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„Jahrhundertfund“ : Keltenfürstin mit Einfluss und Reichtum

Grabfund von der Heuneburg: Eine Beigabe des Kindes Bild: Wolfgang Eilmes

Die Keltenwelt am Glauberg zeigt eine Ausstellung über ein 2010 entdecktes Prunkgrab. In dem „Jahrhundertfund“ ist unter anderem kostbarer Schmuck enthalten.

          3 Min.

          Im Museum der Keltenwelt am Glauberg steht derzeit nicht allein die Statue des Keltenfürsten mit deren Grabbeigaben im Mittelpunkt. Der Fokus richtet sich zugleich auf eine herausragende weibliche Persönlichkeit aus dieser mehr als zwei Jahrtausende zurückliegenden Epoche. Eine Ausstellung befasst sich mit der Keltenfürstin von Heuneburg und den Schätzen aus ihrem Prunkgrab, die unweit der Donau zu Beginn dieses Jahrzehnts entdeckt wurden. Es ist das erste Mal, dass die vom Landesamt für Denkmalpflege in Stuttgart in Kooperation mit der Keltenwelt am Glauberg konzipierte Schau außerhalb Baden-Württembergs zu sehen ist.

          Wolfram Ahlers
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für Mittelhessen und die Wetterau.

          Rund anderthalb Jahrzehnte nachdem die spektakulären Funde vom Glauberg im In- und Ausland für Aufsehen gesorgt hatten, machten Archäologen auf einem Hügel im Kreis Sigmaringen eine weitere spektakuläre Entdeckung aus der Keltenzeit. Sie stießen auf die Kammer eines Grabes mit edlen Schmuckstücken und einem erstaunlich gut erhaltenen Skelett. Das ließ sich mit modernen Analysemethoden als Leichnam einer Frau identifizieren. Die Ausstattung des Grabs legt nahe, dass es auch bei den Kelten Frauen gab, die es zu Einfluss und Reichtum in einer eher von Männern dominierten archaischen Gesellschaft gebracht hatten, wie die Leiterin der damaligen Grabung, Nicole Ebinger-Rist, erläutert.

          Ein „Jahrhundertfund“

          Wie die Auswertungen ergaben, war die später als Keltenfürstin von Heuneburg bezeichnete Frau 30 bis 40 Jahre alt geworden. Der Grabhügel hielt eine weitere Überraschung parat: Es fanden sich die sterblichen Überreste eines zwei bis vier Jahre alten Mädchens und einer zweiten Frau. Die Archäologen vermuten, dass es sich bei dem Kind um die Tochter der Fürstin gehandelt haben könnte, denn auch bei ihm fanden sich aufwendig gearbeitete Schmuckstücke. Was die andere Frau betrifft, deren Alter mit 20 bis 30 Jahren ermittelt wurde, könnte es sich den Erkenntnissen zufolge um eine Art Dienerin gehandelt haben. Darauf lassen die eher bescheidenen Grabbeigaben schließen.

          Glänzend und wertvoll: Goldschmuck aus dem Prunkgrab Bilderstrecke
          Keltenfürstin von Heuneburg : Goldfunde aus dem Punkgrab

          Die auf einem Plateau oberhalb der Donau gelegene Heuneburg zählt zu den ältesten nachgewiesenen frühstädtischen Siedlungen nördlich der Alpen. Rekonstruktionen zufolge lebten dort bis zu 5000 Menschen. Seit den fünfziger Jahren erforschen Archäologen das Areal und stießen auf so viele Relikte, dass kaum Zweifel daran besteht, dass sich dort vor etwa zweieinhalb Jahrtausenden ein bedeutendes Siedlungs-, Wirtschafts- und Machtzentrum der Eisenzeit befand. Ähnlich wie am Herrschersitz Glauberg führte die akribische Suche schließlich auf der Heuneburg zu einem „Jahrhundertfund“.

          Ein authentischer Eindruck

          Nicht minder spektakulär gestaltete sich die Bergung des Schatzes. Das Grab, das erstaunlicherweise nie von Räubern entdeckt worden war, wurde mit schwerem Gerät als Erdblock von rund 80 Tonnen Gewicht geborgen und in die Restaurierungswerkstatt der Landesdenkmalpflege in Stuttgart gebracht. Dort machte sich ein Team von Spezialisten verschiedener Fachgebiete daran, das Grab Zentimeter für Zentimeter freizulegen und die Funde nach aktuellen wissenschaftlichen Methoden wie Isotopenanalyse, Entschlüsselung von DNA-Sequenzen, Laser-Scanning und Computertomographie unter die Lupe zu nehmen. Davon berichtet die Ausstellung.

          Besonderen Raum nimmt der Schmuck aus den Gräbern ein. Die Originale gehen zwar nicht auf Reisen, im Museum der Keltenwelt sind jedoch Repliken zu sehen, die in Form, Gestaltung und Materialzusammensetzung bis ins Kleinste den frühgeschichtlichen Preziosen gleichen und so einen authentischen Eindruck vom handwerklichen Können einer längst vergangenen Epoche vermitteln. Gefertigt hat sie der Schweizer Goldschmied und Experimentalarchäologe Markus Binggeli. Um die zum Teil nur einige Millimeter kleinen Verzierungen von goldenen Ohrringen und Kugeln, filigran gefertigten Perlen und Bronzeplatten nacharbeiten zu können, bedurfte es weit mehr als großer Fingerfertigkeit. In jahrelanger Arbeit hat er die Originale unter der Lupe vermessen, Fotos von jedem Detail gemacht, mit einer Präzisionswaage das Gewicht der einzelnen Stücke ermittelt, Legierungen bestimmt, Skizzen gefertigt und wieder und wieder mit den Originalen verglichen.

          Gefertigt wurde der Schmuck vermutlich auf der Heuneburg, wobei es bis heute Rätsel aufgibt, wie es möglich war, mit den Werkzeugen jener Zeit so filigran gestaltetes Kunsthandwerk anzufertigen. Stil und Technik geben Hinweise, dass die Kelten weit reichende Beziehungen unterhielten, was nicht zuletzt der Vielfalt von Kunst und Kunsthandwerk zugutekam. So weist beispielsweise ein Unikat aus dem Grabfund, ein Pferdegeschirr mit aufwendig verzierter Bronzemaske, Parallelen zu Funden in Süditalien und am Rande der Ägäis auf. Form und Verzierungen von Goldbeigaben ähneln Schmuckstücken, wie sie in Mittelitalien gefertigt wurden. Und Bernsteinschmuck war zu jener Zeit besonders in Oberitalien und im heutigen Slowenien in Mode.

          Museum der Keltenwelt

          Zu sehen ist die Ausstellung bis 13. Oktober. Das Museum der Keltenwelt am Glauberg, Am Glauberg 1, 63695 Glauburg, öffnet dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr. Weitere Infos gibt es online hier.

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