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Großer Feldberg : Frühes Weihnachtswunder auf dem Taunus-Gipfel

Über den Wolken: Seit 67 Jahren steht der Kiosk auf dem 881 Meter hohen Plateau des Großen Feldbergs. Bild: Cornelia Sick

Zum Jahresende hatte der Kiosk auf dem Großen Feldberg schließen und abgebaut werden sollen. Jetzt sind sich auf einmal alle einig: Es geht bis 2019 weiter.

          Die Hütte aus dunklem Holz scheint schon immer dagewesen zu sein. Immer heißt in diesem Fall 67 Jahre, klärt Hermann Lichtnecker auf. Die meisten Menschen, die jemals auf dem Plateau des Großen Feldbergs waren, kennen den Anblick nicht anders als mit Lichtneckers Kiosk am Weg zum Falkenhof. Er sollte verschwinden, denn der Pachtvertrag endet am 31. Dezember. Ein Zettel neben dem Verkaufsfenster kündete in den vergangenen Tagen von der bevorstehenden Schließung.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          Aus Konkurrenzschutz und weil der Pachtvertrag gekündigt worden sei. Nicht nur Stammkunden reagierten enttäuscht. Auf die Berichte über das Aus für den Kiosk packte zahlreiche Taunusbesucher die Nostalgie - und die Wut. Der Aufschrei blieb nicht ohne Folgen: Am Donnerstag kam die Nachricht über das Weihnachtswunder vom Feldberg. Der Kiosk bleibt mindestens bis zum Frühjahr 2019 geöffnet.

          Selbst hergestellte Holzeulen

          Die Hütte wirkt innen größer, als man von außen vermutet. Viel Platz ist wegen der Heizplatten für den Glühwein, der Kisten mit Flaschen und den Kartons mit Süßigkeiten trotzdem nicht. Die Stimmung ist tatsächlich nostalgisch. Wie könnte sie anders sein, wenn Hermann Lichtnecker ganz nah am Holzofen sitzt und von früher erzählt. Von den alten Zeiten, die gar nicht immer gut waren. Die Eltern vertrieben aus dem Böhmerwald, der Vater mit nur einem Bein aus dem Krieg zurückgekehrt. „Er hat sich die Rente auf zehn Jahre auszahlen lassen“, sagt der inzwischen 73 Jahre alte Sohn bei einem Besuch in dieser Woche. Startkapital für den Kiosk, der mitten auf dem Gipfelplateau steht.

          „Mit fünf Jahren bin ich das erste Mal oben gewesen.“ Das habe ihm die Mutter erzählt, die das Baumaterial mit dem Leiterwagen von Niederreifenberg nach oben geschafft habe. Mit Klein-Hermann auf dem Holzstapel. Viel später, als der Vater gestorben war, saß die Mutter neben dem Verkaufsfenster und strickte Fäustlinge mit Norwegermuster. „Das sprach sich herum“, sagt Lichtnecker. „Die Leute kauften die Handschuhe, die fast billiger waren als die Wolle.“

          Heute kümmert sich vor allem Hermanns vier Jahre jüngere Frau Anneliese ums Geschäft. Das floriert selbst an einem Wochentag, an dem das Flachland bis hinauf zur Hohemark in zähen, kalten Nebel gepackt ist. Doch ganz oben scheint die Sonne vom wolkenlosen Himmel und sorgt für Plusgrade. Eine Wurst hier, zwei Glühwein da: Anneliese Lichtnecker muss mehrfach eine der großen Flaschen aus dem Karton holen und in den Topf nachkippen. Eine Frau verlangt nach einer der Holzeulen, die Lichtneckers selbst herstellen. Eine Öffnung im Birkenstamm ist mit Körnern und Fett ausgefüllt, für die Vögel im Winter.

          Wirbel hatte für Kiosk sein Gutes

          Bis Donnerstagnachmittag schien es, als sollte zum Jahresende Schluss sein. Aber die Geschichte vom Ende der Institution hatte ihren Weg in Zeitungen, Fernsehen und Radio gefunden. Jetzt können die Lichtneckers von den modernen Zeiten erzählen. Die auch nicht immer gut sind. Denn heute gibt es das Internet, und das sucht Schuldige. Den Wirt des Feldberghofs, Peter Stürtz, zum Beispiel. Der wolle sich wohl die Konkurrenz vom Hals halten und weiter seine „Millionen“ scheffeln, hieß es in den sozialen Netzwerken. Dabei hat er mit der ganzen Geschichte nichts zu tun. „Mit dem verstehen wir uns gut“, sagt Anneliese Lichtnecker. „Manchmal bläst der Wind hier einen Meter Schnee zusammen, dann räumt er uns mit dem Hausmeister vom Feldberghof den Weg frei“, ergänzt ihr Mann.

          Die beiden haben inzwischen eine Ahnung davon bekommen, wie sich die Dinge verselbständigen können. „Es ist im Internet wohl aus dem Ruder gelaufen“, sagt Anneliese Lichtnecker. Dass nicht alles stimmt, was dort steht, konnte sie selbst feststellen. „Da schreibt einer, er habe hier immer seinen Döner geholt“, sagt die Kioskbetreiberin kopfschüttelnd. „So etwas haben wir noch nie verkauft.“

          Weiter auf dem Großen Feldberg: Anneliese Lichtnecker und ihre Familie verkaufen Glühwein, Bratwurst und auch manches Souvenir.

          Nun allerdings hat sich herausgestellt, dass der ganze Wirbel im Nachhinein für die Kioskbetreiber sein Gutes hatte. Denn tatsächlich sieht der Pachtvertrag, den der Zweckverband Feldberghof vor vielen Jahren mit der Binding-Brauerei schloss, nur den Betrieb der Gaststätte vor. Der Kiosk im Aussichtsturm, der dem Hessischen Rundfunk gehört, blieb außen vor. Die Brauerei hat den Feldberghof wiederum weiterverpachtet. Nicht zuletzt aus Sorge vor juristischen Schritten hatte der Schmittener Bürgermeister Marcus Kinkel (FWG) daher den Lichtneckers schon vor drei Jahren mitgeteilt, der Vertrag werde nach dem 31. Dezember 2016 nicht verlängert.

          2019 werden Karten neu gemischt

          Doch Binding ließ zwischenzeitlich wissen, Kiosk und Gaststätte seien vom Charakter nicht vergleichbar und dem Parallelbetrieb stehe nichts entgegen. Das bestätigte am Donnerstag eine Sprecherin von Binding. Womit für Bürgermeister Kinkel eine neue Geschäftsgrundlage besteht. In einem Gespräch der Lichtneckers mit Bürgermeister und Zweckverband wurde daher vereinbart, den Pachtvertrag für den Kiosk letztmalig bis 31. März 2019 zu verlängern. Dem muss die Gemeindevertretung Schmitten noch zustimmen.

          Die FDP hatte das Thema unterdessen in der jüngsten Sitzung des Zweckverbands Feldberghof angesprochen, dessen Mitglieder der Hochtaunuskreis und die Gemeinde Schmitten sind. Die AfD wiederum wollte in der Kreistagssitzung am 19. Dezember einen Dringlichkeitsantrag einbringen, um die Schließung des Kiosks zu verhindern. Auch der ist hinfällig. In gut zwei Jahren dürfte das Ende des Pachtvertrags die Gemüter auf der Feldberghöhe kaum mehr erhitzen. Vermutlich haben dann auch die Lichtneckers genug vom Dienst auf dem Berg. Vor allem aber endet dann der Pachtvertrag zwischen dem Zweckverband und der Binding-Brauerei. Und die Karten auf dem Plateau werden neu gemischt.

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