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Kinderärzte warnen : Haltungsfehler schon im Kindesalter

Kleine Patienten: Ein Kind blickt bei einer U6-Untersuchung seinen Arzt skeptisch an. Bild: EduardN F i e g e l

Deutschlands Kinderärzte warnen vor Erkrankungen des Skeletts und der Muskulatur schon bei Kindern. Denn sie bewegen sich zu wenig.

          Mit einer Reihe von Forderungen zur Verbesserung der medizinischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen wollen Deutschlands Kinderärzte an die künftige Bundesregierung herantreten. Beim Herbst-Kongress der Kinder- und Jugendärzte in Bad Orb, an dem seit Samstag rund 550 Kinderärzte aus ganz Deutschland teilnehmen, stehen neben politischen Erörterungen im medizinischen Teil Erkrankungen des Skelett-, Bindegewebs- und Muskelsystems bei Kindern und Jugendlichen als Schwerpunktthema auf dem Programm.

          Luise Glaser-Lotz

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.

          Laut Michael Keller, wissenschaftlicher Leiter des Kongresses und Leiter des Fachbereichs Kinder- und Jugendmedizin der Deutschen Klinik für Diagnostik, haben die modernen Lebensformen mit wenig Bewegung zu einem besorgniserregenden Anstieg von Erkrankungen der Muskulatur und des Rückens bei Kindern und Jugendlichen geführt. Weil sie zu oft und zu lange sitzen, unter anderem vor dem Computer oder dem Fernsehapparat, fehle häufig das Training für die Muskulatur, die sich deshalb nicht richtig entwickeln könne. Wohlstandskrankheiten wie Fehlstellungen an der Wirbelsäule, Übergewicht und Fehlentwicklungen der unteren Extremitäten seien häufige Folgen.

          Lücke bei Vorsorgeuntersuchungen schließen

          Auch wegen der Einführung der verkürzten Gymnasialzeit mangele es vielen Kindern an der Zeit für den dringend notwendigen sportlichen Ausgleich. Nötig sei die Entwicklung und Realisierung von Präventionsprogrammen für mehr Bewegung und zur Vermeidung des Übergewichts und der Adipositas im Kinder- und Jugendalter. Um die 15 Prozent der Jugendlichen litten heute bereits an der „Scheuermann’schen Krankheit“. Bei Morbus Scheuermann wächst die Wirbelsäule in den ersten Jugendjahren wegen Fehlhaltungen und mangelnden Muskeltrainings ungleichmäßig, so dass Rückenschmerzen auftreten und sich ein so genannter Rundrücken bilden kann.

          Neben den Präventionsprogrammen gegen Bewegungsmangel fordert der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) nach den Worten seines Präsidenten Wolfram Hartmann unter anderem, bei den Vorsorgeuntersuchungen die Lücke für die Altersgruppe der Kinder zwischen sechs und zehn Jahren zu schließen. Mit Gesetzesänderungen solle erreicht werden, dass die Vorsorgeuntersuchungen durchgängig bis zum achtzehnten Lebensjahr stattfinden. Hartmann kritisierte, dass privat versicherte Kinder einen Anspruch auf jährliche Früherkennungsuntersuchungen bis zum vierzehnten Lebensjahr hätten, dies für Kinder mit gesetzlichen Versicherungen aber nicht gelte. Diese Ungleichbehandlung müsse ein Ende haben. Ungleichheiten ergäben sich auch deshalb, weil gerade sozial benachteiligte Familien nach wie vor die Kosten für nicht-verschreibungspflichtige Medikamente selbst bestreiten müssen.

          Vor allem für Kinder aus diesen Familien sei zudem der kinder- und jugendmedizinische Dienst im öffentlichen Gesundheitsdienst zu stärken. Dafür müssten mehr Mittel für die „aufsuchende Gesundheitsfürsorge“ und für die gesundheitliche Betreuung in Kindertagesstätten und Schulen bereit gestellt werden. Der wachsende Frauenanteil unter den Medizinern bewirke auch in der Kinder- und Jugendmedizin einen drohenden Kräftemangel. Vor allem Frauen, aber auch junge Männer wollten Familie und Beruf miteinander verbinden und beispielsweise in Teilzeit arbeiten. Die Politik müsse umdenken und veränderte Strukturen schaffen. Nötig sei beispielsweise die Gleichstellung der Kinder- und Jugendärzte hinsichtlich der Verträge zu einer „hausarztzentrierten Versorgung“ mit den Allgemeinärzten. So werde derzeit die Weiterbildung der Pädiater in Kliniken, Praxen und öffentlichen Gesundheitsdiensten finanziell weit weniger gefördert als die der Allgemeinmediziner. Überdacht werden solle zudem die nach Ansicht des BVKJ ungerechtfertigten und strikten Budgetregelungen bei der Verordnung von Heilmittel im Kindes- und Jugendalter, die eine optimale Versorgung verhinderten.

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