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Klimawandel als Impulsgeber : Menschen brauchen Bäume

Es soll grüner werden: An der Rheinuferpromenade in Basel konnten wegen Leitungen kaum Bäume gepflanzt werden. Bild: Hager AG

Auch Landschaftsarchitekten fordert der Klimawandel heraus. Clemens Kluska hat dazu eine Formel gefunden. Das geht besonders Menschen in Großstädten wie Frankfurt etwas an.

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          Alle lieben Bäume. Dazu befragt, würde sicherlich der größte Teil der Städter diese Aussage bejahen. Landschaftsarchitekten haben in der Vergangenheit andere Erfahrungen gemacht. Dabei sind sie es, die mit dem Grün, also mit Gehölzen, arbeiten und gestalten wollen. „Der Baum galt immer als Dieb von Kosten“, sagt Clemens Kluska, Mitarbeiter des Schweizer Landschaftsarchitekturbüros Hager AG in Zürich. Denn Bäume machen Arbeit: Sie müssen gepflegt, geschnitten und mitunter auch gewässert werden, und „sie machen Dreck und zerstören Leitungen“. In Zeiten, in denen Kommunen sich noch Investitionen in attraktive Projekte leisten wollen, stehen regelmäßige Pflegeaufwendungen für Bäume nicht hoch im Kurs.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Das war gestern“, sagt Kluska. Der Klimawandel, die drei heißen Sommer in Folge, die in den Städten als zu warm, zu trocken und zu lang empfunden wurden, habe bei den Bürgern und den Verantwortlichen in den Städten zu einem Umdenken geführt. Seine These: Der Klimawandel werde zum Impulsgeber für mehr Grün in den Städten, für mehr Bäume.

          „In den Städten schlicht zu heiß

          „Von der Retrospektive zur Perspektive – Klimawandel als Impulsbringer“, so hat Kluska denn auch seinen Vortrag überschrieben, den er auf Einladung des Bundes Deutscher Landschaftsarchitekten (bdla) Hessen und des Deutschen Architekturmuseums als Online-Veranstaltung in Frankfurt gehalten hat. Der Landschaftsarchitekt ist überzeugt, nicht das Leiden der Bäume in den vergangenen Sommern sei Auslöser der neuen Wertschätzung des Grüns. Es sei den Menschen in den Städten schlicht zu heiß.

          Zürich hat darauf reagiert und eine Studie zum Thema Hitzeminderung beauftragt. Seit Mai dieses Jahres liegt sie vor, 200 Seiten stark. Zunächst sei darin auf der Basis der „gefühlten Temperatur“ ermittelt worden, wann die Außentemperatur als zu starke Wärmebelastung empfunden wird: Temperaturen bis 29 Grad gelten, so Kluska, als warm und mäßig belastend. Steigt die Temperatur auf 35 Grad und mehr, werde die Belastung als stark oder als extrem empfunden.

          Schatten, Sauerstoff und Erholung

          Als Konsequenz hat die Stadt Zürich ermitteln lassen, wie die Temperaturen gesenkt werden könnten. Die wirksamste Methode sei, Bäume auf Rasen zu pflanzen, berichtet Kluska. Dadurch könne die Temperatur im Idealfall um fast neun Grad gesenkt werden, im Durchschnitt seien es noch 4,2 Grad. Zum Vergleich: Stehe ein Baum auf einer Asphaltfläche, erbringe er nur die Hälfte der Leistung. Bäume brächten Abkühlung und Schatten, produzierten Sauerstoff, böten Überflutungsschutz, da die Wurzeln Regenwasser aufnehmen, und sie minderten Lärm. Zudem böten sie Erholung und Lebensqualität.

          Den Landschaftsarchitekten fasziniert, dass es inzwischen möglich ist, die Leistungen zu berechnen, die Bäume in puncto Kühlung und Sauerstoff-Freisetzung erbringen. Die neue Messgröße sei der Blattflächenindex. Der zeige: „Blätter sind Kraftwerke.“ Vor allem wachse die Leistung eines Baumes mit seiner Größe exponentiell. Kluska ist überzeugt: Bei der Wahl der Baumart wird bald die zu berechnende Kühlleistung maßgeblich sein und entscheiden, ob ein Baum als geeigneter Klima- und Stadtbaum gilt. Er führe diese Berechnungen bei Auftraggebern gern an. Wirklich brauchen tue er solche Argumentationshilfen derzeit aber nur selten.

           Zu Kompromissen bereit

          Beredtes Beispiel ist für ihn die Rheinuferpromenade in Basel, der sogenannte Elsässerrheinweg, der zwischen dem St.-Johanns-Park bis über die französische Grenze bis nach Huningue führt. 2007 war die Hager AG beauftragt worden, auf einem schmalen Streifen entlang des Rheinufers einen Fußgänger- und Radweg anzulegen. An der breitesten Stelle war die Fläche zehn Meter breit, gleichzeitig gab es einen Höhenunterschied von bis zu zehn Metern. Bis dahin war der Streifen ein geschlossenes Hafenareal, genutzt von einem Pharmakonzern. Das Unternehmen gab den Uferstreifen, die dahinter liegenden Flächen blieben unter Verschluss. Das Büro strukturierte das Gelände durch geschwungene Mauern, schuf die gewünschten Rad- und Fußwege, machte den Rhein an dieser Stelle für die Baseler erlebbar. Unzählige Leitungen und Rohre ermöglichten nur an wenigen Stellen, dass grüne Inseln und Baumstandorte entstanden.

          Kaum fertiggestellt, wandte sich die Stadt Basel 2019 wieder an das Büro. Jetzt bat sie darum, die Promenade doch stärker zu begrünen. „Alle Normen, die die Abstände zu Leitungen vorgeben, brauchten nicht mehr beachtet zu werden“, sagt Kluska. „Wir hatten eine ganz neue Diskussion.“ Vor allem seien nun alle zu Kompromissen bereit gewesen. Die neue Planung für das Rheinufer sieht unzählige Baumstandorte, die Begrünung von Fugen, Kletterpflanzen und Sitzplätze auf Rasen vor. Kluska ist froh über solche Beispiele. Denn seine These ist: „Menschen brauchen Bäume.“ Das sei die Formel, um dem Klimawandel zu begegnen und für den Menschen erträglich zu gestalten.

          Die nächste bdla-Online-Veranstaltung in der Reihe „Klimawandel im Focus“ findet an diesem Donnerstag, 10. Dezember, um 19 Uhr mit Professor Antje Stokman statt. Einwahl unter www.bdla.de/landesverbaende/hessen/nachrichten/1247-online-vortrag-internationale-landschaftsarchitektur-2020-im-dam-5.

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