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Klimawandel : Der Winter ist auf dem Rückzug

Der Januar in Zeiten des Klimawandels: Im Frankfurter Palmengarten sprießen in diesen Tagen schon die Krokusse. Bild: Helmut Fricke

Ist die kalte Jahreszeit bald gar nicht mehr kalt? Das Jahr 2014 war das wärmste seit fast 160 Jahren. Die Klimaveränderungen werden immer deutlicher - auch im Rhein-Main-Gebiet.

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          Früher war mehr Lametta. Und mehr Schnee. Und überhaupt mehr Winter! Das klingt nach Loriots Opa Hoppenstedt und seiner alljährlichen Nörgelei unter dem Weihnachtsbaum. Zumindest aus meteorologischer Sicht aber haben diese Klagen durchaus ihre Berechtigung. Zwar ist der aktuelle Winter noch lange nicht vorüber, und er könnte noch die eine oder andere weiße Überraschung bringen. Im Großen und Ganzen wird die kalte Jahreszeit hierzulande aber tatsächlich immer wärmer. Die nun offiziell zur Verfügung stehende Wetterstatistik des Jahres 2014 macht das auf bemerkenswerte Weise deutlich.

          Peter Badenhop

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wie in Deutschland insgesamt, so ist das vergangene Jahr auch im Rhein-Main-Gebiet das wärmste seit Beginn der regelmäßigen Temperaturmessungen gewesen. Der Deutsche Wetterdienst in Offenbach hat für die Messstation am Frankfurter Flughafen einen Jahresmittelwert von 12,1 Grad ermittelt. Das sind 2,4Grad mehr als der offizielle Referenzwert von 9,7 Grad und 0,5Grad mehr als der bisherige Spitzenwert von 11,6 Grad aus dem Jahr 1994. Nur in einem Monat ist es 2014 zu kühl gewesen – ausgerechnet im August. Alle anderen Monate waren aus statistischer Sicht zu warm, wobei sich der Januar (plus 4,0Grad), der Februar (plus 3,9Grad) und der April (plus 4,4Grad) besonders hervorgetan haben.

          Eistage sind selten geworden

          Noch wärmer als am Flughafen war es in der Stadt Frankfurt. Dort wurde an der Messstation im Westend ein Jahresmittel von 12,4 Grad erreicht – das dritthöchste in Deutschland und das höchste seit Beginn der Messungen in der Frankfurter Innenstadt im Jahr 1857. Die Messreihe birgt wegen des mehrfachen Standortwechsels der Wetterstation zwar eine gewisse Ungenauigkeit, ins Bild passen die Werte dennoch.

          Wie extrem mild es im vergangenen Jahr gewesen ist, zeigt auch ein Blick auf die Tage mit Frost und Dauerfrost: An der Messstation am Flughafen sind in den vergangenen zwölf Monaten nur 51 Tage mit Frost registriert worden – der Normalwert liegt bei 82. Und sogenannte Eistage waren noch viel seltener: Nur an einem einzigen Tag, am 28. Dezember, verharrte das Quecksilber durchgängig unter null. Das hat es in den vergangenen 65 Jahren erst zweimal gegeben, 1974 und 2008.

          Mehr heiße Tage im Sommer

          Ebenso erstaunlich ist die geringe Zahl der Tage mit Schneefall und vor allem derer mit Schneedecke. Im gesamten Jahr 2014 wurde nur an 14Tagen Schneefall registriert. Und nur an vier Tagen eine Schneedecke. Im langjährigen Durchschnitt sind es 22. Jahre ganz ohne Schneedecke hat es in Frankfurt erst zwei Mal gegeben: 1989 und 1992.

          Für die Klimaforscher sind die Reihen mit Frost- und Eistagen – ebenso wie jene der Sommer- und Hitzetage – von besonderem Interesse (siehe Grafiken rechts oben und rechts unten). Alle diese Kurven sind zwar von starken Ausschlägen nach oben und unten gekennzeichnet. Es ist jedoch gut zu erkennen, dass die Zahl der Frost- und der Eistage tendenziell abnimmt, während die Kurven der Sommertage und der heißen Tage Zug um Zug ansteigen. Seit dem Ende der neunziger Jahre hat es zum Beispiel kein Jahr mehr mit weniger als 40 Sommertagen gegeben, was bis Mitte der Achtziger praktisch noch in jedem zweiten Jahr der Fall war.

          Nur ein indirekter Beweis

          Natürlich sind die Werte eines einzigen Jahres kein Beweis für das Verschwinden des Winters in Zeiten des Klimawandels. Denn das Wetter ist ein kurzfristiges, extrem volatiles Phänomen, das Klima dagegen zeigt langfristige Entwicklungen. So gesehen ist das extrem milde Jahr 2014 ein Hinweis auf die vieldiskutierte Klimaveränderung – ein direkter Beweis ist es aber nicht.

          Wie gut das vergangene Jahr in die Entwicklung der vergangenen drei Jahrzehnte passt, zeigt allerdings ein Blick auf die Jahres-Durchschnittstemperaturen, die am Frankfurter Flughafen seit 1936 erfasst werden. Schon deren simple Aneinanderreihung (siehe Grafik links oben) macht deutlich, dass es seit dem Ende der achtziger Jahre spürbar wärmer geworden ist. Jahresmittelwerte von mehr als elf Grad hat es vor 1990 in Frankfurt nicht gegeben – seither aber praktisch immer. Nur zweimal ist die Zehn-Grad-Marke in den vergangenen 25 Jahren unterschritten worden, nämlich 1996 (9,2 Grad) und 2010 (9,8 Grad). Ebenso anschaulich ist die Aufstellung der zehn wärmsten und der zehn kältesten Jahre seit 1936 (siehe Grafik links unten): Während es seit 25 Jahren kein Jahr mehr in die Kälte-Top-Ten geschafft hat, stammen sämtliche Werte der Wärme-Top-Ten aus der Zeit seit 1990.

          Wo Opa Hoppenstedt Recht hat

          Über die Gründe und die Folgen der Klimaveränderung gibt es heftige Kontroversen, die Tatsache der Erwärmung als solche ist dagegen unumstritten. Wie rasant diese Entwicklung inzwischen ist, zeigt ein weiterer Vergleich: Der Referenzwert der Meteorologen bei der Beurteilung von Temperaturen ist stets eine langjährige Mitteltemperatur, die aus den Werten von 30 Jahren gebildet wird. Diese Durchschnittswerte stammen derzeit noch aus dem Zeitraum 1961 bis 1990 und werden international von Meteorologen und anderen Forschern anerkannt. Der offizielle Jahresnormalwert für Frankfurt beträgt zum Beispiel 9,7Grad. Verschiebt man die Referenzperiode aber nur um zehn Jahre und bildet einen Mittelwert für die Jahre 1971 bis 2000, so beträgt der Jahresnormalwert 10,2 Grad. Und nimmt man schließlich den Zeitraum von 1981 bis 2010 als Referenzperiode, dann landet man bei einem langjährigen Jahresmittel von 10,6 Grad. So gesehen wäre es 2014 nicht 2,4Grad, sondern nur 1,5Grad zu warm gewesen.

          Mit der Frage, ob diese Entwicklungen auch die Ursache für das Verschwinden des Lamettas sind, haben sich die Meteorologen bisher nicht beschäftigt. Opa Hoppenstedt hat aber auch hier einen Punkt. Früher war nämlich tatsächlich nicht nur mehr Schnee und mehr Winter, sondern auch mehr Lametta. Laut Statistik ist der Verkauf des glänzenden Christbaumschmucks in den vergangenen 20 Jahren um 60 bis 70 Prozent zurückgegangen.

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