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Plakat neben Dessous-Werbung : Der Ajatollah spricht vom Bretterzaun

Nachbarschaft: Das linke Plakat wirbt für Schriften des iranischen Staatsoberhaupts, das recht für Dessous Bild: Martin Ochmann

Ein Plakat an der Mainzer Landstraße in Frankfurt wirbt für Schriften des iranischen Staatschefs Khamenei. Vermutlich wurde es ohne Erlaubnis aufgehängt.

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          Links von ihm reckt sich eine nackte Frau auf dem Plakat, das für die Ausstellung „Geschlechterkampf“ im Städel wirbt. Rechts preist eine junge Frau leicht bekleidet Damenunterwäsche an: Ob Seyyed Ali Khamenei den Platz auf dem Bauzaun, auf dem sein überlebensgroßes Porträt hängt, angemessen findet, sei dahingestellt. Vielleicht ist der Platz aber auch bewusst gewählt, um ein Zeichen gegen westliche Verderbtheit zu setzen.

          Martin Ochmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Tatsache ist: Der politische Führer Irans und einer der bedeutendsten Gelehrten der Schiiten weltweit ist auf dem Plakat zu sehen, das seit kurzem an der Mainzer Landstraße hängt. Neben dem Foto des Imams ist dort ein Zitat von ihm zu lesen: „Lernt den Islam über die echten Quellen und zwar aus erster Hand kennen. Werdet mit dem Islam durch den Koran und die Biografie ihres großen Propheten vertraut“. Das Plakat verweist ansonsten noch auf die Aktion „letter4u“, bei der es weitere Informationen geben soll.

          „Unvoreingenommen und unabhängig“

          Hintergrund der Initiative „letter4u“ sind zwei Briefe, die der religiöse Führer im vergangenen Jahr unter dem Eindruck der Anschläge in Frankreich geschrieben haben soll. Die Briefe richten sich an die Jugend in den westlichen Staaten. In den Schreiben legt Khamenei seine Sicht der Dinge dar und fordert die Jugend auf, sich unvoreingenommen und unabhängig von einseitiger medialer Berichterstattung mit dem Islam zu beschäftigen und nach den Gründen für Terrorakte zu fragen. Den Attentaten in Frankreich stellt Khamenei die aus seiner Sicht schlimmere Situation in Palästina, Syrien und dem Irak gegenüber, an der Amerika und das „zionistische Regime“ schuld seien.

          Dem hessischen Verfassungsschutz ist die Aktion „letter4u“ schon seit langem bekannt. Man habe die Kampagne im Blick, sagte ein Sprecher gestern. Sie sei als „iranische Staatspropaganda zu bewerten, die sich in erster Linie an ein akademisches schiitisches Publikum richtet“. Wie aus Sicherheitskreisen weiter zu hören ist, fällt jedoch eine Einordnung schwer. Denn extremistische Aktivitäten konnten im Zusammenhang mit dem Projekt bisher nicht nachgewiesen werden. Auch sei diese Art der Einflussnahme auf schiitische Gruppen in Deutschland nicht neu. Gleichwohl bleibt die Frage, warum ausgerechnet jetzt so ein Plakat öffentlich zur Schau gestellt wird. Es sei nicht ausgeschlossen, heißt es bei den Sicherheitsbehörden, dass das Plakatieren nur ein Auftakt sei für nachfolgende Aktionen, wie etwa islamische Seminare, die es im vergangenen Jahr in Frankfurt und Berlin gegeben habe.

          Die Aktion „letter4u“ läuft vor allem über die sozialen Netzwerke im Internet. Auffallend radikale Äußerungen findet man dort eher nicht, Kommentare wie „Mögen die Zionisten im schlimmsten Feuer der Hölle schmoren“ bleiben die Ausnahme. Im Dezember 2015 fand eine „letter4u“-Konferenz im Haus der Jugend in Sachsenhausen statt. Der Veranstalter, der Schiitische Studenten- und Akademikerverband Mabud, war gestern nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Das Zentrum für Islamische Kultur, eine schiitische Gemeinde, in der vor allem Muslime aus Iran organisiert sind, konnte ebenfalls keine Stellungnahme zur Plakat-Aktion abgeben.

          Öffentlich in Erscheinung getreten ist „letter4u“ mit einer ähnlichen Aktion auch in Delmenhorst. Das „Delmenhorster Kreisblatt“ berichtete, der Initiator der Aktion werde vom Verfassungsschutz beobachtet. Ein Mitorganisator berichtete, dass es bei der Aktion lediglich darum gehe, junge Menschen auf die Briefe des religiösen Oberhaupts aufmerksam zu machen. Dazu, wer für das Plakat in Frankfurt verantwortlich ist, konnten sie keine Angaben machen. Bei der Ströer Deutsche Städte Medien GmbH weiß man nicht, warum das Plakat an der Mainzer Landstraße hängt. Einen Auftrag gebe es nicht, teilte das Unternehmen mit, das Plakatflächen im Stadtgebiet vermarktet. „Wir gehen davon aus, dass dort wild plakatiert wurde“, sagte eine Sprecherin. Das Plakat würde bald abgehängt.

          Experte: Interessant

          Susanne Schröter, Leiterin des Forschungszentrums Globaler Islam an der Goethe-Uni, findet es „bemerkenswert“, wer alles versuche, in Deutschland Einfluss auf die „Islamdiskussion“ zu nehmen. Die Professorin nennt als Beispiele neben Iran noch die Türkei und Saudi-Arabien. „Das hat natürlich damit zu tun, dass hier viele Muslime leben, das bietet Raum für Propaganda.“ Interessant findet Schröter zudem, dass es der iranischen Regierung gelungen sei, die Dachorganisation IGS, die islamische Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands, mit „ins Boot“ zu bekommen. Diese pflege gute Verbindungen zur Politik.

          Dass sich Khamenei, „ein konservativer Knochen, an die Jugend wendet, ist interessant“, sagt Schröter. Dass diese Briefe große Wirkung haben, kann sie sich allerdings nicht vorstellen. Die Exil-Iraner in Deutschland seien in der Regel gegen Khamenei eingestellt. Ohnehin gebe es nicht so viele Schiiten in Deutschland. „Durch die Flüchtlinge sind es jetzt ein paar mehr“, so Schröter. Ob man diese allerdings mit Plakaten auf Deutsch erreiche, sei fraglich.

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