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Klarinettist Jaan Bossier : Der inneren Stimme nach

  • -Aktualisiert am

Am Waldrand: Jaan Bossier mit Katze und Klarinette in seinem Wohnzimmer. Bild: Marcus Kaufhold

Er geht im Wald und in der Musik eigene Wege: Der Klarinettist Jaan Bossier gehört dem Ensemble Modern an, hat aber auch ein eigenes Quartett gegründet. Demnächst ist es mit Klezmer in Frankfurt zu hören.

          „Du solltest besser darüber schreiben, wie ich der Baumrinde beim Wachsen zugucke“, sagt Jaan Bossier und lacht. Als Klarinettist spielt er Stücke, vor denen Schwierigkeitsgrad hochkarätige Kollegen kapitulieren. Jüngst beim Frankfurter Ensemble Modern zum Beispiel das vor dreizehn Jahren uraufgeführte „Art of Metal“ von Yann Robin, das er auf einer Kontrabassklarinette aus Metall zu bewältigen hatte: „Dafür habe ich drei Monate jeden Tag wirklich hart geübt.“

          Die Kraft dazu schöpft Bossier im Wald. Dort läuft er so herum, wie er bisweilen auch auf die Bühne kommt: barfuß. „Oft bin ich mehrere Tage lang draußen“, sagt der gebürtige Flame. Zusammen mit seiner Frau und seinem elf Jahre alten Sohn wohnt er in Bad Schwalbach, nahe am Wald. Am liebsten bewegt er sich jenseits der Wege, querfeldein. Gleiches gilt für die Musik. So spielt er nicht nur im Ensemble Modern, sondern auch im Lucerne Festival Orchestra und im Mahler Chamber Orchestra. „Nur ein einziges Ensemble wäre mir zu langweilig“, sagt er. „Außerdem habe ich so Kontakt zu den besten Musikern der Welt“, fügt er hinzu und betont, dass alle drei Klangkörper „keine Dienstorchester“ sind: „Da ist jeder wach.“

          „Das ist mir zu langweilig“

          Zusammen mit drei ähnlich aufgeweckten Kollegen hat er das Jaan Bossier Quartett gegründet. Das jüngste Album heißt „Klezmenco“. Zum Klezmer, sagt Bossier, habe er schon immer eine starke Affinität gehabt, ohne die traditionelle Klezmer-Schiene bedienen zu wollen: „Das ist mir zu langweilig.“ Als er durch Zufall die einst von Federico García Lorca gesammelten „Canciones populares antiguas“ in die Hände bekam, wusste er sofort, was er wollte: unterwegs sein zwischen Flamenco und Klezmer, zwischen zwei emotional gleichermaßen tief berührenden Musikstilen also.

          Und Motive und Melodien der einen Musik in die andere einbauen sowie beide darüber hinaus mit Eigenem verknüpfen, schließlich bedeutet „Flamenco“ ja auch „Flame“. „Die virtuosen Anteile kamen aus meiner Klarinette geflogen“, sagt Bossier, gleichsam als lebendiges Beispiel dafür, dass das Barfußlaufen gesund ist: „Die meisten ungewöhnlichen Akkorde und die nie selbstverständlich weiterlaufenden Metren sind von mir komponiert, wobei auch meine Mitspieler viel beisteuern. Jeder trägt etwas Eigenes in die Musik hinein. Das ist jedes Mal frisch und neu und toll.“

          Folkloristische Authentizität

          Da der Bratschist Florian Peelman, Mitglied der Quartett-Besetzung, die die CD eingespielt hat, fürs Erste in seine australische Heimat zurückgekehrt ist, gehört nun die charismatische Ensemble-Modern-Bratschistin Megumi Kasakawa zum Ensemble. Außer ihr spielen auch Gwen Cresens (Akkordeon) und Axel Ruge (Kontrabass) mit. Als Gast sorgt zudem die Flamenco-Sängerin Amparo Cortés für besondere Momente folkloristischer Authentizität.

          Mit leidenschaftlichem Pathos singt sie Lorcas Zorongo, den das Quartett mit einem wilden andalusischen Tanz umspielt. Oder das „De Profundis“, auf das Bossier seine eigene Komposition „Aus der Tiefe“ folgen lässt: „Meine positive Antwort auf das traurige Gedicht von Lorca und auf den schweren Ton, mit dem die meisten Künstler des zwanzigsten Jahrhunderts sich auf den Psalm beziehen, der mit diesen Worten anfängt. Meine Version steht für Hoffnung. Hoffnung auf Kultur, Liebe und Menschlichkeit.“ Das Abschiedsstück des Albums rankt sich um den von Cortés in „Adio Querida“ besungenen Abschied der sephardischen Juden aus dem Spanien, das sie vertreibt. Mit seinem eigenen musikalischen Kommentar will Bossier keinen hochtrabenden historischen Hintergrund zeichnen, sondern eher zeigen, „dass es vielleicht überhaupt keine Heimat mehr gibt, dass wir alle immer unterwegs sind, immer suchend“.

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