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Kinder in der Pandemie : Keine Impfung an Schulen

  • -Aktualisiert am

Testen und Maske tragen hilft – ob alle Schüler auch geimpft werden sollten, ist umstritten. Bild: dpa

Die Corona-Regeln für den Unterricht bleiben vorerst unverändert. Kinder- und Hausärzte sollen gemeinsam mit Familien über die Impfung entscheiden. Mediziner empfehlen, Risiken und Nutzen genau abzuwägen.

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          Ob nach den Sommerferien für dann geimpfte Kinder und Jugendliche die Regeln zum Schutz vor einer Corona-Infektion gelockert werden können, darüber will das hessische Kultusministerium später entscheiden. Ein Ministeriumssprecher sagte der F.A.Z. auf Anfrage, nach welchen Hygieneregeln der Unterricht dann ablaufe, bedürfe weiterer Erfahrungswerte. Das Infektionsgeschehen bis dahin, mögliche weitere allgemeine Öffnungsschritte, der Stand der Impfkampagne – dies alles seien Kriterien, die es zu berücksichtigen gelte. Das gelte auch für die Maskenpflicht.

          Helmut Schwan
          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Ein weiterer Grund, weshalb das Ministerium sich derzeit noch nicht festlegen will, ist die Möglichkeit, dass sich über den Sommer in Hessen Mutanten des Virus ausbreiten. Die derzeit dominierende britische Variante hatte sich gerade unter Kindern und Jugendlichen stark verbreitet. Inzwischen sind auch in Hessen erste Fälle der indischen Variante aufgetreten, die als noch aggressiver gilt.

          Entscheidung mit Eltern treffen

          Wie berichtet, war auf dem „Impfgipfel“ von Kanzlerin und Ministerpräsidenten am Donnerstag beschlossen worden, nach der Aufhebung der Priorisierungslisten bei den Hausärzten auch den Zwölf- bis Sechzehnjährigen die Möglichkeit zu geben, sich immunisieren zu lassen.

          Die Entscheidung sollten sie selbst gemeinsam mit ihren Eltern treffen, bekräftigte der Ministeriumssprecher. Nach der Konferenz mit der Kanzlerin hatte Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) eine Impfpflicht an Schulen kategorisch ausgeschlossen.

          Er verwies auf den Vorsitzenden der Ständigen Impfkommission und dessen Erklärung, nach der weder der Schulbesuch noch eine Urlaubsreise bei Jugendlichen davon abhingen, ob sie geimpft seien. Der Schutz an den Schulen vor Infektionen wirke vor allem aufgrund der regelmäßigen Testungen, fügte Bouffier an.

          Derzeit ist es unwahrscheinlich, dass an Hessens Schulen Impfkampagnen organisiert werden. Das würde dem Gedanken widersprechen, das Für und Wider in aller Ruhe mit dem jeweiligen Arzt des Vertrauens abzuwägen, hieß es.

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          Aus Sicht des Frankfurter Kinderarztes Burkhard Voigt müssen Risiko und Nutzen einer Impfung von Kindern und Jugendlichen gegen das Coronavirus genau abgewogen werden. Dies könne sich je nach Fall und Situation verschieben. Das Risiko der Impfung bei Kindern sei gering, aber Heranwachsende hätten eine „starke genetische Aktivität“. Die Langzeitwirkungen bei ihnen seien eben noch nicht gut genug erforscht, die bisherigen Studien zu klein.

          Deshalb ist Voigt, stellvertretender Vorsitzender des Landesverbands seines Berufsstandes, für Beratung und Verabreichung in den Praxen und gegen Impfaktionen an den Schulen. Im Gespräch mit der F.A.Z. wies er am Freitag darauf hin, dass für eine Zulassung Behörden „nur die Wirksamkeit, nicht aber die Sinnhaftigkeit“ prüften.

          Am Freitagnachmittag ließ die EU-Arzneimittelbehörde EMA den Wirkstoff von Biontech/Pfizer wie erwartet für Kinder und Jugendliche von zwölf Jahren an zu. „Wenn Kinder kein Risiko durch die Erkrankung haben – und das haben sie in den allermeisten Fällen nicht – dann gibt es auch keinen Grund sie zu impfen.“

          Sinnvoll bei chronischen Erkrankungen

          Allerdings könne dies sinnvoll sein, wenn sie chronisch erkrankt seien, meint Voigt. Auch beispielsweise für einen Zwölfjährigen, der an einer Depression leide und niemanden mehr sehen wolle, sei dies zu erwägen, um ihm zu ermöglichen, wieder stärker am Leben teil zu haben. Wenn Jugendliche etwa aus „gesellschaftlicher Verantwortung“ geimpft werden wollen, „dann würde ich das mit ihnen zumindest besprechen“, sagte Voigt, der stets die Eltern hinzu ziehen will.

          In die Empfehlung der Ständigen Impfkommission setzt der Kinderarzt große Hoffnungen, er erwartet ein „möglichst klares Statement“ und eine genaue Definition, welche Kinder als Risikopatienten gelten und daher geimpft werden müssten.

          Voigt verweist darauf, dass die Notwendigkeit, Kinder und Jugendliche gegen Masern zu impfen, weitaus größer sei. Bei Masern liege der R-Wert, das heißt die Zahl derer, die durchschnittlich durch einen Infizierten angesteckt würden, deutlich höher als bei Covid-19. Statistisch sterbe jedes tausendste infizierte Kind an Masern, jedoch kaum eines an Covid-19.

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