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Kinderschutzambulanz Frankfurt : Verdacht auf Missbrauch wird zunehmend angezeigt

Die Kinderschutzambulanz der Uniklinik Frankfurt wird mit 800.000 Euro aus dem Haushalt der hessischen Landesregierung gefördert. Bild: dpa

Die Ärzte der Kinderschutzambulanz in Frankfurt werden gerufen, wenn ein Missbrauchsverdacht vorliegt. Weil Jugendämter und Justiz häufiger den Rat der Experten einholen, stößt die Ambulanz an ihre Grenzen. Aber Hilfe naht.

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          Die Fotos verfolgen ihn noch heute. Bilder von Kindern, deren kleine Körper misshandelt wurden. Mit Tritten und Schlägen, manchmal auch mit glühenden Zigaretten. Noch immer hat er die wortgewaltigen Schilderungen der Polizisten im Ohr, kann sie fast Wort für Wort wiedergeben. „Ich war damals von dem, was ich gehört und gesehen habe, sehr angefasst“, sagt Holger Bellino, Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU-Fraktion im Landtag. Er ist es auch noch heute. Vor zehn Jahren wurde an der Uniklinik Frankfurt eine Kinderschutzambulanz errichtet, unterstützt durch Gelder der Landesregierung, aber auch durch die Aktion „F.A.Z.-Leser helfen“.

          Marie Lisa Kehler
          (mali.), Rhein-Main-Zeitung

          Bellino hat das Projekt damals eng begleitet – und ist nun wieder nach Frankfurt gekommen, um einen Einblick in die Arbeit zu bekommen. Mehr Patienten denn je sind hier im vergangenen Jahr den Ärzten vorgestellt worden, um mögliche Spuren sexuellen oder körperlichen Missbrauchs zu sichern. Für ihre Arbeit hat die Kinderschutzambulanz kürzlich durch die Landesregierung eine Förderung von 800.000 Euro erhalten, mit deren Hilfe die Personalstärke aufgestockt, die studentische Lehr- und Weiterbildung weiter vorangetrieben und in die Präventionsarbeit investiert werden soll.

          Änderung des Kinderschutzgesetzes erlaubt schnelles Handeln

          Das Geld scheint bitter nötig. Schon lange stößt die Einrichtung an ihre Grenzen. Pro Tag werde mindestens ein Kind in der Ambulanz vorgestellt, sagt Thomas Klingebiel, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin. Die Ärzte müssen klären, ob dessen Verletzungen durch gezielte Gewalteinwirkung entstanden sein können. „Es kann schmerzlich sein, da hinzuschauen“, sagt Klingebiel. Aber genau das werde seit zehn Jahren in der Kinderschutzambulanz getan. Die Ärzte, die sich mit den jungen Patienten befassen, haben alle eine Zusatzausbildung. Sie haben gelernt, Verletzungen so zu dokumentieren, dass ihre Befunde auch vor Gericht eingebracht werden können, haben Erfahrung damit, Kinder behutsam zu befragen und sich ihnen mit viel Einfühlungsvermögen und Zeit zu nähern.

          Knapp 2500 junge Patienten wurden in der Kinderschutzambulanz in den vergangenen neun Jahren vorgestellt. Zum Vergleich: zwischen den Jahren 2000 und 2010 waren es nur 100 Fälle. „Der Anstieg raubt uns den Schlaf“, sagt Marco Baz Bartels, einer der verantwortlichen Ärzte der Ambulanz. Trotzdem geht er nicht davon aus, dass die Zahl der Missbrauchsfälle in Hessen in den vergangenen Jahren gestiegen ist. Stattdessen sei die Auslastung der Ambulanz ein Indiz für die gute Zusammenarbeit zwischen Polizei, Jugendamt, Justiz und Klinik. Zudem habe eine Änderung des Kinderschutzgesetzes vor einigen Jahren dazu geführt, dass bei einem Verdacht auf Kindesmissbrauch schneller und konsequenter gehandelt werden könne. Und genau das werde in Anspruch genommen. Die Zuwendungen der Landesregierung sind laut Klingebiel notwendig, um die personal- und zeitintensive Ambulanz überhaupt führen zu können. „Ohne wären wir dazu nicht in der Lage.“

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