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Staatstheater Wiesbaden : Wenn du Kleist sprichst, vergiss die Peitsche nicht

Droht in Lust und Ruchlosigkeit zu versinken: Christian Erdt als Nicolo in „Der Findling“ Bild: Lena Obst

Eine Geschichte davon, wie Altruismus bitter bestraft werden kann und wie das Theater einem Text misstraut: Felicitas Braun inszeniert Kleists „Der Findling“ am Staatstheater Wiesbaden.

          2 Min.

          Heinrich von Kleist ist der Autor, der von seinen Dramen behauptet hat, sie seien ja ohnehin nicht für die Bühne geschrieben. Was man so, natürlich, nicht glauben würde. Und es wird einem ja Tag für Tag auf irgendeiner Bühne das Gegenteil bewiesen. Jedenfalls wenn es gutgeht. Seine Erzählungen hingegen dürfte Kleist wirklich nicht für die Bühne geschrieben haben. Dafür erfreuen sie sich in deutschsprachigen Theatern seit geraumer Zeit einer ungeheuren Beliebtheit. Und wenn schon Kleists Dramen so sind, dass man mit nur wenig Aufwand schon extrem gut scheitern kann, dann ist das mit den Erzählungen erst recht so.

          Eva-Maria Magel
          Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.

          Denn abgesehen davon, dass Kleist, der Meister der deutschen Sprache, so schreibt, dass kein einziger Vokal und kein Konsonant und die Satzzeichen sowieso nicht, vernachlässigt werden dürfen, was schon bei den Stücken eine Zumutung ist; kann man das Drumherum auf der Bühne getrost der Regie und dem Bühnenbild überlassen. Wenn man sich aber einer Erzählung bedient, muss man auch noch all das an Text mitsprechen, was Kleist um die Handelnden herumgeschrieben hat. Und das ist, wie man spätestens seit dem Gedankenstrich in der „Marquise von O.“ weiß, essentiell.

          Bemühen um den Text bleibt doch nur Fleißübung

          Auch in „Der Findling“ liegt der buchstäbliche Teufel im Detail. Und das Merkwürdige ist, dass Regisseurin Felicitas Braun, die aus Kleists Erzählung nun eine einstündige Inszenierung im Studio des Staatstheaters Wiesbaden gemacht hat, dies ganz genau weiß. So genau, dass ihre Darsteller Janina Schauer, Christian Erdt und Ulrich Rechenbach das von Anfang an deutlich machen. Zuallererst tut das sogar die Amerikanerin Stayce Camparo, die eigentlich Tänzerin ist und den Tanz oder Bewegungen zu „Der Findling“ beisteuert. Am Anfang liest sie vor dem geschlossenen Vorhang ein Medley aus Kleist-Analysen früherer Kleist-Preisträger vor. Nicht nur, weil ihr amerikanischer Akzent so ungeheuer ausgeprägt ist, dass man ihn sekundenkurz für eine Persiflage halten könnte, lenkt sie die Aufmerksamkeit auf Kleists detailversessene Sprache der Gewalt. Das Blut und Hirn spritze bei Kleist, dass die Wände zu Tätern würden. Und in der Tat, wieso hängt in Elvirens Schlafzimmer eine Peitsche griffbereit an der Wand? Warum stirbt eine junge Frau, und das ist allenfalls ein bedauerlicher Umstand? Wieso, zuallererst, lässt der alte Piachi das pestkranke Kind in seine Kutsche steigen und riskiert so das Leben seines einzigen Sohns?

          Die drei Schauspieler stellen die Fragen durchaus durch die nuancierte und präzise Weise, in der sie dem Kleistschen Textkörper zu Leibe rücken. Sie legen die angedeuteten Obsessionen und die Gleichgültigkeiten frei, die Piachi (Rechenbach) in den Ruin und schließlich Nicolo (Erdt) in den Tod durch Piachis Hand treiben. Nur wird dies alles auch überaus deutlich ins Bild gesetzt und mit Assoziationen aufgeladen, mit spitzenbesetzten Corsagen, dicken Galgenstricken und lasziven Blicken verziert. Und statt es damit gut sein zu lassen, historische Kostüme, Popmusik und Kerzenschein gibt es obendrein (Bühne Sonja Böhm), haben sich Braun und die Darsteller allerhand wiederholte Mätzchen, Tanzbewegungen und sportive Einlagen überlegt, unterbrochen durch das ewige Auf und Zu eines rotsamtenen Vorhangs. Es ist so viel zu tun, dass das Bemühen um den Text letztlich doch nur eine Fleißübung bleibt: Man hat ihm nicht zugetraut, tatsächlich eine Stunde lang einfach so auf der Bühne zu wirken.

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