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In Zeiten von Netflix und Co. : Älteste Videothek der Welt wird zum Museum

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Verstaubt aber nicht vergessen: In Deutschlands ältester Videothek finden sich so manche Filmklassiker. Bild: dpa

Filme aus dem Internet haben Videotheken zum Großteil aus den Städten verdrängt. Doch ein Traditionsgeschäft wehrt sich gegen den Trend und kämpft mit einer ungewöhnlichen Idee ums Überleben.

          Eine verstaubte Film-Kassette mit unbekanntem Inhalt aus dem Keller der ältesten Videothek Deutschlands - bei einem solchen Fund wird selbst hartgesottenen Filmfans mulmig: „Man kriegt schon Angst, wenn man dann auf Play drückt“, sagen Ralf Stadler (44) und Christoph Langguth (39). Denn was in den Archiven des Kasseler Film-Shops schlummert, wissen selbst die neuen Betreiber nicht. Stadler und Langguth gehören zu Randfilm, dem Verein, der vor über einem Jahr die berühmte Videothek vor dem Untergang bewahrte.

          Seitdem sichten sie Bestände. 22.000 Filme lagern in den verwinkelten Räumen. „Das sagt man zumindest, es gibt keine digitale Erfassung“, erklärt Stadler. Doch bisher haben die Filmfans nach eigenen Aussagen nur gute Erfahrungen beim Sichten der Filme gemacht, obwohl der Bestand von Hollywood-Blockbustern über Klassiker bis hin zu blutigen Splatterfilmen und Pornos reicht.

          Diese Mischung will der Kasseler Verein Randfilm erhalten. Er hat sich der Förderung „der abseitigen Film- und Kinokultur“ verschrieben. Der Film-Shop ist ein Stück davon: Die kleine Videothek nahe der Innenstadt hat einen legendären Ruf. Das 1975 gegründete Geschäft steht wegen seines Alters im „Guinness-Buch der Rekorde“. Die Betreiber behaupten sogar, es sei die älteste Videothek der Welt.

          Ganz besonderer Charme

          Doch die Konkurrenz durch den Filmabruf bei Streamingdiensten im Internet setzte dem Film-Shop zu. 2017 drohte das Aus, eine Spendenaktion sollte das Traditionsgeschäft retten. Das Spendenziel von 29.000 Euro wurde zwar verfehlt. Trotzdem übernahm Randfilm die Videothek. „Emotional waren wir schon so reingewachsen, dass es nicht mehr denkbar war, dass wir es sein lassen“, erklärt Stadler.

          Film-Shop: nicht nur eine Videothek, sondern eine Mischung aus Filmverleih, Museum und Kultur-Veranstaltungsort.

          Der Verein machte aus der Not eine Tugend: Die abgenutzten, schmuddeligen Räume tragen wesentlich zur Atmosphäre bei. Der Film-Shop entstand aus zwei Wohnungen und einer Fahrschule - und das sieht man ihm auch an. Seit der Übernahme durch Randfilm hat sich Videothek verändert: Sie ist eine Mischung aus Filmverleih, Museum und Kultur-Veranstaltungsort.

          Kampf gegen die mächtigen Streaming-Dienste der Welt.

          So entstand ein Vorführsaal für 25 Zuschauer mit Leinwand. Auf der sind reguläre Kinofilme zu sehen, die aber kaum ein Kino zeigen wolle, sagt Langguth. Die frühere Vorführkammer bot gerade einmal Platz für sechs Personen. Heute ist sie ein Museumsraum für Filme des Super 8-Formats. An der Wand guckt Terence Hill von einem uralten Filmplakat für „Mister Billion“, darüber posiert Bud Spencer für „Auch die Engel essen Bohnen“. Neue Ausstellungen sollen folgen.

          Klassiker kaum zu finden

          Der Film-Shop will an die Zeit erinnern, als Filme durch Techniken wie das Video Home System (VHS) den Massenmarkt eroberten. Für Stadler und Langguth war das eine goldene Zeit: „Das Home-Entertainment hat zu einer Vielfalt geführt“, sagen sie. Die sei heute bedroht: „Die Kultur wird ökonomisiert und vieles geht verloren.“

          Vielfältige Auswahl: Ein dunkler Vorhang trennt die Abteilung mit pornografischen Titeln.

          Gemeint sind die Streaming-Giganten wie Netflix und Amazon. Zwar wirke deren Angebot riesig. Doch das täusche: „Citizen Kane“ beispielsweise war zuletzt laut dem Internetportal „Werstreamt.es“ bei keinem Anbieter im Programm. Im Film-Shop gibt es den Klassiker und aktuelle Filme. Ab einem Euro pro Tag kann man leihen.

          Blick in einen kleinen Vorführraum des Film-Shops.

          Videotheken sind schon lange auf dem Rückzug: 4500 gab es zur Jahrtausendwende in Deutschland. Heute sind es laut dem Interessenverband des Video- und Medienfachhandels in Deutschland (IVD) noch 601. Auch wenn viele das Sortiment um Getränke, Popcorn und Lebensmittel erweitert haben: „Das Hauptgeschäft ist weiter der Film“, sagt IVD-Vorstand Jörg Weinrich. Das Hauptproblem sieht der Verband in der Online-Piraterie. Solange man die nicht in den Griff kriege, sehe es für Videotheken düster aus.

          „Hier bekommt man auch ältere Filme“

          Im Film-Shop geht es seit der Übernahme durch Randfilm aufwärts: 10 bis 20 Kunden kämen pro Tag. „Hier bekommt man auch ältere Filme“, sagt Olga Platzer, die gerade in den Regalen stöbert. Sie wolle die Leute vor Ort unterstützen statt große Streamingdienste.

          Trotzdem besteht der Film-Shop nur dank ehrenamtlicher Helfer. Nach Feierabend stehen Mitglieder von Randfilm bis zu sechs Stunden täglich von Mittwoch bis Samstag hinter dem Tresen. Der Verleih erfolgt stilecht ohne Computer - die Filme werden auf einer Karte notiert. Geld komme zudem durch Veranstaltungen herein, die von der hessischen Filmförderung und der Stadt Kassel unterstützt würden.

          So war der Film-Shop Teil der Kasseler Museumsnacht. Dazu sei die Ecke mit den Sexfilmen abgehangen und verdunkelt worden, berichtet Stadler. Doch die Besucher seien hineingegangen und hätten mir ihren Handys die Wände abgeleuchtet: „Die dachten, dass das zur Ausstellung gehört.“

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