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Kirchen auf dem Dorf : Zum Pfarrer in die Dorfkneipe

  • -Aktualisiert am

Kirche im Schatten der Industrie: Die Kirche in Großkrotzenburg, südlich von Hanau. Bild: Rainer Wohlfahrt

Die Kirchen in ländlichen Gebieten stehen vor großen Aufgaben, denn auf absehbare Zeit werden Pfarrer fehlen. Einige Projekte zeigen, was möglich ist.

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          Nach dem Einkauf im Supermarkt noch einen Taufschein abholen, sich über einen Kita-Platz informieren oder über die Pflege eines Angehörigen mit der Diakonie sprechen? In Battenfeld ist das kein Problem. Dort betreibt das evangelische Dekanat Biedenkopf in einem Zentrum mit mehreren Märkten ihr „Kirchenbüro im Oberen Edertal“.

          Sieben Gemeinden beteiligen sich daran. Längere Öffnungszeiten an einer Stelle statt kurze in den einzelnen kleinen Gemeinden, eine professionellere Verwaltung, weniger Schwellenangst bei den Besuchern: Stefan Peter, einer der Pfarrer im Oberen Edertal, ist sehr zufrieden mit dem Projekt, das es seit Juli 2014 gibt und das die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) unterstützt.

          Absehbarer Pfarrerschwund

          Auch Peters Kollege Andreas Klein, der in der EKHN für Gemeindeberatung und kirchliche Regionalentwicklung zuständig ist, führt das Büro als gelungenes Beispiel für kirchliche Präsenz auf dem Land an. „Es ist ein tolles Modell dafür, dass Konzentration mehr Qualität bringt.“

          Die Kirche auf dem Land steht angesichts eines absehbaren Pfarrerschwunds und wegen des Wegzugs von arbeitssuchenden Menschen in die Metropolen vor einigen Herausforderungen. Klein weiß um diese Realität, aber eben auch um den Wunsch vieler nach einem kirchlichen Leben im Dorf, zu dem auch Gottesdienste gehören. Er berät zum Beispiel vier Kirchengemeinden in Rheinhessen, zu denen acht Dörfer gehören. Von 2020 an werden dort nicht mehr drei, sondern nur noch zwei Pfarrer tätig sein, was Einschnitte mit sich bringen wird.

          Gottesdienste werden vielfältiger

          Ein besonders einschneidendes Erlebnis hatte Horst Rockel, evangelischer Pfarrer von Königsberg und Fellingshausen, zwei Dörfern im Dekanat Gießen. Im Januar war zu einem Sonntagsgottesdienst in Königsberg kein einziger Gläubiger gekommen. Schneefall und Glatteis hatten den Weg zur Kirche, die auf einem Berg liegt, erschwert. Aber für Rockel stellt sich auch die Frage nach der Gestalt der „ganz normalen Sonntagsgottesdienste“. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk beklagte Rockel eine Art „Frontalunterricht“ im Gottesdienst und sagte: „Irgendwann einmal sind viele Gemeinden an dem Punkt, dass die Gottesdienste kaum noch besucht werden und dass wir vor leeren Bänken stehen.“

          Zeit, um über Einschätzungen wie diese zu sprechen, hatte Rockel wegen vieler Termine nicht. So ergänzt Matthias Hartmann das Bild. Er ist für die Öffentlichkeitsarbeit im Dekanat Gießen zuständig. Die Relevanz von Gottesdiensten sei ein ständiges Thema unter den Pfarrern, sagt er. Aber es gebe schon vielfältige Formen von Gottesdiensten, auch solche, in denen man mit den Gläubigen ins Gespräch komme. Außerdem solche Feiern, die zu bestimmten Anlässen nicht in den Kirchen stattfänden, sondern auf einem Hof (zum Erntedankfest), in einem Bürgerhaus (zum Schulbeginn) oder auf dem Dorfplatz (zum Dorffest). „Die Kirche bewegt sich auf die Leute zu.“

          Nur vier Prozent besuchen regelmäßig den Gottesdienst

          Freilich weiß auch Hartmann, dass mitunter sehr wenige Gläubige in den Gottesdienst gehen. „Wenn außer den Konfirmanden nur noch sieben bis acht andere da sind, ist das schade.“ Woran das im Einzelfall liege, könne man aber nicht sagen.

          Insgesamt besuchen vier Prozent der EKHN-Mitglieder regelmäßig den Gottesdienst. Daran hat sich in den vergangenen zehn Jahren nichts geändert. Im Dekanat Gießen lag die Quote mit 3,35 Prozent etwas niedriger. Die höhere Quote für die Gesamtkirche erklärt sich auch daraus, dass dort besondere Feiern wie Jugendgottesdienste mitgezählt werden, wie der EKHN-Sprecher erläutert.

          Die Frage, wie die Kirche im Dorf bleiben kann, beschäftigt auch das Bistum Limburg, zu dem ebenfalls viele ländliche Gebiete gehören. Gerade in kleinen Orten sei die Identifikation der Gläubigen mit ihrer Kirche sehr stark, so der Sprecher der Diözese.

          Rockel will in die Dorfkneipe

          Das gilt gerade im Zusammenhang mit der Bildung von Großpfarreien und der Suche nach Akzenten, die in den „Kirchorte“ genannten, einstmals eigenständigen Pfarreien gesetzt werden können. Zwar sei der Gottesdienstbesuch in vielen Gemeinden rückläufig, „aber es gibt auch Aufbrüche“, sagt der Sprecher. Als Beispiele nennt er neue Formen von Glaubensgesprächen und die Wiederbelebung von Gebetsstunden. In der ganzen Diözese gehen nach den aktuellsten Zahlen 10,6Prozent der Katholiken sonntags in die Kirche.

          Um das kirchliche Leben im Dorf zu fördern, ist für den evangelischen Pfarrer und Gemeindeberater Klein ein „qualifiziertes Ehrenamt“ nötig. „Warum muss der Pfarrer kommen, wenn ein Dachdecker das Kirchendach reparieren will?“ Die Kirchenvorstände müssten mit den Pfarrern überlegen, was ein Pfarrer leisten solle und was man in andere Hände legen könne.

          Pfarrer Rockel zeigt sich übrigens nicht nur enttäuscht von den ausbleibenden Kirchgängern an jenem Sonntag im Januar. Auch er hat eine Idee, wie er mehr auf die Leute zugehen könnte, wie er im Radio verriet: eine feste Sprechstunde in einer Dorfkneipe. „Die Leute halten ja immer Distanz zum Pfarrer. Das möchte ich gerne verändern.“

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