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Odenwaldkreis : Gemeinsamer Neuanfang

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Viel Fläche, wenige Menschen, schlechte Infrastruktur: Sensbachtal, die zweitkleinste hessische Kommune, will sich mit Beerfelden, Rothenberg und Hesseneck zu einer Stadt vereinen. Die Aussichten stehen gut. Bild: Rainer Wohlfahrt

Vier Kommunen im Odenwaldkreis halten sich für allein nicht mehr lebensfähig, sie planen eine Fusion. Am 6. März stimmen die Bürger darüber ab, ob sie in einer Stadt mit Namen Oberzent leben wollen.

          Die größten Städte in Hessen: Frankfurt, 248 Quadratkilometer mit 718.000 Einwohnern, vor Wiesbaden, 204 Quadratkilometer mit 275.000 Einwohnern - und Oberzent mit 165 Quadratkilometern, aber nur 10.200 Einwohnern. Noch gibt es Oberzent nicht. Doch am 6. März entscheiden die Einwohner von vier Kommunen am südlichen Rand von Hessen, ob sie ihre Verwaltungen beauftragen, sich zusammenzuschließen. Aus der Fusion im Odenwald erwüchse die an Fläche drittgrößte hessische Stadt. Reich wäre sie nicht, im Gegenteil. Die pure Not zwingt Beerfelden (6.403 Einwohner), Rothenberg (2.228) und die beiden kleinsten Gemeinden im Land, Hesseneck (634 Einwohner) und Sensbachtal (942), zu diesem großen Schritt. Ob das Vorhaben gelingt, verfolgt nicht nur die Hessische Landesregierung mit Interesse. Die Gründung Oberzents könnte das erste etlicher ähnlicher Projekte sein, Kandidaten gibt es.

          Das Thema Fusion ist aktuell, aber es ist auch belastet. Unvergessen in Hessen ist die spektakuläre Pleite des Vorhabens, Gießen und Wetzlar zu einem Gebilde namens „Lahn“ zu verschmelzen. Nach heftigen Protesten und einem desaströsen Ausgang der Landtagswahl 1977 für die SPD wurde die Retortenstadt nach 31 Monaten wieder getrennt. Gescheitert ist auch die Idee, die „verfreundeten Nachbarn“ Michelstadt und Erbach zu vereinen. Beide Stadtverordnetenversammlungen, in Michelstadt mit großer Begeisterung, in Erbach sehr gespalten, hatten schon zugestimmt, da trennte ein Bürgerentscheid die geplante Vereinigung auch schon wieder. Und im vergangenen Jahr kam in Mittelhessen die Fusion zweier Gemeinden nicht zustande, weil nur Steffenberg im Bürgerentscheid zustimmte, Angelburg aber nicht.

          Die Schulden drücken und die Bevölkerungszahl geht zurück

          Das Land Hessen hat aus dem Desaster mit Michelstadt und Erbach gelernt. Es setzt auf Freiwilligkeit, gibt eine Hochzeitsprämie dazu und ermöglichte mit einer Gesetzesänderung, dass Bürgerentscheide stattfinden können, bevor die örtlichen Gremien abstimmen. Im Odenwaldkreis nahmen die Verantwortlichen das gerne auf. Die vier Kommunen machen auch gleich ihren Bürgern klar, die Fusion scheitere, wenn in einem Ort Nein gesagt werde. Der Rothenberger Bürgermeister Hans Heinz Keursten sagt dazu: „Dann mache ich eben die Akte zu, und gut ist.“ Denkbar ist auch, dass sich dann die verbleibenden Kommunen zusammenschließen.

          Die Gründe für den Fusionsgedanken lassen sich schon erahnen, wenn man die vier Kommunen nur betrachtet: Zusammen 19 Ortsteile, einige Weiler, 16 Feuerwehren, 15 Friedhöfe. Das alles verteilt über mehrere Odenwaldhöhen und -täler. Die Kommunalpolitiker sehen, dass die schon lange praktizierte Zusammenarbeit an einen Punkt gekommen ist, an dem sich nicht mehr viel gewinnen lässt. Die Schulden drücken, die Bevölkerungszahl geht zurück, die Gebühren und Steuern steigen. Investitionen können nicht getätigt werden, weil das Geld fehlt, und die Infrastruktur verschlechtert sich. Hilflos schauen die Verwaltungen, wenn ihnen abverlangt wird, ihre Datenverarbeitung auf einen aktuellen Stand zu bringen: Das können sie sich nicht leisten. Und wenn ihnen der Hessische Rechnungshof bescheinigt, ihre Verwaltungen seien überbesetzt, fragen sie zurück, wen sie denn entlassen sollen: Hesseneck und Sensbachtal haben neben dem Bürgermeister im Rathaus zwei Halbtagskräfte beschäftigt. Der Bürgermeister ist auch Sachbearbeiter.

          Vor einem Jahr gaben die Gremien der vier Orte eine Machbarkeitsstudie in Auftrag. Untersucht werden sollte, was sich ergebe, wenn man alles ließe, wie es sei und was passiere, wenn es zu einem Gemeindeverwaltungsverband sowie zu einer Fusion komme. Immer unter der Maßgabe, dass die Modelle dem aktuellen Kommunalwahlrecht entsprechen, die vier Rathäuser und das Leistungsspektrum erhalten bleiben, es keine betriebsbedingten Kündigungen gibt und die Identifikation der Ortsteile berücksichtigt wird. Das Ergebnis war eindeutig: Die Fusion wurde empfohlen.

          Einmalige Entschuldung in Höhe von drei Millionen Euro

          Die Rechnungen sind eindeutig. Beim Status quo hat man weiterhin in der Summe 27,21 voll arbeitende Verwaltungsmitarbeiter, bei einem Verband sind es 30,41, denn man benötigt Kräfte, die die Kosten wieder auf die vier Kommunen umlegen, bei einer Fusion kommt man auf 28,01 Vollzeitstellen. Dabei allerdings spart man drei Bürgermeister ein, was sich auf 355.000 Euro im Jahr summiert.

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