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Großer Feldberg : Ruhiger, aber nicht ruhig genug

Bitte rechts heranfahren: Die Polizei kontrolliert während der Saison regelmäßig Biker auf der Straße zum Großen Feldberg. Bild: Maximilian von Lachner

Eine Entscheidung über dauerhafte Streckensperrungen für Motorräder am Großen Feldberg steht aus. Anwohner fordern schon lange ein Ende des Motorenlärms.

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          Jetzt ist sie doch einer Renovierung zum Opfer gefallen. Jahrelang hing im Büro von Marcus Kinkel eine silbrig glänzende Auszeichnung, mit der es die Gemeinde Schmitten vor zehn Jahren bis in eine internationale Fachzeitschrift geschafft hatte. Der Grund dafür vermiest nur noch solchen Motorradfahrern die Laune, die zum ersten Mal über den Sandplacken kommen und am Ortsteil Arnoldshain vorbeirollen. Die anderen wissen längst, dass sie sich an dieser Stelle besser an das Limit von Tempo 60 halten. Andernfalls blitzt es von allen Seiten, so dass außer dem Nummernschild hinten auch der Fahrer von vorne identifiziert werden kann. Das System war in dieser Form deutschlandweit neu.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          Der Innovationspreis kam damals zwar vom Hersteller selbst für die Nutzung seiner Produkte. Für den inzwischen parteilosen Bürgermeister, dessen dritte und letzte Amtszeit im Februar endet, ist er aber ein Beispiel für die Bemühungen zur Verringerung des Motorradlärms. „Wir haben durchaus etwas erreicht“, sagte Kinkel jetzt und zog zusammen mit dem Vorsitzenden der Feldberginitiative, Olaf Gierke, Bilanz. Die 2008 gegründete und als Verein organisierte Initiative mit einem hohen Anteil an Juristen im Vorstand setzt sich für die Verkehrsberuhigung rund um den Großen Feldberg ein, klagt aber auch gegen Windparks. „Als Erstes haben wir eine Unterschriftenaktion gestartet, um Herrn Kinkel zu nerven“, sagte Gierke. Bald befassten sich beide gemeinsam mit dem Thema.

          An erster Stelle stand die Erkenntnis, dass die Gemeinde allein nichts erreichen kann, weil sie für die Landstraßen nicht zuständig ist. Seit 2009, als die Zahl der Motorradunfälle im Feldberggebiet einen Höchststand erreichte und zwei Menschen starben, sitzen alle Beteiligten regelmäßig an einem Runden Tisch zusammen: Kommunalpolitiker, Polizei und die Straßenverkehrsbehörden von Kreis und Land. Auch wenn die SPD Oberursel damals schon einen Antrag für ein Motorrad-Fahrverbot auf der Kanonenstraße zwischen Hohemark und Sandplacken formuliert hatte und ihn kurzfristig zurückzog, dauerte es zehn Jahre, bis es voriges Jahr tatsächlich zu einer Versuchssperrung der Feldbergzufahrten im Frühjahr und Herbst für jeweils zehn Tage kam.

          Parkplatzsperrung und Rüttelstreifen

          Dazwischen ist viel passiert. Vor und hinter der Großen Kurve sollen Rüttelstreifen den Verkehr bremsen, und ihren Beinamen „Applauskurve“ verlor die spitze Kehre, weil der dortige Parkplatz inzwischen für Biker gesperrt ist. Sie finden damit weniger Publikum für Schräglage mit funkenschlagenden Fußrasten. Bis die Schilder dauerhaft standen und nicht mehr ständig abgesägt wurden, war es ein längerer Kampf. Auch die ersten Tempo-80-Schilder der Stadt Oberursel entlang der Kanonenstraße waren sogleich schwarz übermalt. Die Stadt kontrolliert die Einhaltung regelmäßig, und auch die Polizei ist ständig präsent.

          Die „massiv verstärkten Polizeikontrollen“ seien deutlich zu spüren, sagte Kinkel. Dann blieben die Motorradfahrer aus, weil sich das über das Internet schnell herumspreche. Die Gemeinde habe ihren Teil beigetragen und die Radaranlagen durch mobile Messungen ergänzt. „Wir hatten zeitweise Einnahmen von 300.000 Euro im Jahr“, so der Bürgermeister. Die Feldberginitiative wiederum fuhr zweigleisig. 2014 hing sie provozierende Plakate rund um Schmitten auf, mit denen sie Lärmpausen forderte. „Zugleich haben wir uns nicht nur auf die Unfälle konzentriert, sondern das Thema Lärm in Zusammenhang mit der Einstufung Schmittens als Luftkurort und Erholungsort gebracht“, sagte Gierke.

          Lärm messen, nicht berechnen

          Die üblichen Bewertungen dessen, was zumutbar ist, greifen aus Sicht der Initiative nicht. „Lärm wird immer berechnet, nicht gemessen“, sagte Gierke. „Im Durchschnitt ist es hier sehr ruhig.“ Gerade deshalb fielen die einzelnen, hochdrehenden Motorräder besonders auf. „Das kommt kurz und überraschend und ist extrem laut.“ Das bestätigte ein von der Gemeinde beauftragter Lärmgutachter. „Diese Daten werden wir mit den Ergebnissen der Versuchssperrung zusammenführen“, sagte Kinkel. Deren Auswertung steht noch bevor.

          Der Erste Kreisbeigeordnete Thorsten Schorr (CDU) hatte im Kreistag angekündigt, dafür ein externes Büro hinzuzuziehen. Für ein „objektives Gesamtbild“ auf einem „verminten Gebiet“. Der Vorsitzende der Feldberginitiative nennt zwar die Wirkung des Tempolimits gut, und die Kontrollen hätten eine präventive Wirkung. „Aber ich glaube nicht, dass es ohne eine temporäre Sperrung geht“, sagte Gierke.

          Es sei in den vergangenen zwei Jahren ruhiger geworden, bestätigte Kinkel. „Vermutlich auch wegen der drohenden Sperrung sind die Motorradfahrer vorsichtiger geworden.“ In der Abwägung hält der Bürgermeister ein Fahrverbot an einigen Sommerwochenenden für gerechtfertigt. „Zum Beispiel an jedem zweiten, dann sind wir abzüglich von Regentagen bei zehn Wochenenden.“ Dass damit viele für das Fehlverhalten einiger weniger büßen müssten, kennt der Eintracht-Fan von seiner eigenen Leidenschaft. „Wir durften auch nicht zu Auslandsspielen, weil sich einige wenige danebenbenommen haben.“

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