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Kein Weihnachtsmarkt : Kein Stress, kein Zauber, keine Einnahmen

Ein Advent ohne Arbeit: Thomas Roie und sein Kettenkarussell haben seit 40 Jahren die Weihnachtszeit auf dem Römerberg verbracht. Bild: Hannah Aders

In normalen Jahren würde Thomas Roie derzeit Tag für Tag von morgens acht bis Mitternacht auf dem Weihnachtsmarkt arbeiten. Coronabedingt treiben den Schausteller Sorgen um.

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          Wo Thomas Roie jetzt steht, auf dem Frankfurter Römerberg, an der Ecke vor den Wirtshäusern „Standesämtche“ und „Schwarzer Stern“, da sollte er gar nicht stehen können. Denn an diesem Punkt, einen halben Meter neben einer in den Boden eingelassenen Metallplatte, die an das Fundament eines staufischen Wehrturms aus dem 13. Jahrhundert erinnert, befindet sich in der Adventszeit seit drei Jahrzehnten der Mittelpunkt seines Kettenkarussells. Rund um dieses Zentrum würde sich ohne Corona alles drehen, drei bis vier Meter in der Luft würden die an Ketten befestigten Sitze fliegen, mit vor Freude kreischenden Kindern und dem ein oder anderen Erwachsenen.

          Daniel Meuren

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nun aber steht Roie auf einem leeren Platz. Bis auf „Bertl“, den nach dem Transport aus Österreich ziemlich gerupften Frankfurter Weihnachtsbaum, der gerade mit Schleifen und Lichterketten geschmückt wird, ist nichts so, wie es sein sollte. „Der etwas trostlose Weihnachtsbaum steht schon sehr sinnbildlich für dieses Jahr“, sagt Roie. Der Weihnachtsmarkt rund um den 21 Meter hohen Tannenbaum ist wegen der Corona-Pandemie abgesagt. „Seit 40 Jahren habe ich jedes Jahr die Adventszeit hier verbracht. Das ist ein sehr deprimierendes Gefühl.“

          Für den 55 Jahre alten Schausteller geht es nicht allein um die wirtschaftlichen Folgen eines Advents ohne Trubel. Nach einem Jahr nahezu ohne Einnahmen lagen die Hoffnungen der gesamten Schaustellerbranche auf den Erlösen aus dem Weihnachtsmarkt, der sonst ein Drittel des Jahreseinkommens sichert. Roie hat aber auch die Kinder im Sinn, denen der alljährliche Weihnachtsspaß verwehrt bleibt. „Unsere Aufgabe ist es schließlich, gerade sie zu verzaubern“, sagt er.

          Lange Familientradition

          In diesem Jahr bleibt die Magie aus, statt des Zaubers und des Glühweinduftes liegt Corona-Tristesse in der Luft. Roie und seine Kollegen plagen zudem massive Sorgen um die Zukunft. Noch ungewisser als ein möglicher Neustart mit Volksfesten irgendwann nach dem Winter ist für Roie, wann sich die Menschen wieder in den Massen auf solche Ereignisse trauen, die für die Schausteller die notwendige Geschäftsgrundlage sind. „Volksfeste und besonders ein Weihnachtsmarkt leben ja von ihrer besonderen Stimmung und davon, dass Nähe entsteht“, sagt Roie.

          Rund 5000 Schausteller gibt es in Deutschland, die meist in langer Familientradition ihre Unternehmen führen und auch Volksfeste am Leben halten. Noch habe es im Rhein-Main-Gebiet keine Insolvenzen gegeben, sagt Roie. Im Frühjahr aber sei eine Welle von Betriebsaufgaben zu befürchten: wenn die Folgen des Jahres 2020 voll zum Tragen kämen und zusätzlich für Fahrgeschäfte die Kosten für Wartungsarbeiten oder TÜV-Zulassung drohten. „Wer in der Krise wegbricht, der wird nicht ersetzt werden“, sagt Roie. „Schausteller ist kein Ausbildungsberuf, das wird in den Familien weitergegeben. Wenn die Politik unsere Branche also jetzt nicht rettet, dann stirbt sie aus. Wir hoffen, dass in Berlin weiter richtig entschieden wird und dass man uns dabei nicht vergisst.“

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