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Klimawerkstatt Ginnheim : „Gemüse ein Gesicht geben“

  • -Aktualisiert am

Kommt nicht in die Tüte: Die Klimawerkstatt prangert Plastikmüll an. Bild: Vogl, Daniel

Die Klimawerkstatt Ginnheim möchte nachhaltiges Leben erfahrbar machen. Eine Kooperative vertreibt Kartoffeln aus Steinbach, Lauchzwiebeln von einem Demeter-Hof bei Griesheim oder Kräuter aus Oberrad.

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          Das Ding, in dem Ulrich Zimmermann seine Mahlzeiten köchelt, sieht aus, als sei es einst ein Bauteil der Internationalen Raumstation gewesen: ein silbernes Gebilde in Oktaeder-Form, dessen dünne, zusammenfaltbaren Seitenwände aus Aluminium das Licht reflektieren. In der Mitte eine Schüssel aus Glas. „Sonnenofen“ nennt der ehemalige Entwicklungshelfer aus Ginnheim das Kochgerät: Kohlendioxidfrei und ganz ohne Strom ließen sich darin köstliche Eintöpfe und Suppen zubereiten, Fleisch könne gegart oder Gemüse eingeweckt werden. „Umweltschutz fängt im Kleinen an“, sagt Zimmermann, der die Aktionswoche der Klimawerkstatt Ginnheim im Begegnungszentrum des Stadtteils am Donnerstagabend besucht. „Jeder kann etwas für das Klima tun, auch wenn es nur ein kleiner Beitrag ist“, findet er.

          Sybille Fuchs sieht das ähnlich. Die Ginnheimerin leitet die Klimawerkstatt. „Wir möchten nachhaltiges Leben gemeinsam erfahrbar machen“, erläutert sie. 2012 hatte sie das Ginnheimer Kirchplatzgärtchen angelegt, ein Urban-Gardening-Projekt in der Stadtteilmitte. „Die Anwohner sollen zusammen gärtnern, kochen und reparieren“, so Fuchs’ Vorstellung. Der Ansatz gefiel auch dem Ortsbeirat, im vergangenen Jahr bezuschusste er die Klimawerkstatt. Eine Art Nachbarschaftscafé wollte Fuchs an der Ginnheimer Landstraße eröffnen, dort wo mehrere Jahre das leerstehende Gebäude einer ehemaligen Trinkhalle vor sich hin moderte. „Klimaschutz to go“, wie sie es ausdrückt.

          Bier und Zigaretten statt FairTrade-Kaffee und lokales Gemüse

          Dieser Plan ist nicht aufgegangen – mittlerweile gibt es an dem Büdchen wieder Bier und Zigaretten statt FairTrade-Kaffee und lokales Gemüse. „Schade eigentlich“, sagt Fuchs. Nun sei die Klimawerkstatt eben mal hier, mal dort zu Gast, in Schulen etwa, auf Stadtteilfesten oder im Ginnheimer Kinderzirkus Zarakali. Fuchs steht vor einer Fotowand im Begegnungszentrum und berichtet von ihrer Arbeit. „350 Kilo Kartoffeln haben wir mit den Kindern der Diesterwegschule im Sommer geerntet“, erzählt sie stolz.

          Auf einem der Bilder ist ein Traktor zu sehen, der die Ginnheimer Landstraße hinuntertuckert. Am Steuer sitzt ein junger Mann mit Holzfäller-Vollbart und breitem Grinsen. Derselbe Mann steht nun am Eingang des Begegnungszentrums und hievt Kisten voller Obst und Gemüse auf einen Tisch. Es handelt sich um Christoph Graul, gelernter Obstbauer, Gärtner und studierter Landwirt. Während er noch mit dem Verladen der Kisten beschäftigt ist, betritt eine junge Frau den Raum: „Hallo, ich möchte meinen Anteil abholen.“ Kurzer Smalltalk, Übergabe der Kiste, dann ist die Frau schon wieder aus der Tür.

          Ökologisch angebaute Erzeugnisse aus der Region

          „Das wöchentlich wechselnde Angebot an Obst und Gemüse nennen wir Ernteanteil“, erklärt Graul. Zusammen mit seinem Geschäftspartner Silas Müller hat der Leipziger „Die Kooperative“ gegründet, eine Art Genossenschaft, die ökologisch angebaute Erzeugnisse aus der Region vertreibt. „Wir haben zwar ein Bio-Siegel, schmücken uns aber nicht damit“, sagt er. Vielmehr gehe es darum, Landwirte und Verbraucher näher zusammenzubringen. „Die meisten Bauern kennen ihre Kunden nicht – und andersherum.“

          „Kunde“ ist ohnehin ein Unwort bei der Kooperative. Die Abnehmer – in Ginnheim sind es mittlerweile knapp 20 – gehörten nämlich selbst zur Genossenschaft. Graul klärt über die Herkunft der Anteile auf: Kartoffeln aus Steinbach, Lauchzwiebeln von einem Demeter-Hof bei Griesheim, Kräuter aus Oberrad. „Wir möchten dem Gemüse ein Gesicht geben.“ In drei verschiedenen Größen können die Anteile abgeholt werden, ein wöchentlicher Newsletter informiert über die saisonalen Trends. Mehr als 30 Euro kostet beispielsweise der mittelgroße Anteil, den die junge Frau abholt. „Bei uns gibt es keine Hühner, die pausenlos Eier legen und irgendwann tot umfallen“, sagt Graul. Das spiegle sich eben im Preis wider.

          In der Küche des Zentrums hat sich derweil ein Grüppchen um einen Tisch versammelt, darauf Häppchen mit orangefarbenem Kürbis-Chutney und lila Rote-Beete-Mus. „Köstlich, dieser Kürbis“, ruft Rosemarie Heilig. Die Umweltdezernentin von den Grünen ist begeistert von der Klimawerkstatt und hält wenig später eine Ansprache vor den Besuchern, während sie ein Einmachglas voll Plastikmüll in die Höhe reckt. Sie wirbt dafür, bewusster auf Plastikverbrauch zu achten, etwa beim Wocheneinkauf. „Schärfen Sie Ihr Bewusstsein, und werden Sie selbst aktiv. Allein durch Verbote von oben ist Klimaschutz nämlich nicht durchsetzbar.“

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