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Keime im Fleisch : Ikea stoppt Verkauf von Wilke-Wurst

  • Aktualisiert am

Tödliche Keime in Fleischprodukten: Großer Rückruf der Produkte von Wilke. Bild: EPA

Verunreinigtes Fleisch steht in Verbindung mit zwei Toten in Hessen. Ein Ernährungswissenschaftler warnt im Skandal um Wursthersteller Wilke davor, „paranoid“ zu werden. Immer mehr Unternehmen nehmen Produkte aus dem Sortiment.

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          Auch der Möbelkonzern Ikea ist mit Produkten des nordhessischen Wurstherstellers Wilke beliefert worden, der wegen keimbelasteter Waren in die Schlagzeilen geraten ist. Über einen Großhändler habe Ikea Deutschland Wurst-Aufschnitt für Kunden- und Mitarbeiterrestaurants von diesem Hersteller erhalten, sagte eine Sprecherin des Möbelkonzerns am Montag. Sie bestätigte damit entsprechende Angaben der Verbraucherorganisation Foodwatch.

          Ikea war am Mittwoch durch den Großhändler über die Schließung von Wilke informiert worden und habe „den Verkauf aller Produkte des Herstellers umgehend gestoppt“, sagte die Sprecherin. Nicht betroffen sei das übrige Fleisch- und Wurstwaren-Sortiment aus Restaurant, Schwedenshop und Bistro. Mittlerweile gebe es einen neuen Lieferanten für Aufschnitt.

          In Produkten der Waldecker Fleisch- und Wurstwaren GmbH in Twistetal-Berndorf sind Ende September Keime gefunden worden, die besonders für Menschen mit einem geschwächten Immunsystem lebensgefährlich sein können: Zwei Menschen starben nach dem Verzehr von Produkten, die vermutlich mit Listerien verunreinigt waren. Das Unternehmen wurde am Dienstag geschlossen.

          Die Firma Wilke, 200 Mitarbeiter, standorttreu seit 1936, wurde Anfang Oktober von der Aufsichtsbehörde, dem Landkreis Waldeck-Frankenberg, geschlossen. Seit Freitag liegt ein Antrag auf Insolvenzprüfung beim Amtsgericht Korbach vor. Außerdem ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung. Gestorben waren zwei ältere Menschen aus Südhessen; das Robert-Koch-Institut hat die Fälle untersucht und sie in Zusammenhang mit dem Verzehr von Wurstwaren des Unternehmens gebracht. Außerdem besteht laut einem Sprecher des Landkreises bei 37 Krankheitsfällen der Verdacht, dass es einen Zusammenhang zwischen den Beschwerden und dem Verzehr von Wilke-Produkten gibt.

          Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts schwankt die Zahl der meldepflichtigen Listeriose-Infektionen, ausgelöst durch Listerien, in Deutschland zwischen 300 und 600 Fällen im Jahr. Sieben Prozent der Erkrankten sterben.

          Weltweiter Rückruf

          Ein weltweiter Rückruf von Wilke-Produkten gilt seit dem 2. Oktober. Inzwischen wird die Kritik am Krisenmanagement des Landkreises Waldeck-Frankenberg und des Regierungspräsidiums Kassel laut. Die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch wirft den Behörden und der Firma Wilke schwere Versäumnisse vor. Verbraucher und Großhändler seien nicht umfassend informiert worden. Gestern forderte Foodwatch, die Behörden müsse die Liste aller belieferten Betriebe veröffentlichen, ansonsten werde man die Gerichte einschalten.

          Nach Angaben des Kreises hat Wilke mittlerweile einer Schnellwarnstelle beim Regierungspräsidium Darmstadt diese Liste zur Verfügung gestellt. Die Warnstelle habe diese europaweit an alle Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsbehörden verteilt. Trotzdem haben in einer Kölner Rehaklinik auch nach dem Rückruf Patienten noch Wilke-Wurstwaren serviert bekommen. Wegen des Feiertags seien nicht alle Großhändler rechtzeitig informiert worden, teilte die Stadt Köln mit.

          Die Kaufland-Kette gab an, Produkte des hessischen Unternehmens in Filialen in Schwalmstadt, Korbach und Biedenkopf im Verkauf gehabt zu haben. Auch der Großhändler Metro hat sämtliche Ware des Herstellers aus dem Sortiment genommen – darunter auch Produkte der Metro-Eigenmarke Aro. Lidl, Aldi, Rewe und Penny teilten mit, nie von Wilke beliefert worden zu sein.

          Marc Birringer, der angewandte Biochemie für Ernährung und Umwelt an der Hochschule Fulda lehrt, glaubt trotz des jüngsten Lebensmittelskandals nicht daran, dass das Vertrauen der Käufer in die Lebensmittelindustrie erschüttert werden kann. „Die Verbraucher sind abgestumpft“, sagt der Professor.

          Vielen sei bewusst, dass sie schon längst nicht mehr verstehen könnten, woher all die Ware stamme, die täglich im Einkaufswagen lande. Die Scheibe Salami auf der Pizza, das Ei für die Mayo aus der Tube, „das bis ins kleinste Detail nachzuvollziehen, ist unheimlich aufwendig und erfordert die Umstellung des kompletten Lebensstils“. Und dazu seien, zumindest in absoluter Konsequenz, nur die wenigsten bereit. Er selbst übrigens auch nicht, sagt Birringer.

          Wer nicht direkt als Selbstversorger lebe, müsse mit Vorschuss-Vertrauen in die Lebensmittelindustrie zahlen. Diese sei, zumindest im weltweiten Vergleich, gut überwacht. Der Ernährungswissenschaftler warnt davor, „paranoid“ zu werden, und hebt hervor: „Wir haben eines der besten Lebensmittelsicherheitssysteme. Wenn so ein Skandal an die Öffentlichkeit kommt, ist es ein gutes Zeichen, dass das System funktioniert.“

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