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Jesuitenpater Wucherpfennig : Kirche sollte „alle 50 Jahre kräftig durchlüften“

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Ansgar Wucherpfennig, Rektor der der Philosophisch-Theologischen Hochschule Frankfurt-St. Georgen Bild: dpa

Mit Äußerungen zur Homosexualität hat ein katholischer Priester aus Frankfurt für viel Wirbel gesorgt. Letztlich durfte Ansgar Wucherpfennig Rektor der katholischen Hochschule Sankt Georgen bleiben - und zeigt sich weiter mutig.

          Ein Interview hätte ihn 2018 fast den Job gekostet. Trotzdem spricht der Frankfurter Pater Ansgar Wucherpfennig weiter mit Journalisten - und ist kein bisschen leiser geworden. Der Rüffel aus Rom hat ihn in seiner Haltung eher bestärkt. Sexualmoral, Frauen in der Kirche, Ökumene, kirchliche Machtstrukturen - in all diesen Fragen muss die katholische Kirche sich weiterentwickeln, sagt er: „Wir sind in einer Wendezeit: Eine Zeit, in der man im Rückblick merkt, dass es so jetzt nicht mehr weitergehen kann, ein Point of no Return.“

          Der Mann, der 2018 wider Willen zum Sprachrohr einer liberalen Reformbewegung wurde, hält sich selbst gar nicht für besonders progressiv. „Ich sehe mich eher als konservativ“, sagt der Jesuit, aber genau das sei der Punkt: „Auch in konservativen Milieus ist nicht mehr verstehbar, warum sich die Kirche in den angesprochenen Punkten nicht weiter auf die Gesellschaft zubewegt.“

          Als an der katholischen Hochschule Sankt Georgen das Wintersemester begann, war nicht klar, ob Wucherpfennig Rektor bleiben kann: Der Vatikan hatte dem Theologen das „Nihil obstat“ verweigert, eine Art Unbedenklichkeitsbescheinigung für Lehrende. Jemand hatte der Glaubens- und der Bildungskongregation in Rom ein Interview zugespielt, in dem sich Wucherpfennig verständnisvoll über Homosexualität geäußert hat. Der Vatikan forderte einen Widerruf.

          „Ich kann jetzt noch mehr dazu stehen“

          Hat er darüber nachgedacht, sich von seinen Äußerungen zu distanzieren? „Zu keinem Augenblick. Nee, wirklich nicht. Ich werde nicht lügen, um mein Amt behalten - und eine Lüge wäre es gewesen.“ Der Brief aus Rom, die Unsicherheit, „das hat schon an mir gezehrt und gezerrt“, berichtet er. „Aber es war für mich auch ein wichtiger Prozess, mir klar zu werden: Stehe ich zu dem, was ich da geäußert habe?“ Die Antwort: „Ich kann jetzt noch mehr dazu stehen.“

          Wer in Rom welche Strippen zog und wieso der Vatikan am Ende doch einlenkte, weiß er bis heute nicht - es ist ihm auch egal, er will nach vorne schauen. Der Rüffel aus Rom hat ihn aber eher ermutigt als entmutigt. Er habe eine „wahnsinnige Welle von Solidarität“ erfahren. „Dieser Rückhalt hat mich gestärkt und ermuntert, auf diesem Weg weiterzugehen.“

          Was ihm missfällt, ist der Umgang der römischen Institutionen mit innerkirchlichen Kritikern: „Es ist schon eine grundsätzliche Schwierigkeit, dass Wahrheitsfragen in der Kirche oft über Machtfragen entschieden werden.“ Daher würde er sich wünschen, dass der Amtseid für Amtsträger und Lehrende abgeschafft wird. „Das fände ich außerordentlich sinnvoll. Einerseits weil Jesus gesagt hat, ihr sollt nicht schwören. Zum anderen weil, dadurch die Diskussion auf Themen gelenkt werden, die für den Glauben nicht zentral sind.“ Die Auferstehung Jesu etwa sei zentraler für den Glauben als Fragen der Zulassung zu kirchlichen Ämtern.

          „Starkes Tabu“ in der Kirche

          Leider sei Homosexualität in der katholischen Kirche „nach wie vor vor ein starkes Tabu, da darf man sich nicht darüber täuschen“, sagt Wucherpfennig. „Ein katholischer Reflex ist leicht und schell homophob.“ Wucherpfennig engagiert sich hingegen in einer Seelsorge-Initiative für gleichgeschlechtliche Paare. Er will damit „ein großes Willkommenssignal senden“, wie er sagt: „Es gibt Schwule und Lesben in der katholischen Kirche, die müssen sich auch nicht rechtfertigen, sondern sie sind volle und gleichberechtigte Mitglieder in der Kirche. Basta.“

          Nicht alle sehen das so. Kardinal Gerhard Ludwig Müller etwa bezichtigte Wucherpfennig offen der Ketzerei. „Die Position dieses Mannes zur Homosexualität widerspricht dem Wort Gottes“, sagte er in einem Interview, sie sei „als häretisch zu qualifizieren“, also ketzerisch. Wucherpfennig hat mit Kritik aus der konservativen Ecke „überhaupt keine Schwierigkeiten“, behauptet er. „Ich kann das sogar verstehen: Ich habe selbst einen langen Weg zurückgelegt bis zu den Standpunkten, an denen ich mich jetzt wiederfinde.“

          Vor rund 50 Jahren hat es in der katholischen Kirche eine andere „Wendezeit“ gegeben, erinnert sich Wucherpfennig: das Zweite Vatikanische Konzil. Die katholische Kirche öffnete sich für die Welt, ermöglichte den Dialog mit Andersgläubigen. In der nun anstehenden „Wendezeit“ müsse die Kirche sich erneut neu ausrichten, „damit sie sich nicht zu weit von den Glaubenden entfernt“. Alle 50 Jahre eine Revolution müsse es nicht gerade ein, „aber die Fenster aufreißen und durchlüften wäre doch ganz passend.“

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