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Klimakrise bewältigen : Der grüne Deal soll kein Luxus sein

Routineeinsatz: Mit Hitze und Trockenheit wie im vergangenen Sommer muss die Stadt Frankfurt künftig öfter zurechtkommen. Bild: Helmut Fricke

Die Frankfurter Umweltdezernentin Rosemarie Heilig fordert wegen der Corona-Krise städtische Investitionen – dabei müsse aber der Klimawandel berücksichtigt werden.

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          Ein ganzheitliches Konzept für eine verkehrsberuhigte Innenstadt, gemeinsame Investitionen von Privaten und öffentlicher Hand in den Ausbau einer ökologischen digitalen Infrastruktur, mehr Direktvermarktung regionaler Lebensmittel und der Ausbau des Grüns in der Stadt: Das sind für Umweltdezernentin Rosemarie Heilig die einzig denkbaren Schlussfolgerungen aus den Erfahrungen der vergangenen Wochen. Natürlich müsse die Stadt kurzfristig mit Haushaltsprogrammen auf die Folgen der Corona-Krise reagieren, sagt die Grünen-Politikerin. Das Gesundheitswesen müsse jetzt an erster Stelle stehen. Die zentrale Frage sei jedoch, „ob wir eine langfristige Verschuldung in Kauf nehmen, damit alles wieder so wird wie vorher?“

          Mechthild Harting
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Für Heilig, die das vom Stadtparlament beschlossene Ziel unterstützt, bis 2050 den Energieverbrauch in der Stadt zu halbieren und ihn ausschließlich aus erneuerbaren Quellen zu decken, ist die Frage rein rhetorisch. Jeder habe doch in den vergangenen Wochen bemerkt, dass die Luft derzeit infolge der Corona-Krise sauberer und es in Frankfurt wegen des fehlenden Flug- und Straßenverkehrs viel leiser sei.

          Folgen einer ökologischen Krise teurer als die Corona-Krise

          Wie schnell auf die Pandemie reagiert worden sei, wie vernünftig sich die Frankfurter in den vergangenen Wochen verhalten hätten, das zeigt Heilig zufolge vor allem: „Die Menschheit ist handlungsmächtig.“ Jetzt müsse sie nur noch bereit sein, auch zur Bewältigung der Klimakrise Konsequenzen zu ziehen. „Der CO2-Ausstoß muss reduziert werden“, fordert Heilig und spricht sich gegen Abwrackprämien für Benzin- und Dieselfahrzeuge aus. „Jedwede finanzielle Unterstützung muss unbedingt mit einer Innovation im Klimaschutz gekoppelt sein.“

          Heilig weiß, dass die Bereitschaft in der Bevölkerung, sich auf den Klimawandel einzustellen und das Verhalten dauerhaft zu ändern, „noch nicht stark verbreitet ist“. Es sei Aufgabe der Politik, die Bürger zu überzeugen. „Ich bin bereit, mit meinen Kollegen über einen Nachtragshaushalt zu verhandeln“, sagt Heilig. „Aber die grundsätzliche Richtung muss stimmen.“ Denn der vielzitierte „grüne Deal“ sei kein Luxus. Die Folgen einer globalen ökologischen Krise mit Dürren, Waldbränden und Flutkatastrophen werden Heilig zufolge gewaltiger und teurer als die derzeitige Corona-Krise.

          Ein ganzheitliches Konzept ist nötig

          Heilig sagt, als Frankfurter Politikerin unterstütze sie zwar das Engagement des Bundes für die Lufthansa, gleichzeitig müsse der Bahnverkehr aber ausgebaut werden. „Ein Zurück zum innerdeutschen Flugverkehr kann es nicht geben“, meint Heilig. Die Stadtverwaltung und städtische Gesellschaften müssten Vorbild sein und sich konsequent selbst verpflichten. In der Bevölkerung werde es nach der Krise eine neue Lust am Reisen geben, das sei auch gut so. Aber es sei die Frage, ob riesige Kreuzfahrtschiffe tatsächlich in den Lagunen von Venedig ankern müssten, deren Wasser in der Corona-Krise erstmals wieder hellblau schimmere.

          Für Frankfurt müsse eine nachhaltige Antwort auf den wachsenden Individualverkehr gefunden werden. Denn die vergangenen Wochen hätten gezeigt, dass eine weniger verkehrsumtoste Innenstadt die Attraktivität Frankfurts erhöhe. Einzelne Straßen zu sperren, sei nicht sinnvoll. „Da mal etwas zu probieren und zu schauen, was woanders daraus wird, das führt zu nichts, vor allem nicht dazu, dass die Bevölkerung wirklich umsteigt.“ Nötig sei ein ganzheitliches Konzept für eine verkehrsberuhigte Innenstadt.

          Als Bremserin will Heilig nicht missverstanden werden. Natürlich müsse Frankfurt als internationale Metropole wieder durchstarten. Es gelte aber, „das Geld, das wir jetzt als Stadt Frankfurt ausgeben, nachhaltig zu investieren und mit Blick auf die Verantwortung, die wir für künftige Generationen haben.“

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