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Handicap-Kletterer : Hoch hinaus

  • -Aktualisiert am

Aufwärts: Arnold beim Sport in der „Wiesbadener Nordwand“ - Halle Bild: Frank Röth

Klettern stellt hohe Anforderungen an Körper und Geist. Ein Angebot in Wiesbaden beweist, dass auch behinderte Menschen bis nach ganz oben kommen können.

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          Arnold fährt mit seinem Rollstuhl bis an die Kletterwand. Dann wird er angeseilt, und er beginnt, die Wand zu erklimmen. Neben ihm klettert Timo und hilft, wenn Arnold die Beine nicht selbst heben kann.

          Arnold ist 66 Jahre alt, doch beim Klettern wird er wie alle anderen mit Vornamen angesprochen. Er leidet an multipler Sklerose, seine Beine kann er kaum bewegen, aber den Spaß am Sport lässt er sich dadurch nicht nehmen. Aus der Zeitung hat er von „Hoch hinaus - Klettern mit Handicap“, das in der Halle „Wiesbadener Nordwand“ angeboten wird, erfahren und es ausprobiert. Seit Februar ist er dabei. Am Anfang habe er nur zwei Meter hoch klettern können, sagt Arnold. Umso stolzer ist er jetzt: Inzwischen schafft er es, an einem Abend zwei Mal die 14-Meter-Wand zu erklimmen.

          Lockere und entspannte Atmosphäre

          „Hoch hinaus“ gibt es seit September 2015. Die Gründerin Anna-Lena Würbach klettert privat seit acht Jahren. In Kelkheim hat sie gesehen, wie behinderte Menschen klettern. Das faszinierte sie so sehr, dass sie eine eigene Gruppe gründen wollte. Sie wandte sich an den Deutschen Alpenverein Wiesbaden und stieß mit ihrer Idee auf Begeisterung. An der „Wiesbadener Nordwand“ veranstaltete Würbach den ersten Kurs für Kinder. Später gründete sie auch eine Erwachsenengruppe. Während für den Kinderkurs einige auf der Warteliste stünden, sei der Andrang bei den Erwachsenen nicht so groß, sagt Würbach. „Die Kinder werden von ihren Eltern zu uns geschickt, die Erwachsenen müssen sich erst selbst motivieren.“ Trotzdem hat auch die Erwachsenengruppe inzwischen sechs Mitglieder.

          Jonas ist noch nicht so lange dabei. Vor zwei Jahren hatte er einen schweren Autounfall, bei dem er sich das linke Bein mehrfach brach. Vorher war Fußball sein Hobby gewesen, aber „das ging ja dann nicht mehr“. Seine Mutter schenkte ihm den Kletterkurs zum Geburtstag, und so entdeckte er eine neue Sportart.

          Einige Mitglieder haben geistige Behinderungen. Schieba ist 23, wirkt aber eher wie zwölf. Sie klettert seit Dezember und es gefalle ihr sehr gut, sagt sie. „Ich bin heute zum ersten Mal ganz bis nach oben gekommen“, erzählt sie und strahlt. Darauf ist sie „sehr stolz“.

          Buntes Team aus freiwilligen Helfern

          Die Atmosphäre in der Halle ist locker und entspannt. Helfer und Teilnehmer albern miteinander herum und haben Spaß. Das Klettern sei für viele Teilnehmer eine Art Therapie, sagt Würbach. Zum einen stärke es das Selbstbewusstsein, und zum anderen würden Muskulatur, Koordination und Gleichgewichtssinn trainiert. „Einige Teilnehmer berichten, dass sie auch im Alltag besser zurechtkommen, seit sie zu uns kommen“, sagt Würbach. Das komme daher, dass sie mehr Kraft hätten und sich die Kondition verbessere.

          Der Personalbedarf ist beim Klettern mit behinderten Menschen höher als beim „normalen“ Klettern. Wenn Arnold die Wand erklimmt, braucht er drei Helfer: einen, der ihn sichert, einen zweiten, der nebenher klettert und hilft, und einen dritten, der den zweiten sichert. Andere brauchten nur einen oder zwei Helfer, sagt Würbach. Das komme darauf an, wie fit der Kletterer sei. Damit jeder Teilnehmer ausreichend betreut wird, besprechen die Helfer vor Beginn des Kurses, wer in welcher Konstellation klettert oder sichert.

          Würbach ist es wichtig, dass das Helferteam aus Menschen mit verschiedenen Berufen besteht. Erzieher, Ergo- und Physiotherapeuten bringen ihre Kenntnisse und Methoden ein. Die einzige Voraussetzung sei, dass die Helfer einen „Top-Rope-Schein“ gemacht hätten, also sichern könnten, sagt Würbach. Außerdem sei immer mindestens ein Klettertrainer dabei.

          Timo Christmann und Cornelia Hebestedt gehören zum Helferteam. Er ist Physiotherapeut, sie Ergotherapeutin, und beide klettern auch privat gerne. Die Arbeit mit behinderten Menschen mache Spaß, sagen sie.

          Klettern am Felsen sei „ein schönes Ziel“

          Bärbel Hubbes ist Kletterbetreuerin beim Alpenverein und wirkt bei „Hoch hinaus“ mit. Sie kann sich vorstellen, einen der Kursteilnehmer auch einmal ins Freie mitzunehmen. Mehrere ausgebildete Kletterer würden dabei helfen. Am Felsen zu klettern sei ein „schönes Ziel“, auf das die Teilnehmer hinarbeiten könnten, sagt Hubbes. Wen sie tatsächlich mitnehmen könne, müsse sie aber in jedem Fall einzeln entscheiden. Der Grad der Behinderung spiele dabei eine Rolle. Arnold findet das Engagement des Alpenvereins bemerkenswert. Auch die Betreiber der Halle zeigten sich von Anfang an sehr kooperativ: Sie stellten Würbach Materialien zur Verfügung und erließen ihr die Gebühren. Inzwischen benutzt „Hoch hinaus“ eigene Ausrüstungen und Seile.

          Arnold wird zum zweiten Mal abgeseilt und setzt sich wieder in seinen Rollstuhl. Er ist froh darüber, dass er das Klettern für sich entdeckt hat. Aber er weiß auch, dass es nicht für alle behinderten Menschen die ideale Sportart ist. „Man muss es ausprobieren, und wenn es nicht klappt, dann klappt es eben nicht“, sagt er.

          Würbach hofft, dass sich noch mehr behinderte Erwachsene zum „Ausprobieren“ aufraffen können. Denn Klettern sei „Krabbeln in der Vertikalen, und Krabbeln lernt man noch vor dem Laufen“.

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