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Kommentar zu „Thälmann-Weg“ : Kein guter Namenspatron

Gedenken: In Leipzig erinnert diese Tafel an Ernst Thälmann - in Rödermark wird nun ein Weg macht dem Kommunisten und NS-Opfer benannt Bild: dpa

In Rödermark gab es bis 1977 eine Thälmann-Straße - fortan wird dort nach dem früheren Vorsitzenden der KPD ein Weg benannt. Dass es an dem Weg keine Anlieger gibt, macht den Beschluss nicht besser.

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          Auf diesen Beschluss hat die Welt gewartet. CDU und AL/Grüne in Rödermark haben sich dazu durchgerungen, einen Weg nach Ernst Thälmann zu benennen und den früheren Vorsitzenden der KPD damit ins Bewusstsein der Bürger zurückzurufen. Zur Begründung wird angeführt, es gehe nicht um eine Würdigung von Thälmanns politischer Tätigkeit, sondern um das Gedenken an ein Opfer des Nationalsozialismus. Thälmann wurde nach elfjähriger Einzelhaft auf Befehl Hitlers 1944 ermordet.

          An die Opfer des Nationalsozialismus zu erinnern ist aller Anstrengungen wert. Doch wer eine bestimmte Person hervorhebt, sollte sich genau anschauen, um wen es sich dabei handelt. Denn wenn eine Kommune eine Straße oder einen Weg nach einem bestimmten Opfer benennt, geht das Gedenken mit der Ehrung der betreffenden Person einher. Das gilt für die Geschwister Scholl ebenso wie für Erich Klausener, deren Namen Straßen in Rödermark aus gutem Grund tragen. Im Fall von Ernst Thälmann sind allerdings große Zweifel angebracht, ob er - wenngleich Opfer der NS-Gewaltherrschaft - als Namenspatron in einem demokratischen Staat geeignet ist.

          Kein einschneidender Verlust

          Mit der von ihm geführten KPD habe sich Thälmann nach Kräften bemüht, die Weimarer Republik zu zerstören und an ihrer Stelle eine kommunistische Diktatur nach sowjetischem Vorbild zu errichten, schrieb etwa Klaus Schroeder, der Wissenschaftliche Leiter des Forschungsverbunds SED-Staat an der Freien Universität Berlin, 2012 in einem Beitrag für den Berliner „Tagesspiegel“. Schroeder kam zu dem Schluss, wer sich den Werten dieser Demokratie verpflichtet fühle, könne nur fordern, Thälmanns Namen aus dem Straßenbild deutscher Städte und Gemeinden zu tilgen.

          Nach dem Krieg gab es mehr als drei Jahrzehnte - bis 1977 - eine Thälmann-Straße in Urberach. Seither vergingen 37 Jahre, ohne dass sich ihr Wegfall als einschneidender Verlust für die Identität der Stadt Rödermark erwiesen hätte. Eine schlüssige Antwort auf die Frage, warum die dringende Notwendigkeit besteht, ein Vierteljahrhundert nach der friedlichen Revolution in der DDR und dem Ende des dortigen Unrechtsstaats an einen Politiker zu erinnern, der nicht ohne Grund zu den Galionsfiguren des SED-Regimes gehörte, sind die Befürworter der Straßenbenennung am Dienstagabend schuldig geblieben. Dass es an der für den „Thälmann-Weg“ ausgewählten Strecke keine Anlieger gibt, macht den Beschluss nicht besser.

          Eberhard Schwarz

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Kreis Offenbach.

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