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Kindertagesstätte Mainz : Suggestive Fragen und falsche Schlüsse

Anschuldigungen widerlegt: Nach dem Vorwurf der sexuellen Übergriffe musste diese Kita in Mainz quasi über Nacht schließen. Nun gibt es Wiedereröffnungspläne für Oktober. Bild: dpa

Vor einem Jahr wurden die Vorwürfe der sexuellen Übergriffe in der Kita „Maria Königin“ in Mainz laut. Auch wenn es dort öfter etwas chaotischer zugegangen sein soll - sie bestätigten sich nicht.

          Die alleinerziehende Mutter zweier Söhne, die den Stein vor gut einem Jahr ins Rollen gebracht hat, soll längst in einem anderen Bundesland leben. Ihre Anschuldigungen, die durch Aussagen weiterer Eltern gestützt schienen, mit denen sie offenbar vor allem im Internet kommunizierte, hatten dazu geführt, dass die katholische Kindertagesstätte „Maria Königin“ im Mainzer Stadtteil Weisenau vom Bistum quasi über Nacht geschlossen worden war. Alle sieben Erzieher wurden fristlos entlassen.

          Markus Schug

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Mainz und für den Kreis Groß-Gerau.

          Dieses rigide Vorgehen sollte später vor dem Arbeitsgericht keinen Bestand haben. Über Wochen hinweg, so lauteten die im Juni 2015 öffentlich gewordenen Vorwürfe, habe es in der Einrichtung „massive sexuelle und gewalttätige Übergriffe“ gegeben, an denen fast alle 55 Kinder wechselweise „als Opfer oder Täter“ beteiligt gewesen seien. Gestern hat die Staatsanwaltschaft Mainz, am Ende nicht mehr überraschend, das aufwendige Ermittlungsverfahren gegen die früheren Kita-Beschäftigten eingestellt: Es gebe „keine Beweise für eine Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht, für Körperverletzungsdelikte, sei es durch aktives Handeln oder Unterlassung, noch für sonstige Straftaten durch die Erzieher“.

          Keine grobe Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht

          Ausgangspunkt für die Untersuchungen mit 91 Vernehmungen, darunter 33 Videoanhörungen von Kindern, war eine Strafanzeige des Bischöflichen Ordinariats, die wiederum auf den Aussagen von Eltern basierte. Demnach sei es zwischen den Kindern im Alter von drei bis sechs Jahren „über Monate hinweg zu gravierenden sexuellen Übergriffen sowie herabwürdigendem und gewalttätigem Verhalten“ gekommen. Die Rede war vom Urinieren in die Spielecke und davon, dass Kindern Gegenstände in den Anus eingeführt worden seien; andere seien erpresst worden, bestimmte Spielzeuge mitzubringen, oder auch mehrfach auf die Genitalien geschlagen worden.

          Für all das gibt es nach den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft keine Beweise. „Vielmehr ist davon auszugehen, dass die erhobenen Vorwürfe letztlich auf unbewusst suggestiv beeinflussten Befragungen von Kindern durch ihre Eltern und dem interpretierenden Austausch von dabei gewonnenen Informationen zwischen Eltern beruhen“, lautete Begründung dafür, warum das Verfahren eingestellt wurde.

          Neben alterstypischen kindlichen Verhaltensweisen, wie freiwilliges Entblößen oder einem anderen die Hose herunterzuziehen, habe es zwar auch Fehlverhalten von Kindern in der Betreuungseinrichtung gegeben: zum Beispiel Schubsen und Schlagen sowie das unerlaubte Wegnehmen von Süßigkeiten und Spielzeug. Die Pädagogen seien bei handgreiflich ausgetragenen Streitigkeiten aber durchaus schützend eingeschritten, so dass man nicht von einer groben Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht sprechen könne.

          Wiedereröffnung der Kita im Oktober

          Allerdings soll es in dem zur katholischen Kirchengemeinde „Mariä Himmelfahrt“ gehörenden Kindergarten nach Aussagen erwachsener Zeugen oftmals „lauter und chaotischer“ zugegangen sein als in vergleichbaren Häusern. Zudem wurde laut Staatsanwaltschaft „nachvollziehbar von einem ,weniger liebevollen Umgang‘ und dem Eindruck einer zunehmender Überforderung der Erzieher berichtet“. Für die von Eltern geäußerten Vermutungen, wonach das Verhalten einzelner Kinder womöglich als Indiz für einen sexuellen Missbrauch in deren Familie oder im Bekanntenkreis zu werten sei, ergaben sich bei den Ermittlungen keine Belege.

          Zuletzt hat sich gestern auch das Bistum „erleichtert“ darüber gezeigt, „dass sich die schlimmsten Vorwürfe nicht bestätigt haben, und sich bei der Betreuung der Kinder in unserer Einrichtung niemand strafbar gemacht hat“. Man blicke zuversichtlich auf die Wiedereröffnung der Kindertagesstätte im Oktober – mit neuem Personal und neuem Konzept.

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