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Gegen Kiesel im Garten : Offensive für das Schöne

Selbstgewählte Ödnis: Ein Kieselsteingarten mit einem Hauch von Pflanzenleben. Bild: dpa

Nicht jede Modeerscheinung sollte kopiert werden, ohne die Folgen zu hinterfragen. Das gilt besonders für Gärten. Denn in diese gehören Pflanzen und nicht Kieselsteine.

          Vokuhila-Haarschnitt, Strich-Augenbrauen oder Schottervorgärten: Es gibt Moden, die machen alle mit, auch wenn sich die meisten hinterher fragen, wie das möglich sein konnte. Hoffentlich wird es bei den Schottervorgärten eines Tages so sein wie beim Herren-Haarschnitt der achtziger Jahre und dem jahrzehntelangen Schönheitsideal für die Form der weiblichen Augenbrauen.

          Dann werden sich alle wundern, warum ausgerechnet der Teil des eigenen Grundstücks, der Aushängeschild für Haus und Eigentümer ist, als Wüste angelegt wurde. Hoffentlich kommt dieser Tag bald. Nicht nur Bienen und Vögeln fehlt etwas, wenn es keine Pflanzen, nichts Blühendes, keine Beeren in den Vorgärten gibt. Die Städte und Gemeinden leiden und mit ihnen ihre Bewohner.

          Das Verrückte ist, dass mit dem Trend zum Schottervorgarten das sogenannte Urban Gardening einhergeht, also das Bemühen, Grün in Straßen und Stadtteile zu bringen, und sei es nur, indem die Baumscheibe vor der Haustür liebevoll bepflanzt wird. Und es gibt bei vielen die fast unverschämte Lust auf Garten und auf Grün. Die Bücher und Zeitschriften auf dem Markt sind dafür ein ebenso beredtes Beispiel wie Saatbomben, die es sogar bei den Discountern gibt.

          Man könnte lange philosophieren über Selbstdarstellung und Individualisierung in der Gesellschaft mit Blick darauf, dass der Deutsche auf den Schotter gekommen ist. Vielleicht liegt es einfach daran, dass die meisten nicht wissen, wie ein schöner Vorgarten angelegt wird. Schließlich will man nicht auf Stiefmütterchen, Bodendecker oder Koniferen zurückgreifen, wie die Eltern es einst gemacht haben. Bei den Büroimmobilien hat die Kiesvorliebe im Übrigen schon viel eher eingesetzt. Öffentliche Plätze dienen ebenfalls nicht als Vorbild für attraktives Gestalten mit Pflanzen und Gehölzen.

          Es braucht eine Offensive für schön gestaltete Vorgärten. Vorgaben in Vorgartensatzungen oder Bebauungsplänen können helfen. Wichtiger wäre, dass die Kommunen beispielhaft vorangehen, Architekten eingestehen, dass sie sich mit Stein gut auskennen, aber nicht mit Pflanzen, und dass sich in den Köpfen stark einprägt, dass Vorgärten wichtige städtebauliche Elemente sind. Wenn wir unsere Städte nicht schön gestalten, wer soll es sonst tun? Des Schmunzelns kommender Generationen über die heutigen Vorgärten können wir uns sicher sein, so wie wir heute über Vokuhila lachen, bis es wieder Trend wird.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

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