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Kernkraftwerksbauer Areva : Drei neue Säulen sind noch zu schwach

Unsicherheit: Weil Areva seit Fukushima weniger Kernkraftwerke verkauft, steht der Standort Offenbach auf der Kippe. Bild: Rainer Wohlfahrt

Auf dem Weg in die politisch gewollte Energiewende bleiben auch namhafte Unternehmen zurück. Beim Kernkraftwerksbauer Areva in Offenbach stehen abermals Arbeitsplätze auf dem Spiel. Vielleicht ist sogar der Standort gefährdet.

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          Noch ist das Ausmaß des Stellenabbaus unklar. Aber die Ansage von Areva ist unmissverständlich. Der in Paris ansässige Kernkraftwerksbauer will angesichts der 2014 angehäuften Verluste von fünf Milliarden Euro seine Kosten senken und prüft deswegen auch sein Standortkonzept in Deutschland, wie ein Sprecher sagt. Das heißt, die Franzosen denken darüber nach, welche der acht Standorte in welcher Form bestehen bleiben sollen. Klar ist auch: Bei den derzeit 5300 Beschäftigten, von denen 700 am Ingenieursstandort Offenbach arbeiten, wird es nicht bleiben. Welchen Standort es auf welche Weise treffen soll, darüber wird der Aufsichtsrat des Unternehmens laut Sprecher am 14.April beraten.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          1000 Arbeitsplätze will Areva bis Ende 2017 abbauen, weil es an Aufträgen für neue Kraftwerke und an Angeboten auf dem Feld der Erneuerbaren Energien sowie für den Rückbau von Kraftwerken mangelt. Dabei streicht der Konzern derzeit schon reihenweise Stellen hierzulande. 2013 hatte er als Reaktion auf die Energiewende und die Abschaltung von Kernkraftwerken den Abbau von 1500 Arbeitsplätzen bis Ende dieses Jahres bekanntgegeben. 1000 sind abgebaut, 500 noch nicht.

          Werk mit 700 Mitarbeitern

          In den anstehenden Verhandlungen mit IG Metall und Betriebsräten ist nach den Worten eines Areva-Sprechers „nichts ausgeschlossen“. Der Betriebsrat will sich öffentlicher Äußerungen enthalten. Auf eine Anfrage hin verweist er nur auf die Areva-Pressestelle. Die IG Metall orakelt aber schon, Offenbach sei am stärksten gefährdet. Doch für Marita Weber, die als Erste Bevollmächtigte die Geschäfte der IGMetall in Offenbach führt, steht diese Möglichkeit gleichzeitig im Widerspruch zu den Interessen des Konzerns. Wenn Areva einen namhaften Teil der Arbeitsplätze an der Kaiserleistraße abbaute oder den Standort ganz schlösse, gingen in der Folge jene Kompetenzen im Kraftwerksbau verloren, die das Unternehmen für das im Ausland gewünschte Wachstum nötig habe. Dass eine stattliche Zahl von Mitarbeitern ein mögliches Angebot zum Wechsel an den Hauptstandort Erlangen annähme, zieht sie in Zweifel: „Offenbach ist von Erlangen weit weg.“ Schon eher würden Beschäftigte bei anderen Firmen in Rhein-Main anklopfen, meint die Gewerkschaftssekretärin.

          An der Kaiserleistraße betreibt der Konzern seine zweitgrößte Niederlassung in Deutschland nach der in Erlangen. 700 Mitarbeiter, vor allem Ingenieure, beschäftigt Areva in Offenbach, hinzu kommen etwa 100 Lehrlinge und Studenten. Sie beschäftigen sich mit der Planung und dem Bau von Siedewasserreaktoren, der Elektro- und Leittechnik für Kernkraftwerke, dem Service und dem Vertrieb. Und zwar weltweit. Zuletzt waren Mitarbeiter international an Neubauprojekten in Finnland, Frankreich und China beteiligt.

          Ein Standort mit Tradition

          Areva sieht sich über seine Rolle als Arbeitgeber hinaus auch als bedeutender Wirtschaftsfaktor in Offenbach. 2013 habe das Unternehmen Aufträge im Wert von 8,5 Millionen Euro an ortsansässige Betriebe vergeben. Es fördere das Klingspormuseum und soziale Projekte wie die Offenbacher Tafel und die integrativen Werkstätten Hainbachtal, mit denen Areva seit Jahren zusammenarbeitet.

          Überhaupt verfügt der Standort über eine lange Tradition. Einst wurde er vom Konzern AEG, der Siedewasserreaktoren herstellte, betrieben und ging später auf die Kraftwerksunion über, die seit 1977 eine Tochtergesellschaft von Siemens war. Die Franzosen kamen erstmals in den neunziger Jahren ins Spiel, als der Areva-Vorläufer Framatome mit der Kraftwerkssparte von Siemens einen Druckwasserreaktor entwickelte. Weil Kernkraft schon seinerzeit in Deutschland umstritten und die Auftragslage schlecht war, verabschiedete Siemens sich vor gut zehn Jahren weitgehend aus dieser Technik, seit 2006 firmiert der Kernkraftwerksbauer als Areva.

          Welche drei Zweige Areva betrat

          In den Folgejahren wartete das Unternehmen zunächst durchaus auch mit erfreulichen Nachrichten auf. Im Sommer 2008 kündigte es den Aufbau von 400 zusätzlichen Arbeitsplätzen an und verwies zur Begründung auf den regen Kernkraftwerksbau im Ausland, der in Offenbach neue Stellen notwendig mache. Noch 2010 blickte die Geschäftsführung mit Zuversicht in die Zukunft. Doch die Reaktorkatastrophe von Fukushima in Japan im März 2011, dem der Ausstieg aus der Atomenergie in Deutschland und Hessen folgte, machte den Managern einen Strich durch die Rechnung. Im August 2012 meldete Areva dann den Abbau einer Anzahl von Stellen in Offenbach und Karlstein nahe Aschaffenburg. Keine zwei Jahre später folgte die Ankündigung, bis zu 1500 Arbeitsplätze in Deutschland wegfallen zu lassen – jeweils ohne betriebsbedingte Kündigungen. 150 davon entfielen auf den Standort an der Kaiserleistraße. Zu diesem Zeitpunkt waren in Offenbach noch etwa 800 Mitarbeiter für das Unternehmen tätig, 100 weniger als zwei Jahre zuvor.

          Obwohl sich der 2014 angekündigte Abbau noch hinzieht, wird Areva nachlegen. Der Sprecher gibt als Grund an, dass das seinerzeit auf den Weg gebrachte Drei-Säulen-Modell nicht für das erhoffte Wachstum gesorgt habe. Erstens wolle Areva mit Kraftwerken auf Auslandsmärkten wachsen, was auch ganz gut funktioniere, zweitens mit Erneuerbaren Energien und seinen Angeboten für den Rückbau, also den Abriss von Kernkraftwerken, an Aufträge kommen. Besonders die dritte Säule sei noch nicht so stark wie erhofft. Dass Areva etwa auch im stillgelegten Kernkraftwerk Biblis schon im Geschäft sei, ändere daran nichts. Vor diesem Hintergrund gebe es hierzulande eine absehbare „Auslastungslücke“ bis 2017.

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