblättern über den jeweiligen Schwerpunkt der Ausstellungsstation informieren, zum Beispiel zum Thema „Klingspor und die Schrift“, den Themen „Illustration, Plakat, Pressendrucke, Künstler- respektive Malerbuch“.

Nobel: Das Museum ist in einem Flügel des Büsing-Palais untergebracht.
Nobel: Das Museum ist in einem Flügel des Büsing-Palais untergebracht. : Bild: Francois Klein

Der Museumsgast darf nicht nur mit bunten Stiften, Gänsekiel- oder Bambusfeder auf den bereitliegenden Blättern eigene Wortbilder von Hand gestalten, sondern im Durchgang des ersten Stockwerks auch auf einem großen Bildschirm mit dem Finger wischen und klicken, sich je nach der gewählten Schriftfarbe auf einem ebenso neonfarben beleuchteten, weichen Hocker setzen, sein Schrift- und Bildwerk gar in Farbe ausdrucken lassen und mit nach Hause nehmen. Sogar ein eigenes Kinderbuch kann geschaffen werden. Ein Muster ist das gleichfalls an der Medienstation zu sehende Kinderbuch „Billy“, das die Buchkünstlerin Käthe Steinitz 1936 in New York gezeichnet hat, wohin sie wegen ihrer jüdischen Herkunft von Deutschland aus während der Nazizeit hatte emigrieren müssen. Gleich neben der Medienstation befinden sich das Museumsarchiv und der Lesesaal. Dort können die Besucher nach noch mehr Informationen graben und die Originale studieren.

Von Delacroix bis Picasso

Im Stockwerk unter dem Mansarddach gelangt der Besucher zur dritten Station der Dauerausstellung. In den Blick fallen sogleich einige Meisterwerke der modernen Buchgestaltung. Da ist der beeindruckende Band, den Eugène Delacroix zu Goethes „Faust“ 1828 mit Lithographien gestaltet hat, jener von Alois Senefelder in München erfundenen, 1799 erstmals kommerziell in der Offenbacher „Notenfabrique“ des Johann Anton André angewandten Flachdrucktechnik, in der im Klingspor-Museum gezeigten Ausgabe mittels 17 Lichtdrucktafeln reproduziert. Unweit davon liegt aufgeblättert in einer Vitrine ein Werk von Pablo Picasso. Zu sehen sind die Originallithographien von Picasso zu den Gedichten von Pierre Reverdy, „Le Chant des Morts“, 1948 bei Tériade in Paris gedruckt. Kräftige rote Linien und Kreise, die Picasso mit dem Pinsel malte, leuchten aus dem gedruckten Text hervor.

Zeitgenössisch geht es für den Besucher in der letzten Station der Dauerausstellung im Klingspor-Museum weiter. Der 2004 gestorbene Grafiker und Buchkünstler Paul Stein hat in einem Buchungsjournal quer zu den senkrechten Rubriken „Soll“/„Haben“ seine Tagebucheinträge notiert. Penibel von Hand, in Tinte. „27. Aug. 2001 5h45. gestern früh zu Bett und deshalb früh mit einem Alptraum wach geworden.“ Auf der gegenüberliegenden Journalseite hat Stein die Spuren seines Daseins mit dickem Filzstift in Schwarz, Blau und ein wenig Rot getilgt, Ziffern ebenso wie Buchstaben. Darunter ist zu lesen: „TOMORROW SORROW 28.8.2001 21h20“. Die Tagebucheinträge von Paul Stein, die das Klingspor-Museum bewahrt, umfassen 19 000 Seiten. In seinem Essay „Dialog mit dem grausamen Partner“ merkt Elias Canetti an: „Im Tagebuch spricht man zu sich selbst.“

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