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Kiwis im Frankfurter Zoo : Der unsichtbare Vogel

Scheuer Geselle: Kiwi im Frankfurter Zoo Bild: Fricke, Helmut

Die Kiwis im Frankfurter Zoo leben im Verborgenen. In der Brutstation haben sie ihr eigenes Reich. Dort, wohin sonst nie ein Besucher gelangt.

          2 Min.

          Gerry hat offenbar eine wilde Nacht hinter sich. Normalerweise läuft der kleine Kiwi auch am Vormittag noch in seinem Gehege auf und ab, versteckt sich in dem Dickicht seiner Außenanlage und gräbt mit seinem langen Schnabel tief in der Erde nach Nahrung. Nun aber liegt der neuseeländische Laufvogel, der sonst ganz untypisch für seine Art ein Tagschwärmer ist, in seiner dunklen Holzkiste und schläft. Erst der Hunger treibt ihn dann doch hinaus. Als Tierpflegerin Marlies Joppe mit einem Bottich Würmer ans Gehege kommt, wacht der kleine Vogel auf. Gleich ganz munter läuft er einmal quer durch sein Gehege gezielt auf die Tür zu, die zum Außengehege führt. Und dann ist er erst einmal verschwunden.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Genau das ist der Grund, weshalb die Kiwis im Frankfurter Zoo inzwischen hinter den Kulissen leben: weil sie in ihrem früheren Gehege im Grzimekhaus für die Besucher fast nie zu sehen waren. Zu gern verstecken sich die braungefiederten Tiere. Deshalb entschied Zoodirektor Manfred Niekisch vor zwei Jahren, die Vögel nicht mehr in der „Schau“ zu halten, wie er sagt. Ganz verzichten wollte er aber auch nicht auf die neuseeländischen Nationaltiere, weil der Zoo inzwischen sehr erfolgreich ist in der Zucht. Und so richteten die Pfleger den Kiwis ein schönes neues Zuhause in der Brutstation ein. Dort haben die Vögel jenseits des Besucherstroms nun ihr eigenes Reich.

          Vormittags ist Fütterungszeit

          Die Station befindet sich in einem unscheinbaren weißen Häuschen in der Nähe des Borgoriwaldes. Auf einem Schild, das an der Hauswand hängt, steht: „Brutstation. Kein Zutritt.“ Tatsächlich kommt hier kein Besucher herein, auch wenn es sich wohl um eines der interessantesten Gebäude im ganzen Tiergarten handelt. Gleich am Eingang befindet sich die Küche. Marlies Joppe steht an einer Arbeitsfläche und schnippelt Gemüse. Tomaten, Zucchini und ein bisschen Kohl. Vormittags ist Fütterungszeit bei den Bewohnern der Brutstation. Außer den Kiwis leben dort noch die Baumkängurus.

          Das Erste, was auffällt, ist die Stille. Normalerweise sind im Zoo überall Tiere zu hören. Das Brüllen der Löwen, das Planschen der Seehunde, das dumpfe Trampeln der Nashörner. Sogar bei den Giraffen raschelt es, wenn sie sich mit ihren langen Hälsen das trockene Gras aus ihren Fresskörben holen. In der Brutstation jedoch herrscht absolute Ruhe, und die brauchen die Tiere auch.

          Außer Gerry leben noch fünf weitere männliche Kiwis in dem Haus, das eines der ältesten im ganzen Tiergarten ist. Männliche deshalb, weil es bei den Kiwis, wie bei vielen Laufvögeln, die Männer sind, die die Eier ausbrüten. Die weiblichen Kiwis sind mehrere hundert Meter weiter in der Bärenanlage untergebracht. Würden sie alle unter einem Dach leben, würden sich die Tiere wahrscheinlich gegenseitig angreifen, sagt Niekisch. Denn so sei es auch in der freien Natur: Die Tiere träfen sich nur zum Paaren, ansonsten gingen sie sich aus dem Weg.

          Gehege mit trockenem Eichenlaub

          Und so ist die Brutstation eine Art Männer-WG. Außer Gerry leben dort noch Rima, Kelsey, Tipeni und Apteryx. Letzterer ist einfach nach der lateinischen Bezeichnung des Kiwi benannt, weil das so schön klingt. Jeder der fünf Vögel hat ein großzügig gestaltetes Gehege mit trockenem Eichenlaub auf sandigem Untergrund und einer großen Brutbox. Jederzeit können sie durch einen Schieber nach draußen gelangen. Gerry und seine Mitbewohner nutzen die Außengehege vor allem für nächtliche Ausflüge - eben dann, wenn sie wach sind.

          Derzeit gibt es keinen Kiwi-Nachwuchs, es wird aber wohl nicht mehr lange dauern, bis die beiden Hennen wieder neue Eier legen. In einem Büro werden die Brutbücher geführt. Darin werden alle Jungtiere dokumentiert: mit Fotos, besonderen Merkmalen, Größe, Gewicht und einem Überblick über die Nahrung.

          Gerry bleibt an diesem Morgen erst einmal im Dickicht und denkt nicht daran, wieder hereinzukommen. „Kiwis brauchen den Wind um sich herum“, sagt Pflegerin Marlies Joppe. Die anderen Kiwis schlafen längst, aber die nächste Nachtwanderung hinter verschlossenen Türen steht schon bevor.

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