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Neue Uni-Präsidentin Wolff : Klimawandel am Adornoplatz

Wird von Jusos als „unkompliziert“ und „offen für neue Ideen“ gelobt: die neue Frankfurter Uni-Präsidentin Wolff, die der CDU angehört Bild: Wonge Bergmann

Seit gut 100 Tagen ist Birgitta Wolff Präsidentin der Frankfurter Universität. Die Wirtschaftswissenschaftlerin hat dort einen neuen Stil des Umgangs eingeführt.

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          Schöner geworden ist das Präsidentenbüro durch die drei Flipcharts nicht. Die Tafeln, dick mit schwarzem Filzstift beschrieben, verstellen die Sicht auf die Kunst an den Wänden. Aber das kümmert Birgitta Wolff vermutlich wenig. Für die Frankfurter Uni-Präsidentin ist ihr Dienstzimmer ein Arbeitsraum, keine Ausstellungsfläche für den guten Geschmack seiner Nutzerin. Woran hier gearbeitet wird, soll jeder sehen. Ungefragt erklärt Wolff den Sinn einer der Skizzen: „Wir haben zum ersten Mal ein Organigramm der Uni entworfen, auf dem alle drauf sind - insbesondere eben auch die Fachbereiche.“

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Organigrammpapier ist bekanntlich geduldig, aber Wolffs Entwürfe einer weniger hierarchisch geführten Hochschule passen zu den Einschätzungen, die Wegbegleiter nach den ersten 100 Tagen ihrer Amtszeit abgeben: Die 49 Jahre alte Wirtschaftswissenschaftlerin hat im Verwaltungsbau der Uni am gerade neu benannten Theodor-W.-Adorno-Platz für einen Klimawandel gesorgt. In vielerlei Hinsicht ist Wolff ein Gegenentwurf zu ihren beiden Amtsvorgängern Rudolf Steinberg und Werner Müller-Esterl. Statt Businesskleidung trägt sie Jeans und bequeme Schuhe, ihr Umgangston ist salopp, sie spricht von „Studis“ und „Profs“, streut als ehemalige Harvard-Gastforscherin auch gerne englische Vokabeln ins Gespräch ein und ist mit ihren engen Mitarbeitern schon per du.

          Jusos: CDU-Mitglied Wolff „unkompliziert“

          Das sind die Äußerlichkeiten. Hätte es damit sein Bewenden, wäre es mit den Frühlingsgefühlen, die mancher in der Uni nach Wolffs Amtsantritt verspürt, wohl schnell vorbei. Dass es ihr ernst ist mit den Reden von mehr Beteiligung und offener Diskussionskultur, dafür sprechen die Reaktionen von Leuten, die sonst nicht dadurch auffallen, dass sie gut von Uni-Präsidenten sprechen - die strikt auf Linkskurs liegenden AStA-Vorsitzenden zum Beispiel. Myrella Dorn von den Jusos etwa lobt CDU-Mitglied Wolff als „unkompliziert“ und „offen für neue Ideen“, etwa bei der Einrichtung des geplanten Studierendenhauses auf dem Campus Westend. Die Präsidentin lege Wert auf die Meinung der Studenten, und der Umgang mit ihr sei „wesentlich entspannter“ als mit ihrem Vorgänger Müller-Esterl.

          Auch Angehörige des Senats, private Förderer der Universität und Vertreter benachbarter Hochschulen finden freundliche Worte für Wolff. Manchmal werden sie aber mit dem Hinweis verbunden, dass sie bisher keinen harten Konflikt habe durchstehen müssen. Das stimmt: Studiengebühren sind in Hessen seit Jahren Geschichte, das Bauprogramm der Uni kommt dank des Einsatzes von Wolffs Amtsvorgängern recht gut voran. Der neue Hochschulpakt mit dem Land wurde ohne große Reibereien beschlossen; bei der Geldverteilung wird die Uni Frankfurt diesmal freilich nicht zu den Hauptprofiteuren gehören. Aber das trägt Wolff mit Fassung.

          „Entspannt“ und „lösungsorientiert“

          Selbst von den Blockupy-Krawallen am 18. März blieb die Uni verschont, obwohl das House of Finance ein verlockendes Ziel für die linksextremen Gewalttäter hätte sein können. Wolff hatte sich gegen maximale Sicherheitsvorkehrungen auf dem Campus ausgesprochen, und auch sonst legt sie Wert darauf, dass sich die Universität nicht von der Nachbarschaft abschottet.

          Dass es gut sein kann, physisch und verbal abzurüsten, dass sich vieles auch „entspannt“ und „lösungsorientiert“ regeln lässt, diese Einsicht hat Wolff aus ihrer Zeit im Ausland mitgenommen. Sie sagt: „Meine Grundannahme ist, dass alle auf dem Campus mündige, intelligente Menschen sind.“ Offenbar hat sich diese Hypothese bisher im Tagesgeschäft bewährt.

          Wer aber glaubt, dass mit Wolff an der Spitze eine Zeit des Laissez-faire angebrochen sei, der könnte sich irren. Zwar sieht sie die Universität nach dem Wachstum der vergangenen Jahre in einer Phase der Konsolidierung, doch die will sie nutzen, um Qualität zu halten und zu erhöhen. Etwa in der Betreuung: Um die Abbrecherquote zu senken, plant sie ein „Monitoring“ für Studenten, die durch schwache Leistungen auffallen. „Diskret“ sollten die Fachbereiche solche Kandidaten ansprechen, mit ihnen die Gründe für den Durchhänger erörtern und wenn nötig auch klarmachen, dass ein Studium nicht der allein seligmachende Bildungsweg ist.

          Wolff hat noch mehr Ideen. Zum Beispiel für die Uni-Bibliothek, deren Umzug ins Westend noch immer in nebulöser Ferne liegt. Über unkonventionelle Finanzierungswege für dieses Großprojekt will sie nachdenken und auch darüber, ob nicht alle Frankfurter Hochschulen eine gemeinsame Zentralbibliothek haben könnten. Die Präsidentin weiß, dass sich manches Vorhaben nur mit privater Unterstützung verwirklichen lässt, und sie hofft, in der Frankfurter Stadtgesellschaft Verbündete zu finden: Dort gebe es Leute, „die keine Angst vor dem Begriff ,Vision‘ haben“.

          Die Meisterschaft, mit der besonders Rudolf Steinberg es verstand, gutsituierte Bürger zum Wohl der Uni einzuspannen, wird Wolff so schnell wohl nicht erreichen. Vielleicht muss sich mancher Vermögens-Verwalter auch erst an ihren unprätentiösen, ja unakademischen Stil gewöhnen. Dass Äußerlichkeiten wie ihre Kleidung potentielle Gönner irritieren könnten, hält Wolff allerdings für unwahrscheinlich. „Man muss Ideen anbieten, sonst hilft auch das ,Kleine Schwarze‘ nichts.“

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