https://www.faz.net/-gzg-6w807

Klassiker als Lektüre : Ohne Goethes „Faust“ kein Abitur

Ort der schönen Literatur: Eine Gymnasialklasse. Bild: dpa

Die Lektüre klassischer Literatur ist an den hessischen Gymnasien wieder unbestrittener Standard. Dazu trägt auch das Landesabitur bei.

          3 Min.

          Auch in den achtziger und neunziger Jahren waren die großen Werke der Weimarer Klassik in den Gymnasien präsent. Allerdings konnte es schon vorkommen, dass ein Lehrer zugunsten Bölls auf Fontane und für Handke auf Lessing verzichtete. Die modernen, kritischen Autoren hätten den Schülern mehr zu sagen als die verstaubten Klassiker, hieß es zur Begründung. Dagegen erhob sich Protest: Die Lehrer der Achtundsechziger-Generation enthielten den Schülern das literarische Erbe vor, hieß es. Die Frankfurter Schuldezernentin Jutta Ebeling (Die Grünen), selbst eine Lehrerin aus alternativem Milieu, stellte allerdings schon damals klar: „Kein Schüler darf eine Frankfurter Schule verlassen, ohne dass er einmal mit dem Werk Goethes in Berührung gekommen ist.“

          Matthias Trautsch

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          In der Zwischenzeit hat sich der Streit gelegt, welche deutschsprachige Literatur ein hessischer Abiturient gelesen haben muss. Wesentlich dazu beigetragen hat das 2007 eingeführte Zentralabitur. Denn seitdem alle Gymnasiasten im Land dieselben Abschlussprüfungen schreiben, müssen sie zur Vorbereitung auch dasselbe lesen. Das Kultusministerium gibt für jeden Jahrgang eine Liste mit der für die Oberstufe verbindlichen Lektüre heraus.

          Die Auswahl der Werke sei nachvollziehbar

          Manche Werke wechseln von Jahr zu Jahr, andere bilden den festen Stamm. „,Faust‘ gehört immer dazu - und wird immer dazugehören“, sagt Wolfram Hanreich, der an der Otto-Hahn-Schule in Hanau seit 30 Jahren Deutsch unterrichtet. Auch Büchners „Woyzeck“ sei eine Konstante. Neu hinzugekommen für das Landesabitur 2013 sind zum Beispiel Kleists „Marquise von O...“ im Leistungskurs und der „Prinz von Homburg“ im Grundkurs. Der Anlass ist naheliegend: der 200. Todestag Heinrich von Kleists in diesem Jahr. Manche Autoren kommen mit jährlich wechselnden Werken vor. So kann bei der nächsten Abiturprüfung ein Leistungskurs-Schüler nach Schillers „Don Karlos“ gefragt werden und im Jahr darauf nach der „Jungfrau von Orleans“.

          Hanreich findet es gut, dass das Kultusministerium einen literarischen Kanon für die Gymnasien vorgibt. Auch die Auswahl der Werke sei nachvollziehbar, sie gebe einen guten Überblick über die deutschsprachige Literatur der vergangenen 250 Jahre. Andererseits verenge die Liste den Blick. „Die Schüler wissen: Alles andere steht nur an zweiter Stelle.“ Er lege Wert darauf, nicht nur die unmittelbar prüfungsrelevante Literatur zu behandeln. In Grundkursen lese er während der drei Oberstufenjahre etwa vier weitere Werke, in Leistungskursen acht. Darunter sei Modernes wie „Homo faber“ von Frisch und Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“.

          In der Freizeit dürfen es Fantasy-Romane sein

          Wenn genug Zeit ist, bezieht der Lehrer auch Bücher aus jüngster Zeit wie „Axolotl Roadkill“ von Helene Hegemann ein. Bei den Schülern komme das gut an, sagt Hanreich. Es müsse aber keine Popliteratur sein, auch Martin Walsers „Fliehendes Pferd“ werde gern gelesen. Die Sprache Goethes sei den Schülern zwar weniger vertraut, doch sie wüssten um die Bedeutung des Dichters und brächten ihm deshalb Interesse entgegen. Sehr schwer täten sich die meisten dagegen mit Fontane.

          Dass kaum ein Jugendlicher freiwillig zu Schiller und Lessing greifen würde, ist für Pia Jansen, Lehrerin an der Frankfurter Carl-Schurz-Schule, kein Geheimnis. Und sie findet es auch in Ordnung, wenn die Gymnasiasten in ihrer Freizeit Fantasy-Romane lesen. Der Lehrer habe jedoch die Aufgabe, die Jugendlichen an Literatur heranzuführen, „die sie sich nicht selbst erschließen können“. So werde das Spektrum der Heranwachsenden erweitert: „Vielleicht traut sich dann doch jemand von allein an die ,Wahlverwandtschaften‘ heran.“

          Kritisch sieht die Lehrerin den Trend zu immer mehr Überprüfungen und Evaluationen

          Für Hanreich hat der Deutschunterricht sein Ziel erreicht, wenn die Schüler gelernt haben, zwischen den Zeilen zu lesen. „Gedichte von Brecht können einem ganz banal erscheinen, wenn man aber tiefer eindringt, kann man kleine Sensationen erleben.“ Jansens Maxime klingt bescheiden und ist doch höchst anspruchsvoll: „Wir können nicht mehr, als die Genussfähigkeit steigern.“

          Kritisch sieht die Lehrerin den Trend zu immer mehr Überprüfungen und Evaluationen. Es werde versucht, das Fach Deutsch an einem wie auch immer definierten „Output“ zu messen. Aber Lesen sei auch eine Auseinandersetzung mit Kunst und die könne man nicht evaluieren. „Man kann Kleist lesen, man kann ihn vielleicht verstehen, aber es wird immer eine Offenheit bleiben.“ Deshalb sei es gerade im Deutschunterricht wichtig, den Schülern Vertrauen zu schenken. Der Lehrer müsse Geduld haben und den Schülern die Zeit geben, die Literatur auf sich wirken zu lassen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Parlamentswahl in Polen : National und sozial

          Polens Regierungspartei hat in den vergangenen vier Jahren wenig Respekt für demokratische Gepflogenheiten und den Rechtsstaat gezeigt. Die Opposition konnte dem nun wenig entgegensetzen – für die Demokratie ist das eine schlechte Nachricht.

          Nobelpreis für Wirtschaft : Wie kann Armut gelindert werden?

          Esther Duflo aus Frankreich ist die zweite Frau in der Riege der Wirtschaftsnobelpreisträger. Wie Abhijit Banerjee aus Indien und der Amerikaner Michael Kremer forscht sie daran, wie die globale Armut gelindert werden kann – und soll.
          Königin Elisabeth II. am Montag im britischen Parlament neben ihrem Sohn, Prinz Charles.

          Britisches Unterhaus : Queen’s Speech – und dann?

          Die britische Königin hat an diesem Montag mit ihrer Rede das Parlament wiedereröffnet und die Politikvorhaben der Regierung vorgestellt. Im Brexit-Prozess ist das jedoch nur ein Intermezzo.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.