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Kleiderordnung für Lehrer : Was zieh ich bloß in der Schule an...

  • -Aktualisiert am

Lockerer Pulli, noch lockerer fallende Hose: der Kumpel. Im Idealfall ist seine Kleidung trotzdem modisch, im schlechten wirkt sie einfach schlampig. Bild: Rothacker, Thilo

Manche kommen im Schlabberpulli, andere im T-Shirt, fast alle in Jeans. Korrekte Kleidung gibt es nur im Rektorat. Warum kleiden sich Lehrer oft so merkwürdig?

          Nicht Polizist, nicht Pilot. Nicht Feuerwehrmann, nicht Arzt. Keine Kleidervorschriften. Lehrer sein heißt einen Beruf haben, für den es keine Uniform gibt. Jeder Lehrer erfindet heute seine eigene Uniform. Es bleibt ihm gar nichts anderes übrig. Weit und breit ist keine corporate identity in Sicht, die ihn von dieser Aufgabe erlösen könnte. Wer diesen Beruf ausübt, ist gezwungen, sich selbst zu inszenieren. Wie im wirklichen Leben geht das nicht immer gut. Früher war es schönstens geregelt. Kostüm und Bluse, Anzug und Krawatte. Basta. Aber vorbei. Mit der antiautoritären Erziehung schlich sich der Dresscode-Stress ins Lehrerleben. „Was zieh’ ich morgen an?“ fragen sich verzweifelte Referendare und Referendarinnen, bevor sie den Initiationsritus der ersten Tage schmerzhaft durchlaufen, von der Schülerschaft genauso argwöhnisch beäugt wie vom Kollegium.

          Also holt man sich an der üblichen Stelle Rat, im Internet. Anrührend die Blogs zum Thema „Jeans oder Stoffhose?“ Er fahre schließlich mit dem Rad zur Arbeit, rechtfertigt ein Junglehrer sein konsequentes Jeans-Tragen. Ein anderer widerspricht: Er begegne frühmorgens Bankern, die auch mit dem Fahrrad führen - im Anzug.

          Hawaiihemd und Clownskostüm

          Banken kontra Schulen. Sind Kunden, denen die Gnade gepflegter Kleidung des Gegenübers klaglos gewährt wird, bessere Menschen als Schüler? Auch würde bestimmt kein Lehrer im Hawaiihemd um einen Kredit bitten. Aber es ist wohl komplizierter. Nachfragen bei Pädagogen ergeben folgendes Bild: Zwischen Lehrenden und Lernenden findet unablässig ein Kräftemessen statt, ein Ausloten von Nähe und Distanz. Den Eindruck von Kumpanei sucht der Lehrer zu vermeiden, den Eindruck, ein Wesen aus einer anderen Sphäre zu sein, aber auch.

          Schüler, sagt eine Lehrerin, würden nach kurzer Gewöhnung nicht mehr wahrnehmen, was ein Lehrer trägt. „Käme einer im Clownskostüm, würde es nach einer Woche keiner mehr merken.“ Einstimmig bestreiten alle Befragten einen Zusammenhang zwischen der Kleidung eines Kollegen und dessen Ansehen bei den Schülern. Auch dann, wenn sie im selben Atemzug schwere Fälle merkwürdiger Kleidung bei der Arbeit beschreiben: ärmelloses T-Shirt zur Wanderhose. Knappe Jeans, die beim Bücken den Blick auf die Pospalte eröffnet, sei alles schon vorgekommen. Darauf folgt prompt die glaubwürdige Beteuerung, die so etwas trugen, seien trotzdem hervorragende Lehrer gewesen, die sich eines guten Rufs erfreut hätten. Die jungen Referendare im Netz erinnern sich jedoch sehr genau und mit Abscheu an Lehrerinnen, deren Tangas ihnen in jeglicher Farbe und Form geläufig waren. Und manchmal dringt bis ins feixende Lehrerzimmer durch, dass Kolleginnen mit unrasierten Beinen von den Schülern darob mit sehr deutlichen Spott-Begriffen belegt werden.

          Kritische Augenpaare überall

          Henryk Pattensen, bis vor kurzem Lehrer an einer Wiesbadener Gesamtschule, hat sich ausführlich mit dem Bild des Lehrers in der Literatur befasst und erinnert an den verstörenden Roman „Die Klasse“ (1927) von Hermann Ungar, in dem die panische Angst des Lehrers Blau vor seinen Schülern eine zentrale Rolle spielt. So lässt ihn die Furcht vor dem Spott der Schüler über den womöglich schon glänzenden „Hosenboden und Stoff an den Ellbogen“ so paranoisch werden, dass er der Klasse niemals den Rücken zukehrt, die Ärmel nach innen verdreht und während des gesamten Unterrichts die Arme eng an den Körper presst. Für Lehrkräfte, soweit sie Kleidungsfragen überbaupt refkletieren, ist es immens wichtig, bei der Entscheidung zugunsten einer bestimmten Garderobe die Kontrolle über das eigene Aussehen nicht zu verlieren. „Schick, aber geschützt“, nennt Pattensen ein mögliches Ergebnis solcher Überlegungen.

          In der Tat ist es eine Herausforderung für Lehrer, sich pausenlos von kritischen Augenpaaren beobachtet zu wissen. Legere Kleidung mag auch darauf eine Trotzreaktion sein. Nicht nur ein Erbe der Siebziger, das diese Mixtur aus vermeintlicher Coolness und dem Diktum „auf Augenhöhe“ mitverursacht hat. Und es kommt auf die Schulform an. Eine Hauptschullehrerin berichtet vom teuren Kostüm einer Kollegin, das absichtlich mit Tinte bespritzt worden sei. Doch die Eltern weigerten sich, Schadensersatz zu leisten: Etwas so Teures ziehe man doch nicht in der Schule an! Und während die Schülerschaft „besserer“ Wohnviertel sich mit Markenklamotten zu übertrumpfen sucht, wetteifern Hauptschüler darin, die günstigsten Jeans der Stadt zu ergattern. Eltern und Schülerschaft akzeptieren Anzug und Krawatte nur beim Schulleiter, nur mit dem streiten sie auch leise statt lautstark.

          Messen Schüler und Lehrer sich bald gegenseitig das Dekolleté?

          Dinge, auf die man nicht angesprochen wird, existieren nicht. Diese alte Illusion lebt auch im Schulalltag. Gesprochen wird über Kleidung kaum. Die Verblüffung kommt mit der Abizeitung. Dort bekommen Lehrer und Lehrerinnen plötzlich Noten für ihr Outfit. Und das Prädikat „Partymaus“ erwischt dann die in den meisten Kollegien vorhandene „Barbie“, wie dieser Prototyp von Kollegen mehr oder weniger liebevoll genannt wird. Häufiger bewahrheiten sich andere Klischees: der Sportlehrer im Trainingsanzug, der - allerdings selten werdende - Chemielehrer im weißen Kittel. Der Kunstlehrer mit der bunten Brille. Der Deutschlehrer im Sakko zu einer mit Bedacht gewählten Hose. Die ältere Lehrerin, die sich von ihrer Jugend nicht verabschieden mag - und die Kollegin mit dem Dekolleté.

          In Wiesbaden wurde unlängst eine Lehrerin wegen Beleidigung verurteilt, weil sie den tiefen Ausschnitt einer beratungsresistenten Schülerin mit dem Bleistift ausgemessen hatte. Möglich, dass es auch vielen Schülern in den Fingern juckt, auf diese Weise beim weiblichen Lehrpersonal Hand anzulegen, denn Dekolletés der Lehrerinnen gelten zwar unisono bei allen Befragten als indiskutabel, kommen bei näherer Nachfrage aber überall vor. Ein unergründlicher Exhibitionismus.

          Einfache Erklärungen gibt es nicht

          Es gebe kaum eine so schlecht gekleidete Berufsgruppe wie die Lehrer, sagt eine Gymnasiallehrerin. Aber bei Elternabenden und Abschlussprüfungen wird plötzlich nachgelegt. Da wolle man als Autoritätsperson wahrgenommen werden, begründet eine Pädagogin das. Eine Autorität, die man der Klientel sonst nur in so etwas wie Tarnung zumuten zu können glaubt, gleichsam leise, um nicht gleich Sturm zu ernten? Bei mündlichen Prüfungen wähle man die Kleidung sorgfältiger, sagen die Lehrer, um den Jugendlichen das Besondere des Tages klarzumachen, als freundliche Ermunterung und Gratulation, dass sie es bis hierher geschafft haben. Also ein klares Indiz für pädagogische Empathie und Interesse an den Schülern, ohne die erfolgreicher Unterricht nicht möglich ist.

          Einfache Erklärungen gibt es bei diesem Thema nicht. Oder korrespondiert die laxe Handhabung des verleugneten Dresscodes doch mit dem umstrittenen Ansehen von Lehrern? Sabina Enzelberger beschreibt in ihrer „Sozialgeschichte des Lehrerberufs“ (2001), wie das Ansehen von Lehrern immer wieder auf der Kippe stand und steht und jahrhundertelang von ihnen erwartet wurde, sich zuerst um das Wohl der Schüler und dann um ihr eigenes zu kümmern. Selbstaufopferung tut dem Selbstwertgefühl nie gut.

          Rheinabwärts auf der schönen Insel Nonnenwerth befragte Ursula Dillenburger ihre Abiturientenklasse nach ihrer Meinung. Eine Überraschung. Die jungen Leute sagen klipp und klar, sich bei nachlässig gekleideten Lehrern mehr herauszunehmen. An Sprachlehrer stellen sie durchweg höhere modische Ansprüche als an Naturwissenschaftler, der Anblick von Schweißflecken setzt selbst den besten Schüler schachmatt, und sie verabscheuen es, wenn ihnen nach einer Woche der ganze Kleiderschrank bekannt ist. Lehrer zu sein, sagen sie, sei ein Beruf, und man solle es den Lehrern ansehen, dass sie in der Schule etwas anderes trügen als daheim auf dem Sofa.

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