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Kassel : Dynamisch wie keine zweite deutsche Großstadt

  • -Aktualisiert am

Geschmackssache: Die Kasseler Innenstadt. Bild: dpa

Nach Jahren des Umbruchs erntet Kassel die Früchte seiner auf die Ansiedlung neuer Unternehmen zielenden Politik. Eine Studie sieht die Stadt ganz vorne.

          3 Min.

          Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) hat Kassel im Dynamikranking der 50 größten deutschen Städte auf Platz eins gesetzt. In der nordhessischen Großstadt stiegen Einkommen, Steuerkraft und Beschäftigtenzahl überdurchschnittlich, während sich die Arbeitslosenquote von 2005 bis 2010 nahezu halbierte. So dynamisch wie Kassel entwickelte sich laut IW keine andere Kommune in Deutschland.

          Kassels Oberbürgermeister, Bertram Hilgen (SPD), wird es mit Freude vernommen haben, denn der Vergleich reicht in das Jahr zurück, in dem er zum ersten Mal ins Amt gewählt wurde. Aber er ist zurückhaltend genug, um keine unmittelbare Verbindung zwischen den beiden Daten herzustellen, zumal sie der Sache nicht gerecht würde. Denn Kassel hat sich mit der Deutschen Einheit den Strukturwandel verordnet und verfolgte ihn auch unter den Oberbürgermeistern Wolfram Bremeier (SPD) und Georg Lewandowski (CDU). Insofern hat Kämmerer Jürgen Barthel (SPD) allen Grund, von einem Erfolg zu sprechen, „da wir schon seit 15 oder 20Jahren daran arbeiten, vieles möglich zu machen in der Stadt“. Barthel, promovierter Ökonom sowie einstiger Mitarbeiter der Deutschen Bank und der SPD-Zentrale unter dem Parteivorsitzenden Hans Jochen Vogel, kam nach dem Mauerfall nach Kassel. Er ist seither für die Finanzen der Stadt verantwortlich, aber seit langem auch für das Soziale und periodisch für das Baudezernat.

          Gewerbesteuereinnahmen als Indikator des Strukturwandels

          Unternehmen erwirtschaften den Umsatz und Ertrag, von dem auch eine Kommune lebt. Aber die Kommune muss Rahmenbedingungen setzen. Das hat Kassel, etwa im Falle des Elektronikkonzerns SMA Technology AG, getan. SMA, eine der vielen Ausgründungen der Kasseler Universität, ist das erfolgreichste Unternehmen auf dem Weltmarkt für Wechselrichter, die unverzichtbar für Photovoltaikanlagen sind. In den vergangenen Jahren sind nahezu 5000 Arbeitsplätze allein in dem Unternehmen entstanden. Auf dem gesamten Feld der regenerativen Energie zählt die Region 13.000 Stellen. Die Marke von 20.000 dürfte vor 2020 erreicht sein. SMA zog einmal, weil es in Kassel an Gewerbeflächen fehlt, in den Vorort Niestetal. Kämmerer Barthel erinnert daran, wie die Stadt darum kämpfte, das Unternehmen zumindest mit einem Teil in Kassel anzusiedeln. Straßen und Buslinien wurden verlegt, Immobilien abgerissen, Bewohner umgesiedelt und die Planungen beschleunigt, um den Konzern mit einem Bein ins Stadtgebiet zu holen.

          SMA ist kein Einzelfall. Barthel verweist auf die Gewerbesteuereinnahmen als Indikator des Strukturwandels. Sie stiegen von 62Millionen Euro im Jahr 2001 auf 162Millionen 2010. Auch in diesem Jahr ist ein ähnliches Ergebnis nicht ausgeschlossen, aber Barthel rechnet vorsichtig nur mit 150 Millionen Euro.

          Rüstungsgüter und Lokomotiven

          Die 50 größten Gewerbesteuerzahler seien heute „komplett andere“ als vor zehn Jahren, sagt der Kämmerer. In Kassel haben Unternehmen wie K+S, Wintershall und Wingas ihren Sitz. Auch Krauss-Maffei Wegmann ist aufgrund der Besitzverhältnisse ein Kasseler Konzern. Die Wahl Münchens als Unternehmenssitz hatte offenkundig politische Gründe. In Kassel fertigen Rheinmetall und Bombardier Rüstungsgüter und Lokomotiven. Neben den Traditionsunternehmen kamen neue, wie SMA, hinzu. Die meisten sind sehr zurückgenommen und erarbeiten ihren Erfolg im Stillen.

          Doch der Vergleich der Gewerbesteuereinnahmen je Einwohner zeigt, wo sich Kassel in dieser Statistik positioniert hat. In Deutschland liegt die Kommune nach Angaben des Deutschen Städtetages von 2010 mit 883Euro je Einwohner auf Platz 13. Den Spitzenplatz in Deutschland hält Frankfurt mit 1950Euro je Einwohner. Es folgen Düsseldorf (1495) und Wolfsburg (1340). In Hessen liegt Marburg (990 Euro) auf Platz zwei und Hanau mit 919Euro auf Platz drei. Es folgen Kassel (883), Darmstadt (816) und Wiesbaden (739). Offenbach erreichte 2010 je Einwohner 400,11 Euro.

          Um die Gebiets- oder Regionalreform ist es ruhig geworden

          Freilich liest sich die Liste der absoluten Einnahmen anders. Wiesbaden kommt in der Summe mit gut 270.000 Einwohnern auf 205 Millionen Euro Gewerbesteuereinnahmen und Darmstadt auf 117 Millionen. Kassel hat mit knapp 200.000 Einwohnern gut 160Millionen Euro kassiert. Aber würde für Kassel die Gebietsreform in jenem Maßstab nachgeholt, von dem Wiesbaden in den siebziger Jahren profitierte, schnellte die Einwohnerzahl auf 320.000 bis 380.000 empor. Dann wären gewerbestarke Standorte wie Niestetal oder Fuldabrück dabei und Kassel könnte seine Position festigen.

          Aber um die Gebiets- oder Regionalreform ist es ruhig geworden in Kassel. Die SPD hatte lange Zeit eine Regionalreform nach dem Vorbild Hannovers thematisiert. Stadt und Umland sollten einen Regionalkreis bilden. Aber mit den guten Zahlen ist das Selbstbewusstsein der Stadt gewachsen. Die Verschiebung ökonomischer Fakten offenbart, dass das einst reiche Umland im Kragenkreis um Kassel eher verliert, während die Stadt wirtschaftlich gewinnt. Sah es früher so aus, als brauchte die Großstadt den Landkreis, drehen sich die Verhältnisse um.

          Offen sprechen Kasseler Sozialdemokraten, die bisher auf die SPD im Umland Rücksicht nehmen mussten, von der Gebietsreform und damit der Eingemeindung von Vororten. Dabei blicken sie an den Main: Offenbach sei im Vergleich mit Hanau, Frankfurt oder Wiesbaden abgeschlagen in der wirtschaftlichen Entwicklung. Dieser Stadt müsse geholfen werden, zumal Frankfurt an seine Grenzen stoße. Übernähme aber Frankfurt die Nachbarstadt im Südosten, wäre es nur gerecht, auch die Erweiterung im Nordwesten um Eschborn zuzulassen. Sollte dies aber alles so geschehen, was ohne lokalpatriotische Trübung des Blicks sinnvoll erscheine, wäre auch die Tür zu einer Gebietsreform für Kassel aufgestoßen.

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