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Kindergärten : Das Tischgebet - so selbstverständlich wie Turnen und Basteln?

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Der Kampfgeist von Bernd Noll ist ungebremst. Bis zum Bundesverfassungsgericht will er den Streit tragen, den er mit dem städtischen Kindergarten in seinem Wohnort, dem bei Marburg gelegenen Bad Endbach, genauer dessen Ortsteil Wommelshausen, hat.

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          Der Kampfgeist von Bernd Noll ist ungebremst. Bis zum Bundesverfassungsgericht will er den Streit tragen, den er mit dem städtischen Kindergarten in seinem Wohnort, dem bei Marburg gelegenen Bad Endbach, genauer dessen Ortsteil Wommelshausen, hat. Der Hessische Verwaltungsgerichtshof hatte kürzlich den Antrag Nolls und seiner Frau, das tägliche Gebet zu verbieten, da eine kommunale Einrichtung weltanschaulich neutral sein müsse, abgelehnt. "Ich weiß nicht, ob ich in einem Rechtsstaat oder einem Kirchenstaat lebe", urteilt der "bekennende Atheist" Noll über die Entscheidung. In ihr hatten die Richter darauf verwiesen, daß freiwillige Gebete auch in öffentlichen Schulen nicht schlechthin verboten seien. Wenn in Schulen, deren Besuch Pflicht sei, gebetet werden dürfe, müsse das erst recht im Rahmen des freiwilligen Besuchs eines Kindergartens möglich sein, zumal sich das Kind während des Gebets unter Aufsicht woanders aufhalten könne.

          Das ist dem Vater zuwenig, der darin eine Ausgrenzung seines Sohnes sieht. Er werde gezwungen, seine Weltanschauung zu offenbaren, was nicht erlaubt sei. Für die Kindergartenleiterin Utta Hartmann, eine "überzeugte Christin", gehört das Beten in ihrer Einrichtung "genauso dazu wie Turnen und Basteln". Die religiöse Erziehung ist fester Bestandteil des Konzepts der kommunalen Einrichtung, "ohne daß wir missionieren wollen".

          Die Auseinandersetzung wird nicht zuletzt deshalb so scharf geführt, weil der Kindergarten in einer pietistisch geprägten Gegend liegt. In den kommunalen Kindertagesstätten des Rhein-Main-Gebiets hätte es diesen Streit wahrscheinlich nicht gegeben - zumindest nicht in den großen Städten. Einhellig ist aus Frankfurt, Offenbach und Wiesbaden zu hören, daß es darüber keine Auseinandersetzungen gibt - nicht, weil noch keine Eltern gegen Gebete geklagt hätten, sondern weil es sie als festgeschriebene Übung nicht gibt oder von Eltern noch nie gewünscht wurden.

          "Ein tägliches Tischgebet abzuhalten, ist nicht unser Auftrag", stellt Hermann Dorenburg, Leiter des Offenbacher Jugendamts und des Eigenbetriebs Kindertagesstätten, fest. Und der im Wiesbadener Jugendamt für Kindertagesstätten zuständige Harald Engelhardt ergänzt, daß in den zehn Jahren seiner Amtszeit weder Eltern noch Erzieherinnen ein tägliches Gebet gefordert hätten. Wenn Eltern dies wünschten, müsse man mit den Erzieherinnen und anderen Eltern darüber reden, sagt Dorenburg. "Das Gebet gehört nicht in eine städtische Einrichtung, die neutral sein sollte", urteilt Barbara Witte, Leiterin der Kindertagesstätte 3 im Frankfurter Nordend. Außerdem sei ihre Einrichtung dafür "zu multikulturell", ein Argument, das auch ihre Kolleginnen nennen, wenn sie begründen, warum in ihren Einrichtungen nicht gebetet wird. "Wir nehmen Rücksicht auf viele Religionen und wollen die dominierende Religion nicht bevorzugen", sagt Michael Damian, Referent von Frankfurts Bildungsdezernentin Jutta Ebeling (Die Grünen), in deren Zuständigkeit die Kindertagesstätten fallen. Allerdings - darauf verweisen Erzieherinnen, Dorenburg und Engelhardt genauso - werde Wert darauf gelegt, daß Kinder mittels vieler Feste etwas über die verschiedenen Religionen und Kulturen lernten. Prinzipiell seien städtische Einrichtungen aber "religionsfrei", sagt Luzie Koschalka. Sie leitet die Kindertagesstätte 91 im Frankfurter Stadtteil Bergen-Enkheim. "Anders als die konfessionellen Kindergärten haben wir den Auftrag, ein Tischgebet abzuhalten, nicht. Und das ist richtig so."

          Der Herausforderung, Kindern aus vielen Kulturen zu begegnen, müssen sich natürlich auch die kirchlichen Einrichtungen stellen. Deren Träger sind in der Regel die Kirchengemeinden. Wie ausgeprägt das christliche Profil der Kindergärten ist, hängt auch von ihnen ab. Wenn Tischgebete stattfinden, achten die Erzieherinnen darauf, niemanden auszugrenzen, und wählen deshalb beispielsweise Texte, in denen allgemein "Gott" angerufen wird - eine Formulierung, die auch Muslime mittragen könnten. "Wir erinnern mit den Gebeten daran, daß nicht alles selbstverständlich ist", sagt Ursula Braunberger, Erzieherin im Kindergarten der evangelischen Andreasgemeinde in Frankfurt-Eschersheim. Und deutlich spricht Brunhilde Hetterich, Leiterin des katholischen Kindergartens der Pfarrei St. Michael im Nordend von einem "pastoralen Auftrag", den die Gemeinde mit dem Kindergarten verbinde. Der umfasse auch, den Kindern beizubringen, was Gebet bedeute. Beide berichten davon, daß sogar muslimische Eltern nichts dagegen hätten. Manchen Muslimen sei die Wertevermittlung in einem christlichen Kindergarten lieber als gar keine, sagt Hetterich.

          Um zu erfahren, wie nichtchristliche Eltern die Arbeit in den evangelischen Kindergärten beurteilen, hat das Diakonische Werk für Frankfurt eine Umfrage gemacht. Zwar lägen die endgültigen Ergebnisse noch nicht vor, doch hätten immerhin rund vier Prozent der Befragten von sich aus angegeben, daß sie das Profil der kirchlichen Einrichtung am Tischgebet erkennten, teilt Michael Frase, Leiter des Diakonischen Werks, mit. "Uns ist wichtig, daß Spiritualität gelebt wird, und dazu gehört das Tischgebet." So wie die Diakonie berät der katholische Caritasverband, selbst Träger von Kindereinrichtungen, Erzieherinnen. Die Gebetspraxis in den Kindergärten sei sehr unterschiedlich, sagt Renate Elbert, Geschäftsführerin der beim Verband angesiedelten Frankfurter Arbeitsgemeinschaft katholischer Tageseinrichtungen für Kinder. Gleichwohl gebe es viele Fragen zur religionspädagogischen Praxis in Kindergärten.

          Daß das Tischgebet als ein Teil jener Praxis außer dem Bezug zu Gott auch einen zwischenmenschlichen Aspekt hat, darauf macht Klara London, die Leiterin des Kindergartens der Pfarrei St. Anna in Frankfurt-Hausen, aufmerksam. "Es geht darum, zur Ruhe zu kommen vor dem Essen. Indem die Kinder sich die Hände reichen, zeigen sie, daß sie Frieden miteinander halten und gemeinsam essen wollen." Ein Mahl zusammen zu beginnen, sei in der heutigen Fast-food-Mentalität alles andere als selbstverständlich, sagt Gabriele Freyberg, Vorsitzende des Wiesbadener Stadtelternbeirats. "Deswegen gibt es auch einen nichtreligiösen Tischspruch in unseren kommunalen Einrichtungen." In ihrem Urteil dürften Leiter und Träger kommunaler wie kirchlicher Kindertagesstätten übereinkommen: "Eine Tischkultur einzuüben und pflegen ist extrem wichtig." STEFAN TOEPFER

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