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Kleiderordnung für Lehrer : Was zieh ich bloß in der Schule an...

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In der Tat ist es eine Herausforderung für Lehrer, sich pausenlos von kritischen Augenpaaren beobachtet zu wissen. Legere Kleidung mag auch darauf eine Trotzreaktion sein. Nicht nur ein Erbe der Siebziger, das diese Mixtur aus vermeintlicher Coolness und dem Diktum „auf Augenhöhe“ mitverursacht hat. Und es kommt auf die Schulform an. Eine Hauptschullehrerin berichtet vom teuren Kostüm einer Kollegin, das absichtlich mit Tinte bespritzt worden sei. Doch die Eltern weigerten sich, Schadensersatz zu leisten: Etwas so Teures ziehe man doch nicht in der Schule an! Und während die Schülerschaft „besserer“ Wohnviertel sich mit Markenklamotten zu übertrumpfen sucht, wetteifern Hauptschüler darin, die günstigsten Jeans der Stadt zu ergattern. Eltern und Schülerschaft akzeptieren Anzug und Krawatte nur beim Schulleiter, nur mit dem streiten sie auch leise statt lautstark.

Messen Schüler und Lehrer sich bald gegenseitig das Dekolleté?

Dinge, auf die man nicht angesprochen wird, existieren nicht. Diese alte Illusion lebt auch im Schulalltag. Gesprochen wird über Kleidung kaum. Die Verblüffung kommt mit der Abizeitung. Dort bekommen Lehrer und Lehrerinnen plötzlich Noten für ihr Outfit. Und das Prädikat „Partymaus“ erwischt dann die in den meisten Kollegien vorhandene „Barbie“, wie dieser Prototyp von Kollegen mehr oder weniger liebevoll genannt wird. Häufiger bewahrheiten sich andere Klischees: der Sportlehrer im Trainingsanzug, der - allerdings selten werdende - Chemielehrer im weißen Kittel. Der Kunstlehrer mit der bunten Brille. Der Deutschlehrer im Sakko zu einer mit Bedacht gewählten Hose. Die ältere Lehrerin, die sich von ihrer Jugend nicht verabschieden mag - und die Kollegin mit dem Dekolleté.

In Wiesbaden wurde unlängst eine Lehrerin wegen Beleidigung verurteilt, weil sie den tiefen Ausschnitt einer beratungsresistenten Schülerin mit dem Bleistift ausgemessen hatte. Möglich, dass es auch vielen Schülern in den Fingern juckt, auf diese Weise beim weiblichen Lehrpersonal Hand anzulegen, denn Dekolletés der Lehrerinnen gelten zwar unisono bei allen Befragten als indiskutabel, kommen bei näherer Nachfrage aber überall vor. Ein unergründlicher Exhibitionismus.

Einfache Erklärungen gibt es nicht

Es gebe kaum eine so schlecht gekleidete Berufsgruppe wie die Lehrer, sagt eine Gymnasiallehrerin. Aber bei Elternabenden und Abschlussprüfungen wird plötzlich nachgelegt. Da wolle man als Autoritätsperson wahrgenommen werden, begründet eine Pädagogin das. Eine Autorität, die man der Klientel sonst nur in so etwas wie Tarnung zumuten zu können glaubt, gleichsam leise, um nicht gleich Sturm zu ernten? Bei mündlichen Prüfungen wähle man die Kleidung sorgfältiger, sagen die Lehrer, um den Jugendlichen das Besondere des Tages klarzumachen, als freundliche Ermunterung und Gratulation, dass sie es bis hierher geschafft haben. Also ein klares Indiz für pädagogische Empathie und Interesse an den Schülern, ohne die erfolgreicher Unterricht nicht möglich ist.

Einfache Erklärungen gibt es bei diesem Thema nicht. Oder korrespondiert die laxe Handhabung des verleugneten Dresscodes doch mit dem umstrittenen Ansehen von Lehrern? Sabina Enzelberger beschreibt in ihrer „Sozialgeschichte des Lehrerberufs“ (2001), wie das Ansehen von Lehrern immer wieder auf der Kippe stand und steht und jahrhundertelang von ihnen erwartet wurde, sich zuerst um das Wohl der Schüler und dann um ihr eigenes zu kümmern. Selbstaufopferung tut dem Selbstwertgefühl nie gut.

Rheinabwärts auf der schönen Insel Nonnenwerth befragte Ursula Dillenburger ihre Abiturientenklasse nach ihrer Meinung. Eine Überraschung. Die jungen Leute sagen klipp und klar, sich bei nachlässig gekleideten Lehrern mehr herauszunehmen. An Sprachlehrer stellen sie durchweg höhere modische Ansprüche als an Naturwissenschaftler, der Anblick von Schweißflecken setzt selbst den besten Schüler schachmatt, und sie verabscheuen es, wenn ihnen nach einer Woche der ganze Kleiderschrank bekannt ist. Lehrer zu sein, sagen sie, sei ein Beruf, und man solle es den Lehrern ansehen, dass sie in der Schule etwas anderes trügen als daheim auf dem Sofa.

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