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Kampfsport mit Handicap : Mit der Prothese im Boxring

Ausgehebelt: Senaid Salkicevic (links), ist trotz seiner Beinprothese Profikickboxer geworden. Bild: Francois Klein

In der Frankfurter Kampfsportschule MMA Spirit absolvieren Menschen mit Behinderungen ein unentgeltliches Training. Der Sport ist dabei aber nicht die größte Herausforderung.

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          „Jeder zieht sich jetzt schnell Boxhandschuhe an und sucht sich einen Partner.“ Die laute Stimme von Trainer Max Coga erfüllt die Halle der Frankfurter Kampfsportschule MMA Spirit. Eine Gruppe von etwa 20 Männern und Frauen spurtet über die vom Schweiß schon rutschig gewordenen Matten. Die vorher erlernten Angriffs- und Verteidigungstechniken sollen gemeinsam trainiert werden. Die Zufallspaarungen unter den Teilnehmern könnten unterschiedlicher nicht sein. Ein schlanker Junge baut sich gegenüber eines großgewachsenen athletischen Erwachsenen auf und nimmt die Deckung hoch. Doch das wahre Handicap liegt nicht etwa im Altersunterschied. Denn dem Zwölfjährigen fehlt der linke Unterarm. Neben ihm blickt eine zierliche, junge Frau auf Beinprothesen ihrem massigen Partner entgegen. Der kampferprobte muskulöse Mann lächelt freundlich und bereitet die erste Schlagkombination auf die Handschuhe seiner Partnerin vor.

          Alexander Davydov

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Unter dem Motto „Be Your Own Hero“ organisiert die Krankenpflegerin Yasmin Uygun seit etwa einen Jahr in ganz Deutschland unentgeltliche Kampfsportseminare für Menschen mit Behinderungen, und zwar Seite an Seite mit Unversehrten. „Bei vielen entsteht ein falsches Bild, wenn es um Kampfsport geht; dass das brutal und ungesund sei. Hier aber geht es darum, dass man voneinander lernt“, sagt die Sechsunddreißigjährige, die selbst seit Jahren boxt.

          Unsicherheiten erfolgreich überwinden

          Neben der Schulung von motorischen Fähigkeiten und dem Trainieren von Ausdauer stünden gegenseitiger Respekt, Disziplin und Durchhaltevermögen im Vordergrund – genauso wie bei anderen Sportarten auch. Dabei gilt die in den Seminaren gelehrte hybride Kampfsportart Mixed Martial Arts wegen ihrer Vielseitigkeit körperlich als besonders fordernd. Denn hier werden Schläge und Tritte aus traditionellen Kampfkünsten wie Boxen oder Muay Thai mit Würfen, Techniken und Griffen aus Judo, Ringen oder Jiu Jitsu kombiniert.

          Doch für viele Teilnehmer mit Behinderung stellt die Ausübung des Sports nicht die größte Herausforderung dar: „Der schwierigste Schritt ist der, der sie über die Türschwelle einer Kampfsportschule bringt“, sagt Uygun. Zu groß sei die Angst von den Trainern abgewiesen oder bei den Übungen wegen der sichtbaren Beeinträchtigung angestarrt zu werden. Diese Unsicherheit möchte Uygun den Betroffenen nehmen. Mit Erfolg. Die Teilnehmer sind mit vollem Körpereinsatz dabei. Für Jasmin Lindenmaier ist es die erste Berührung mit dem Kampfsport. Die 28 Jahre alte Sozialarbeiterin hat sich nach einer Knochenkrebserkrankung vor zwei Jahren freiwillig für eine Amputation ihres rechten Beins entschieden. „Ich fühle mich seitdem besser, kann endlich Sportarten ausprobieren, was vorher nicht ging“, sagt Lindenmaier. Über die sozialen Medien habe sie von dem Projekt erfahren und freue sich, während der anstrengenden Trainingseinheit sich richtig verausgaben zu können. Die Prothese sei für sie kein größeres Hindernis, dafür aber die noch fehlende Kondition, gibt die junge Frau mit einem etwas schüchternen Lächeln zu. Auch seien die teilweise komplexen Bewegungsabläufe noch sehr ungewohnt.

          Dank Sport Erfolg im Leben außerhalb des Rings

          Deutlich fortgeschrittener und ambitionierter ist hingegen Senaid Salkicevic, der trotz Behinderung seit Jahren ein erfolgreicher Profikickboxer ist. Als Achtjähriger verlor Salkicevic im Bosnienkrieg nach einem Granatenangriff sein Bein. Es folgte die Flucht nach Deutschland, wo Salkicevic mit Hilfe des Sportes wieder Hoffnung auf ein erfülltes Leben schöpfen konnte: „Diejenigen, die sagen, dass es nur ums Rumgekloppe geht, haben keine Ahnung. Das Training, die körperliche Herausforderung, die Achtung vor den Gegnern und Trainingspartnern haben mich mental stärker gemacht“, sagt der 36 Jahre alte Athlet. Den Lehren aus dem Sport verdanke er auch die Erfolge im Leben außerhalb des Rings, ein abbezahltes Haus, eine eigene Familie.

          „So viele Veränderungen zum regulären Training muss ich gar nicht machen“, sagt Coga, selbst ein erfahrener und international erfolgreicher Kampfsportler. In erster Linie sehe er auf der Matte ehrgeizige Menschen, und nicht Personen mit fehlenden Gliedmaßen. Er versuche, das Potential jedes einzelnen zu fördern, sagt Coga und hält kurz darauf den Rollstuhl eines Teilnehmers fest, damit dieser bei den Boxübungen vor dem Sandsack durch die Wucht der Einschläge nicht wegrutscht.

          Nach 90 Minuten geht das Training für die geschwitzten und gutgelaunten Teilnehmer zu Ende. Einige von ihnen werden sich zuhause nun nach Kampfsportschulen in ihrer Nähe umschauen. Yasmin Yugun lächelt zufrieden. Weitere Trainingseinheiten, die sie mit Hilfe von Prothesenherstellern finanziert, seien in anderen Städten bereits geplant: „Es ist schön, noch mehr Leute zu erreichen, ihnen das Gefühl der Schwäche und die Angst zu nehmen.“

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