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Kirchen in Hanau geöffnet : „Wollen jetzt nah bei den Menschen sein“

Beten für die Opfer: Der Fuldaer Bischof Michael Gerber ruft zu Solidarität auf. Bild: Rainer Wohlfahrt

Die Bischöfe der beiden großen Kirchen, in deren Gebiet Hanau liegt, sind entsetzt über die Bluttat. Der hessische Ausländerbeirat beklagt eine „Diskriminierungskultur“ im Land.

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          Mit Bestürzung und Trauer haben die beiden großen Kirchen, in deren Gebiet die Stadt Hanau liegt, auf die Bluttat mit elf Toten reagiert. Der Fuldaer Bischof Michael Gerber sagte: „Was wir aktuell an Informationen bezüglich der Hintergründe dieser Tat erfahren, verstört uns zutiefst. Unsere Solidarität gilt den Verletzten und den Hinterbliebenen der Toten sowie allen Ersthelfern und Einsatzkräften, die an der Aufarbeitung und Aufklärung der Tat beteiligt sind.“ Für sie alle werde jetzt gebetet.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Gerber, zu dessen Diözese Hanau gehört, hat außerdem einen Brief an den Hanauer Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) geschrieben, um seine Trauer und Verbundenheit zum Ausdruck zu bringen. Für die Stadtgesellschaft Hanaus bedeute das Verbrechen eine tiefe Zäsur. Er fordere alle Gemeinden im Bistum Fulda auf, in den Sonntagsgottesdienste mit Gebeten der Opfer von Hanau zu gedenken.

          Die katholischen Kirchen in der Stadt sind nach Bistumsangaben geöffnet. Seelsorgeteams stünden für Gespräche zur Verfügung. „Bei aller Schockstarre, die über der Stadt liegt, wollen die Kirchen jetzt ganz nah an den Menschen sein“, heißt es weiter. In den Kirchen Mariä Namen und St. Elisabeth bei den Tatorten seien ebenfalls Seelsorger erreichbar.

          „Die Nacht hat das Leben in Hanau verändert“

          In der Nacht zu Donnerstag hatte der 43 Jahre alte Tobias R. in Hanau in einer Shisha-Bar und einem Kiosk neun Menschen erschossen und mehrere schwerst verletzt. Danach tötete er seine Mutter und sich selbst. Die Ermittler gehen von einem rechtsradikalen Hintergrund aus. Alle neun Opfer in den Bars waren Migranten.

          Auch die Bischöfin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Beate Hofmann, zeigt sich erschüttert über das Gewaltverbrechen. „Wir trauern mit den Angehörigen der Toten und sprechen Ihnen unser Beileid aus. Wir beten für die Trauernden. Wir beten für die an Leib und Seele Verletzten, dass sie wieder gesund werden. Wir wissen uns verbunden mit allen Einsatzkräften und mit den Notfallseelsorgern, die im Einsatz waren und sind“, teilte Hofmann mit. Die vergangene Nacht habe das Leben in Hanau verändert. Die Kirche werde sich weiter für ein friedliches Zusammenleben in der Stadt einsetzen. Viele Kirchen in Hanau stünden an diesem Tag zur Einkehr, zum Gebet und zum Gespräch offen. Zur Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck mit Sitz in Kassel gehören auch die Stadt Hanau und der Main-Kinzig-Kreis.

          Mehr Geld für Programme gegen Rechtsextremismus gefordert

          Tief bestürzt reagiert der hessische Landesausländerbeirat auf „die widerwärtige Bluttat in Hanau“ . Der Vorsitzende Enis Gülegen teilte mit: „Unsere Gedanken und unser Mitgefühl sind in diesen Stunden bei den Angehörigen der Opfer. Den Verletzten gelten unsere aufrichtigen Wünsche für eine schnelle und vollständige Genesung.“ Fassungslos machten ihn die möglichen Hintergründe der Tat. „Sollte sich der Verdacht eines rechtsradikalen und rassistischen Motivs des Täters bestätigen, stehen wir auch in Hessen vor einer unerträglichen Zeitenwende“, sagte Gülegen und fügte hinzu: „Die Saat, die durch braunes Gedankengut zunehmend auch in den Parlamenten gestreut ist, geht auf. Unschuldige Menschen werden zu Opfern von menschenverachtender Gewalt, die ihren Ursprung in brauner Ideologie und Hetze hat.“

          Wie Gülegen weiter sagte, nehmen Antisemitismus und Rassismus seit Jahren zu. Die politisch motivierten Morde des NSU, die Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke und jetzt die Tat in Hanau zeigten deutlich, dass die Grenzen längst überschritten seien. „Solange wir eine Diskriminierungskultur, die in unserem Land zur Alltagsrealität der Migranten geworden ist, dulden, nicht entschieden bekämpfen, solange wir den rassistischen Diskurs in unserer Gesellschaft hinnehmen, werden wir immer solche Gewaltausbrüche zu beklagen haben“, kritisierte der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Ausländerbeiräte in Hessen. Diskriminierung sei „nichts anderes als eine andere Erscheinungsform des Rassismus, dem wir jetzt in Hanau begegnen“. Von der schwarz-grünen Landesregierung erwarte er „klare Signale und ein entschlossenes Handeln gegen Ausgrenzung und Diskriminierung“. Programme gegen Rechtsextremismus müssten deutlich ausgeweitet werden. „Ein Ruck muss jetzt durch das Land gehen.“

          Der Rat der Religionen Frankfurt trauert ebenfalls um die Opfer von Hanau. „Die rapide Zunahme rechter Gewalttaten in unserem Bundesland und darüber hinaus macht uns Sorgen, festigt aber auch unsere Entschlossenheit“, teilte das interreligiöse Gremium mit. Wichtig sei es nun, Solidarität mit den Opfern zu üben und als Gesellschaft eng zusammenzurücken. „Wir brauchen besseren Schutz auch gegen rassistische Gewalt und ein klares Eintreten gegen Hetze und Ausgrenzung im Alltag.

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